merken
PLUS Sport

Altenberg plant für die Bob-WM mit zwei Varianten

Dass die Weltmeisterschaften in knapp drei Monaten stattfinden, steht für Verband und Organisatoren außer Zweifel. Die Frage ist vielmehr, wer alles dabei sein kann.

Die WM-Vorbereitungen laufen, und Bahnchef Jens Morgenstern (rechts) ist nicht nur zuversichtlich, sondern auf Überraschungen aller Art eingestellt.
Die WM-Vorbereitungen laufen, und Bahnchef Jens Morgenstern (rechts) ist nicht nur zuversichtlich, sondern auf Überraschungen aller Art eingestellt. © Egbert Kamprath

Altenberg. Hundert Tage waren mal eine besondere Marke. Bekam jemand ein neues Amt, wurde ihm dieser Zeitraum als Einarbeitungsfrist gewährt und danach eine erste Bilanz gezogen. Doch so lange kann und will inzwischen kaum einer warten. Auch der beliebte Passus, dass in hundert Tagen dieses und jenes beginnt, wirkt irgendwie fehl am Platze. Derzeit lässt sich nicht mal verlässlich sagen, was in zwei, drei Wochen ist, geschweige denn Mitte Februar 2021.

Dann sind, ab jetzt gerechnet, hundert Tage rum – und die Bob- und Skeleton-Weltmeisterschaften in Altenberg gerade beendet. Ob der Pirnaer Francesco Friedrich dann zum siebenten Mal hintereinander den Titel im Zweierbob eingefahren hat und wie bei den vier vorangegangenen Großereignissen noch dazu auch den Sieg mit dem Vierer? Selbst wenn Prognosen in diesen Tagen nicht viel wert sind, darauf kann man fast verlässlich wetten – wenn die WM überhaupt stattfindet.

Anzeige
Prachtvolle Geschenkidee zu Weihnachten:
Prachtvolle Geschenkidee zu Weihnachten:

Zeitreisen verschenken mit TimeRide. Alle Gutscheine einlösbar an allen TimeRide Standorten in Berlin, Dresden, Frankfurt, Köln und München.

Die Triumphfahrt in Altenberg: Francesco Friedrich und Thorsten Margis fahren zum WM-Sieg im Zweier, und tausende Fans an der Bahn sind dabei. Im Februar 2021, das ist schon jetzt sicher, wird das anders sein.
Die Triumphfahrt in Altenberg: Francesco Friedrich und Thorsten Margis fahren zum WM-Sieg im Zweier, und tausende Fans an der Bahn sind dabei. Im Februar 2021, das ist schon jetzt sicher, wird das anders sein. © Lutz Hentschel

Eine Wette darauf muss man Jens Morgenstern nicht anbieten. Altenbergs Bahnchef, der wie schon bei der WM in diesem Jahr auch das Organisationskomitee leitet, kennt die Infektionszahlen. Er weiß aber auch, was im Hochleistungssport möglich ist. Zum Beispiel diese WM unter Corona-Bedingungen, die der Weltverband im September nicht ohne Grund vom nordamerikanischen Lake Placid ins Osterzgebirge verlegte. Zum zweiten Mal in Folge also Altenberg – das ist ein Novum in der Geschichte der Sportart, eine WM mit einem weltweit verbreiteten Virus allerdings auch.

„Doch eines muss uns angesichts der Covid-19-Pandemie allen bewusst sein: Die WM 2021 wird komplett anders sein als die in diesem Jahr“, sagt Morgenstern. Über den Zuschlag freut er sich dennoch, das sichert Investitionen und Arbeitsplätze, öffentliche Beachtung und hilft nicht zuletzt dem Tourismus. In der engeren Wahl sind nach SZ-Informationen noch der Königssee und St. Moritz gewesen.

Das Wichtigste ist auch für Bobsport die TV-Präsenz

Auf zwei Szenarien bereiten sich Morgenstern und sein Team mittlerweile vor: Variante eins mit wenig Zuschauern an der Bahn und Variante zwei komplett ohne Publikum. „Es wäre Kaffeesatzleserei, heute eine definitive Aussage zu treffen. Es hängt letztlich vom Infektionsgeschehen und den damit verbundenen Auflagen ab. Dazu sind wir im ständigen Austausch mit den Gesundheitsbehörden des Landkreises“, sagt Morgenstern.

