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Witt über Corona-Zeit: "Sport wurde regelrecht verboten"

Die Eiskunstlauf-Olympiasiegerin engagiert sich in Dresden für Menschen mit Beeinträchtigungen. Im Interview sagt sie, was im deutschen Sport derzeit schiefläuft.

Katarina Witt eröffnete in Dresden den Para-Eishockey-Cup.
Katarina Witt eröffnete in Dresden den Para-Eishockey-Cup. © dpa/Daniel Schäfer

Dresden. Katarina Witt muss heftig lachen. Damit hatte die einstige Eiskunstlauf-Königin nicht gerechnet, aber sie nimmt es locker. Als die 55 Jahre alte Chemnitzerin in Dresden den Para-Eishockey-Cup eröffnet, dessen Schirmherrin sie ist, bittet sie ein Fan um ein Autogramm auf einem besonderen Magazin. Der Mann legt der Olympiasiegerin von 1984 und 1988 und viermaligen Weltmeisterin tatsächlich ein Exemplar des Playboy vom Dezember 1998 vor, in dem sie sich unverhüllt gezeigt hatte. Freundlich setzt sie ihre Unterschrift, macht Selfies mit den Fans und spricht mit den Journalisten über ihr Engagement, Olympia sowie die angespannte Lage im Sport.

Katarina Witt, von Ihrer Beziehung zum Para-Eishockey ist bislang wenig bekannt. Wie kommen Sie dazu?

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Ich habe seit mehr als 15 Jahren eine Stiftung, die Kinder und Jugendliche mit körperlicher Beeinträchtigung unterstützt. Vor ein paar Jahren hat sich das Para-Eishockeyteam mit einem direkten Projekt um eine Sportförderung bei uns beworben. Eis und Eis – es war klar: Das machen wir. Den ersten Cup hatten wir 2019 in Berlin. Ich fand ganz goldig, dass die Jungs gesagt haben: „Komm, wir nennen es Katarina-Witt-Cup.“ Ich war erst etwas vorsichtig, weil man denken könnte, es ist ein Eiskunstlauf-Wettbewerb. Aber dadurch bekommen wir natürlich mehr Aufmerksamkeit.

Was versprechen Sie sich von dem Cup in Dresden?

Es ist toll, dass wir dieses Turnier hier durchführen können und Dresden uns so unterstützt. Es ist nach wie vor nicht einfach, eine taugliche Halle zu finden für Training oder Turniere. Vielleicht hilft die Unterstützung durch meine Stiftung, dass sich auch mal andere Türen mit öffnen. Das Turnier in Dresden ist durch meine Stiftung komplett finanziert. Eine Summe möchte ich aber nicht nennen.

Saßen Sie selbst schon mal auf einem solchen Para-Schlitten?

Ich wollte es wirklich probieren, habe es mir aber noch nicht getraut, muss ich gestehen. Das ist ja auch ein Sport, der integrativ wirken kann. Jugendliche mit Nichtbehinderung können gemeinsam mit den Sportlern trainieren.

Bekommt der Para-Sport Ihrer Ansicht nach genügend Aufmerksamkeit?

Er müsste viel mehr bekommen. Es war während der Corona-Zeit eine große Tragödie, dass der Sport insgesamt regelrecht verboten wurde. Für Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung ist das noch schlimmer, wenn sie nirgends eine Halle haben, in der sie aktiv bleiben können. Sie brauchen die Muskelkraft. Das, was ihnen fehlt, müssen sie anderweitig kompensieren. Für viele – gerade für Kinder mit Beeinträchtigung – ist der Sport oftmals der einzige soziale Kontakt, den sie haben. Das ist alles ausgefallen. Ich finde, das darf nie mehr passieren.

Für Ihre emotionalen Facebook-Postings während der Lockdowns ernteten Sie viel Zuspruch. Wie bewerten Sie die 3G-Regel für den Sport?

Wir werden nicht von heute auf morgen in eine Normalität zurückkommen. Deshalb finde ich es schon wichtig, dass bestimmte Regeln eingehalten werden.

Wie bewerten Sie den derzeitigen Stellenwert des Sports in Deutschland?

