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So erlebte die Sächsische Schweiz das Unwetter-Chaos

Sturzbäche haben Teile der Sächsischen Schweiz mit Schlamm und Geröll überschüttet. Ein Lagebericht aus Bad Schandau.

"Jetzt hilft nur, irgendwas zu tun." Jens Webersinn auf seinem verwüsteten Grundstück an der Schinkemühle in Krippen.
"Jetzt hilft nur, irgendwas zu tun." Jens Webersinn auf seinem verwüsteten Grundstück an der Schinkemühle in Krippen. © Marko Förster

An diesem Sonntag erwacht Bad Schandau mit Staub im Gesicht. Der Schlamm, den die Sturzbäche des vorigen Tages auf die Straßen gespült haben, trocknet und wird von den Rädern der Feuerwehrwagen, die schon wieder zu Einsatz rollen, zu Pulver gemahlen. Aber auch von den Rädern der Touristenautos. Am Feuerwehrdepot hat die Polizei die Bundesstraße Richtung Schmilka gesperrt. Wer hier nicht hingehört, der muss umkehren.

So schön der Tag auch ist: Die Straßensperre muss sein, sagt Kai Bigge. "Die Leute fahren uns sonst den Hintern ab." Damit meint er nicht nur die Auswärtigen. Es gibt auch genug Einheimische, sagt er, die überall durch müssen, die auf der Straße wilde Sau spielen. Er vermisst die Sensibilität für die Lage. "Alle sollten doch wissen, was hier los ist."

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Kai Bigge ist der Stadtwehrleiter von Bad Schandau. Die letzte Nacht war er bis halb drei im Feuerwehrgerätehaus, das als Befehlsstelle dient, im Dienst. Und heute, seit dreiviertel acht, hat er die Uniform schon wieder an. Insgesamt 130 Feuerwehrleute werden von hier aus koordiniert. Sie sind vor allem mit der Beräumung des Schwemmguts und mit dem Freispülen der Straßen beschäftigt. Der Wehrchef hofft, dass bis zum Abend diverse Sperrungen Geschichte sind. Für die B 172 trifft das zumindest zu.

Sturzbach vor der Haustür: Brunhilde Huke und Werner Wengler entschlammen ihr Grundstück in Postelwitz.
Sturzbach vor der Haustür: Brunhilde Huke und Werner Wengler entschlammen ihr Grundstück in Postelwitz. © SZ/Jörg Stock

Was passiert ist, lässt sich einfach zusammen fassen: Zu viel Wasser, von überall her. In den Nachmittagsstunden des Sonnabends fing der Regen an und schüttete bis zum Abend immense Mengen Wasser über die Sächsische Schweiz, siebzig oder auch achtzig Liter auf den Quadratmeter. Die Elbzuflüsse, etwa Kirnitzsch, Sebnitz, Polenz und Krippenbach, schwollen rasant an. Sie fluteten Gärten, Keller und Häuser, frästen Furchen in die Straßenbankette und rissen Asphaltschollen mit sich.

In Bad Schandau kam das Wasser aber auch über die Hänge, von den Höhen Ostraus, herab geprescht. Das erzählen Werner Wengler und Brunhilde Huke, die vor ihrem Haus im Ortsteil Postelwitz für einen Augenblick Besen und Kärcher ruhen lassen. Ein Bach sei auf einmal vom Berg herab geschossen, mit Steinen, Ästen, Müll, genau an der Haustür vorbei, und dann über die Stützmauer zur Straße hinunter gebraust. "Es sah aus wie der Trusetaler Wasserfall", sagt Werner Wengler.

Hochwasser kennen die beiden zur Genüge, wie fast alle hier. Zur Jahrhundertflut 2002 stand die Elbe eins fünfzig hoch im Haus. Aber dass es mal derart heftig von oben gekommen wäre, daran kann sich Brunhilde in fünfzig Jahren ihres Hierseins nicht erinnern. Der Feuerwehr sei es gelungen, den Sturzbach mit Folien und Sandsäcken zu kanalisieren, sagt Wengler. Über die Schwelle hat es die Brühe nicht geschafft. "Glück gehabt."

Wasser marsch am Zahnsgrund: Rückstände der Flut werden davon gespült.
Wasser marsch am Zahnsgrund: Rückstände der Flut werden davon gespült. © SZ/Jörg Stock

Während an dieser Stelle von Postelwitz der Schlamm lediglich knöchelhoch liegt, mit kindskopfgroßen Steinen und zertrümmerten Gartenfröschen, sind die Findlinge fünfhundert Meter weiter, am sogenannten Zahnsberg, schon so groß wie Autoräder. Radlader haben sie zu Haufen aufgetürmt. Noch immer strömt Wasser über die Straße. Der Durchlass ist verstopft.

Der Straßenmeister fotografiert die Misere. Sieht nicht gut aus, sagt er. Andreas Kaulfuß, Malermeister, unterhält genau neben dem Sturzbach die "Ferienwohnungen am Zahnsborn". Er räumt den Parkplatz, damit das Geröll hier zwischengelagert werden kann. Etwa einen halben Meter hoch habe das Schwemmgut auf der Straße gelegen, und das in kürzester Zeit. "Die Schnelligkeit ist das Dramatische", sagt er. "Es gibt keine Vorwarnzeit."