Mehr Unterstützung denn je gibt es zudem vom deutschen Bob- und Schlittenverband, der mit der Bahn am Königssee nun als Ersatz für die im kanadischen Whistler geplante Rodel-WM aushilft. Mit ausgefeilten Hygiene-Konzepten will man sowohl die deutschen Weltcup-Rennen als auch beide Weltmeisterschaften durchziehen. „Wir leben davon, dass wir im TV präsent sind, Fernsehgelder regenerieren und unsere Sponsoringverträge mit unseren Partnern erfüllen“, sagt Verbandschef Thomas Schwab.

„Deutliche Einschnitte“ hat auch er bereits einkalkuliert. „Wir werden nicht schadensfrei durchkommen, diese Illusion mache ich mir nicht. Wir haben jetzt schon, und da sind wir in den Wintersportverbänden führend, an die 1.000 Covid-Tests in unserem Verband. Die Umfänge sind enorm“, betont Schwab. Positive Fälle habe es ebenfalls schon gegeben.

Wieder Vierer-Weltmeister, das dritte Mal hintereinander - und das noch bei der Heim-WM in Altenberg: Francesco Friedrich mit Sohn Karl auf den Schultern und seinen Anschiebern Martin Grothkopp, Candy Bauer und Alexander Schüller (von rechts).
Wieder Vierer-Weltmeister, das dritte Mal hintereinander - und das noch bei der Heim-WM in Altenberg: Francesco Friedrich mit Sohn Karl auf den Schultern und seinen Anschiebern Martin Grothkopp, Candy Bauer und Alexander Schüller (von rechts). © Lutz Hentschel

In Altenberg geht Morgenstern bereits jetzt auf Nummer sicher. Der Bahnbetrieb läuft zwar unvermindert weiter, nur steht der Eiskanal derzeit ausschließlich Bundeskadern zur Verfügung. Sie trainieren, wie vergangene Woche die Bob-Nationalmannschaft um Ausnahmepilot Friedrich, hinter verschlossenen Toren. Zuschauer sind kategorisch verboten, übrigens auch beim Rodel-Weltcup am ersten Dezember-Wochenende an gleicher Stelle.

„Wir müssen die Saison schaffen und alle bis zur WM bringen, den ganzen Tross, damit es den Bobsport, wie wir ihn kennen und lieben, auch weitergibt“, erklärt Friedrich, der längst auch außerhalb der Bahn zum Anführer seiner Sportart gereift ist. „Ich habe mich wahnsinnig gefreut, dass Altenberg wieder WM-Gastgeber ist. Für mich hat das viele Vorteile. Aber ich sehe das auch zweischneidig. Für ausländische Teams ist die schwierige Bahn immer eine große Herausforderung, und im Hinblick auf Olympia 2022 wäre Lake Placid für uns ein sehr guter Test gewesen“, sagt er.

Heißt de facto: Friedrich weiß selbst genau, dass er sich auf der Heimbahn im Prinzip nur selbst schlagen kann. Zu stabil ist seine Fahrweise, zu dominierend sind er und seine Anschieber im athletischen Bereich. Die Ergebnisse in den jüngsten Tests lassen darauf schließen, dass sich daran in den Sommermonaten nichts geändert hat.

Weiterführende Artikel

Rodeln im Corona-Hotspot

Rodeln im Corona-Hotspot

Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt bei über 400, trotzdem findet der Weltcup in Altenberg statt. Wie und warum geht das?

Bob-Dominator Friedrich siegt weiter

Bob-Dominator Friedrich siegt weiter

Der Rekordweltmeister aus Pirna zeigt gleich beim Weltcup-Auftakt in Lettland, dass er noch immer der Beste ist. Auch die anderen Deutschen sind stark.

Altenberg veranstaltet 2024 die Rodel-WM

Altenberg veranstaltet 2024 die Rodel-WM

Die nächsten drei Weltmeisterschaften finden auf einer deutschen Bahn statt. Für Altenberg bedeutet die WM aber noch mehr. Nicht nur der Bahnchef ist begeistert.

Friedrich führt deutsches Bob-Team an

Friedrich führt deutsches Bob-Team an

Der Rekordweltmeister aus Pirna will wieder Historisches schaffen. Die anderen sächsischen Teams müssen auf Umwegen zur Heim-WM im Februar in Altenberg.

Selbst Corona und sämtliche Unwägbarkeiten haben den 30-Jährigen nicht aus dem Tritt gebracht. Eher ist das Gegenteil eingetreten, Team Friedrich arbeitet noch professioneller – und rechnet auch größer. Von wegen hundert Tage ... Bei Facebook meldete sich Friedrich kürzlich zu Wort. Überschrift: „Historisches Olympia-Kapitel im Visier – 500 Tage bis Peking“.

Mehr zum Thema Sport