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"Wir sind Restgeld-Empfänger"

Landwirt Hagen Stark über Ungerechtigkeit, Corona, Schweinepest, Politik und seine Idee, wie die Bauern in der Oberlausitz eine Zukunft bekommen.

Hagen Stark ist Landwirt, Tierarzt und Gesicht von "Land schafft Verbindung" im Kreis Görlitz.
Hagen Stark ist Landwirt, Tierarzt und Gesicht von "Land schafft Verbindung" im Kreis Görlitz. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Hagen Stark ist für den Landkreis Görlitz das Gesicht von "Land schafft Verbindung" - jenes Vereins, der seit 2019 bundesweit die Interessen der Bauern auch mal mit spektakulären Aktionen wie einer Traktoren-Sternfahrt nach Berlin vertritt. In diesem Jahr hat das Coronavirus die Aufmerksamkeit von den Problemen der Bauern abgezogen. Über die Lage ein Gespräch mit dem Kemnitzer Landwirt und Tierarzt:

Herr Stark, Landwirte haben in den letzten Tagen mehrfach die Warenlager von Discountern bestreikt, um ein Zeichen gegen die Preispolitik zu setzen. Geht Ihre Familie denn noch bei Lidl & Co. einkaufen?

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Hagen Stark (lacht): Ja, auch meine Familie kauft in Supermärkten und versorgt sich genauso vom eigenen Hof. Als Unternehmer sehen wir dabei aber natürlich kritisch, wie das System funktioniert. Deshalb fordern wir, dass Landwirte an der Wertschöpfungskette mehr beteiligt werden. Es kann nicht sein, dass einige wenige Unternehmen mit 87 Prozent Marktanteil den meisten Gewinn erwirtschaften, wir Landwirte können das über den Verkauf unserer Produkte hingegen nicht.

Weil Sie die Preise nicht selbst bestimmen, sondern vorgegeben bekommen?

Stark: Ja. Eigentlich kommen wir am Ende nur mithilfe der EU-Ausgleichzahlungen -manche nennen es Subventionen - immer irgendwie gerade so hin. Diese Zahlungen sind in den 70er Jahren aus ganz anderen Gründen eingeführt worden. Heute werden sie mit immer mehr Bedingungen verknüpft. Nie zuvor haben deutsche Landwirte so gesunde und hochwertige Lebensmittel nach höchsten Standards - auch für das Tierwohl - produziert wie heute. Aber wir können unsere Preise bei der Marktmacht der Discounter und Molkereien nicht verhandeln. Wir liefern und bekommen den Preis gesagt. Wir sind Restgeld-Empfänger.

Bislang ging es "Land schafft Verbindung" nicht vordergründig um Geld...

Stark: Als wir gestartet sind, wollten wir eben nicht nur nach mehr Geld schreien. Wir wollen - nach wie vor - die Rahmenbedingungen verändern, mehr Mitsprache bei der Preisgestaltung und mehr Gehör bei Entscheidungen finden. Ob dieser Weg richtig ist, wird bei uns derzeit aber stark diskutiert, denn viele Höfe brauchen jetzt tatsächlich Geld, sie können kaum mehr Investitionen tätigen. Ein Beispiel: Nur sieben Prozent der Milchwirtschaftsbetriebe sagt, sie können von den Einnahmen leben.

Hat den Bauern Corona im Kreis zugesetzt?

Stark: Corona setzt momentan vor allem den Schweinebauern zu, denn durch die Schließung von großen Schlachthöfen wegen zahlreicher Infektionen unter den Mitarbeitern dort, hat sich bundesweit eine Art Schweinerückstau von einer halben Million Tiere gebildet. Das Paradoxe dabei: Während dadurch für uns der Schweinefleisch-Verkaufspreis pro Kilo von 1,25 Euro auf 1,10 Euro gesunken ist, sind die Preise im Laden gestiegen. Dort wird Gewinn gemacht, die Bauern haben davon aber nichts. Corona ist aber noch aus einem ganz anderen Grund für die Landwirte ein Horror: Wenn Mitarbeiter durch Infektionen und Erkrankungen ausfallen, dann muss die Arbeit trotzdem verrichtet werden, müssen Tiere gefüttert, Gülle abgefahren werden. Man kann ja nicht auf den Knopf drücken und alles zum Stillstand bringen.

Macht Ihnen die andere Seuche - die Afrikanische Schweinepest - momentan weniger Ärger?

Stark: "Land schafft Verbindung" hat von Anfang an auf einen festen Zaun an der Grenze zu Polen gedrungen, das war nicht möglich, aber es kam immerhin der Elektrozaun. Jetzt wird doch noch der feste Zaun gebaut. Trotz der Verzögerung ist die Arbeit des Krisenstabs in Sachsen hier deutlich besser als beispielsweise in Brandenburg. Man hat hier viel getan, die Jäger können jetzt doch Drückjagden veranstalten, um die Tierzahl zu minimieren. Ich persönlich habe auch in diesem Fall gelernt, dass in der Politik eben manches anders läuft als man sich das von außen so vorstellt: Die A4 ist eine natürliche Barriere für die Schweine, doch es gibt drei Wildbrücken in der Region, die geschlossen werden müssten. Das geht aber mal nicht eben so mit einem Anruf oder einer Mail, weil der Bund hier zuständig ist. Das dauert eben schon mal ein paar Wochen.

Das Wetter war dem Landkreis südlich der A4 in diesem Jahr hold - sehen Sie hier aber dennoch ein weiteres Problem für die Zukunft?

Stark: Insgesamt war das Jahr hier in der Region gut, auch wenn das Frühjahr etwas trocken ausgefallen ist. Aber mit solchen Veränderungen müssen die Landwirte seit jeher leben. Womit sie nicht leben müssen, sind die von uns angesprochenen Dinge. Für mich wäre perspektivisch das Ziel, dass die Landwirtschaft durch einen fairen Handel EU-weit leben kann. Das heißt konkret: ein faires Miteinander, gleiche Standards in gleichen Märkten, klare Herkunftskennzeichnungen und ein Außenschutz des Marktes sind unbedingt nötig. Das sind übrigens nicht nur unsere Forderungen. In vielen Fragen unterstützt uns auch der Landesbauernverband: Gemeinsam sind wir stark.

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