Die Feuerwehr packt die Schläuche aus, spült mit Wasser aus ihren Tanks und aus dem Hydranten die Fahrbahn sauber. Dabei muss sie immer wieder innehalten, warten, bis Wandergruppen, Radler und eintreffende Urlauber sich durch den Einsatz geschlängelt haben. Die einen kämpfen gegen die Katastrophe, die anderen mit ihrem Rollkoffer - surreale Szenen.

Flutopfer: Dieser Postelwitzer Gartenfrosch hat den Sturzregen nicht überlebt.
Flutopfer: Dieser Postelwitzer Gartenfrosch hat den Sturzregen nicht überlebt. © SZ/Jörg Stock

Auf der anderen Elbseite parkt eine schwere schwarze Limousine am oberen Ortsrand von Krippen. Innenminister Roland Wöller (CDU) ist ausgestiegen, um mit Michael Geisler (CDU), dem Landrat, und Thomas Kunack (WV Tourismus), dem Bürgermeister von Bad Schandau, die Zerstörungen zu betrachten. "Wir müssen wissen, über welche Schäden wir reden", sagt Wöller zu den Reportern. Im Kabinett werde man sich diese Woche darüber unterhalten, wo und in welchem Umfang man helfen könne.

Im Rücken des Ministers steht die alte Schinkemühle. Dort sieht man Leute Schaufeln schwingen, mit Schubkarren Schwemmsand aus dem Haus bugsieren. Der Minister könnte mit wenigen Schritten dort sein. Aber es gibt keinen Weg mehr. Die Brücke ist unter einem Haufen Trümmer verschwunden: Bäume, Bretter, Möbel. Dieser Haufen leitet den Krippenbach direkt ins Grundstück, wo er nun, zwischen Sandbänken und Steinbrocken, dahinflutet. Das Mühlenhaus ist eine Insel geworden.

Auf einem Pfad, hintenrum, in Gummistiefeln, lässt sich diese Insel erreichen. Jens Webersinn, 54, Maschinenbauer, ist der Hausherr. Erst hat er noch den Schafzaun gerettet, erzählt er, dann das Motorrad, dann, als die Brücke dicht war, der Bach auf den Hof strömte, habe man nur noch versucht, Sachen "hoch zu bocken". Das Wasser drückte die Türen auf und richtete sich im Erdgeschoss ein - bis Unterkante Fenster.

Politiker in der Wüste (v.l.): Bad Schandaus Bürgermeister Thomas Kunack, Sachsens Innenminister Roland Wöller, Landrat Michael Geisler.
Politiker in der Wüste (v.l.): Bad Schandaus Bürgermeister Thomas Kunack, Sachsens Innenminister Roland Wöller, Landrat Michael Geisler. © Marko Förster

Seit früh um sieben sind sie nun am Aufräumen, haben einen halben Meter Geröll aus der Mühle geschippt. Was mit der Trümmerwüste auf dem Hof wird, unter der die Wildblumenwiese mit den Teekräutern begraben liegt, weiß der Hausherr nicht. Schweres Gerät soll kommen, vom Technischen Hilfswerk, sagt er. Aber wann?

Die Mühle war Webersinns Traum: Sie herrichten, darin leben. Seit über zwanzig Jahren arbeitet die Familie dafür. Aber jetzt schwindet dieser Traum, sagt Jens Webersinn. Ob und wie es weitergeht - er hat keine Ahnung. Es ist schwer, einen klaren Gedanken zu fassen, sagt er. So arbeitet er einfach weiter. "Jetzt hilft nur, irgendwas zu tun."

Bürgermeister Thomas Kunack wohnt nur ein paar Meter von der Mühle entfernt. "Ich bin sprachlos", sagt er angesichts der Verwüstung. Als der Regen anrückte, habe man gehofft, der Kelch gehe an der Gemeinde vorüber. Doch umsonst. Das Ausmaß der Schäden sei noch nicht zu beziffern, sagt er. Fürs Aufräumen werde man Prioritäten setzen und diese abarbeiten. "Wir sind mit einem blauen Auge davon gekommen."

Wird hier je wieder geschaukelt? Der Hof der Krippener Schinkemühle steht auch am Sonntagnachmittag noch unter Wasser.
Wird hier je wieder geschaukelt? Der Hof der Krippener Schinkemühle steht auch am Sonntagnachmittag noch unter Wasser. © Marko Förster

Das sagt auch Kai Bigge, der Feuerwehrchef, wobei er weiß, dass für den Einzelnen die Unwetterfolgen mitunter dramatisch sind. So seien zwei Häuser in Schöna womöglich einsturzgefährdet, wegen Unterspülung.

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Kai Bigge führt die Feuerwehr in Bad Schandau seit vierzehn Jahren. Er hat schon viel gesehen. Wer nicht glaubt, dass diese Unwetter mit dem Klimawandel zu tun haben, sagt er, der ist selber schuld. Er möchte nicht philosophisch klingen. Aber vielleicht holt sich die Natur jetzt das, was sie zurück haben möchte. "Wir werden damit leben müssen."

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