Unser Land ist sehr sportaffin, die Menschen lieben Sport, sie achten und respektieren auch ihre Sportler. Natürlich könnte der Sport noch wertiger betrachtet werden. Nicht immer nur bei den Olympischen Spielen. Man arbeitet und trainiert das ganze Leben darauf hin, dort dabei sein zu dürfen und eine Chance zu haben, eine Medaille zu gewinnen. Das Ergebnis von Tokio war nicht zufriedenstellend, das muss man klar sagen. Es gab supertolle Momente und Erfolge. Aber insgesamt: Was ist mit unserer Sportnation passiert? Wo stehen wir? Wir sind weit weg von der Weltspitze. Das spiegelt sich auch im Leistungssport wider. Selbst Fußball. Das sollte man analysieren. Der Erfolg unserer Athleten ist wichtig für das Land, für viele Menschen, die mitfiebern, Daumen drücken. Aber man muss überlegen: Braucht der Sport noch mehr Unterstützung?

Was müsste aus Ihrer Sicht passieren, damit der Stellenwert des Sports steigt, die Ergebnisse besser werden?

Dafür bräuchte ich jetzt eine lange Redezeit. Wir machen gerade eine sehr schwierige Zeit durch. Sehr viele Menschen krempeln ihre Ärmel hoch, sind fleißig und ziehen es durch. Es werden vielen aber auch sehr große Hürden in den Weg gestellt und man will, man darf und kann nicht so richtig. Es fehlt dabei etwas dieses Wir-Gefühl, glaube ich. Es ist andererseits doch erstaunlich und bewundernswert, wie die Menschen in diesem Land zusammenhalten, wenn Notsituationen eintreten. Das haben wir jetzt wieder bei dieser furchbaren Flutkatastrophe gesehen, wie viel Anteilnahme, Solidarität und Hilfsbereitschaft gezeigt wird. Das sind die Nachbarn, die Menschen untereinander. Das ist etwas, worauf man noch viel mehr vertrauen sollte. Der Sport, die Kunst und die Kultur sind etwas, was die Menschen zusammenbringt, wo man sich gemeinsam freut, ärgert oder traurig ist.

Sie sind viel unterwegs. Wie schaut man von außen auf Deutschland?

Das ist gerade schwer zu sagen. Ich habe das Gefühl, wir schmoren im Moment ein bisschen im eigenen Saft. Dabei können wir sehr stolz sein, auf vieles, was bei uns funktioniert. Aber dafür sorgen die Menschen, die es machen, die von sich aus vernünftig, verantwortungsvoll sind, die anpacken, die helfen wollen, fleißig sind. Das ist genau der Punkt: Einfach mal machen. Nicht überlegen, was ist jetzt der nächste Schritt.

Was heißt das für Sie in Bezug auf den Umgang mit der Corona-Pandemie?

Ich gehe davon aus, es gibt keinen weiteren Lockdown, den darf es auch nicht geben. Man muss Wege finden, wie wir gemeinsam mit diesen Schwierigkeiten zurechtkommen. Man sollte Dinge schneller entscheiden, reagieren, einfach machen. Die Fantasie und Beweglichkeit ist uns ein bisschen abhandengekommen. Fehler können passieren, aber dann sucht man eben einen anderen Weg. So nähme man die Menschen mehr mit, als wenn man nur abwartet. Viele Dinge entstehen auf dem Weg. Wichtig ist, dass man losmarschiert – und das möglichst gemeinsam.

Ihre Stiftung unterstützt auch das 25. Deutsche Gehörlosensportfest Ende August. Werden Sie dann erneut in Dresden sein?

Ja. Wir haben vor zwei Jahren auch das Wintersportfest unterstützt. Als ich erfahren habe, dass das Sportfest nach Dresden kommt, habe ich mir gesagt: Das müssen wir mit der Stiftung fördern. Und das tun wir mit einer großzügigen Summe.

Zu Ihren aktiven Zeiten waren Sie viel seltener in Dresden.

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Das stimmt, ich war noch zu DDR-Zeiten mit einem Schaulaufen hier in der damaligen Eishalle. Natürlich war ich zwischendurch in Dresden, zu öffentlichen Anlässen, leider viel zu selten und zu kurz, anstatt mal Kunst und Kultur zu genießen.

Das Gespräch notierte Alexander Hiller.

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