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"Frauen müssen doppelt mutig sein"

Maria Piechnick ist Entwicklungschefin bei Wandelbots, einem Start-up, das die Robotik revolutioniert. Im Interview erzählt sie von ihrem Job in einer Männerdomäne.

Maria Piechnick, Mitgründerin von Wandelbots, wünscht sich mehr Zuspruch für Gründerinnen.
Maria Piechnick, Mitgründerin von Wandelbots, wünscht sich mehr Zuspruch für Gründerinnen. © kairospress

Frau Piechnick, „Erfinden ist männlich“. Was sagen Sie zu diesem Satz, stimmt er?

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Vielleicht hat sich der Satz aus der Historie entwickelt, weil Frauen zu wenig sichtbar waren und leider immer noch sind. Aber ich bin der Überzeugung, erfinden ist geschlechter unabhängig.

Wie ist Ihre persönliche Definition von Innovation?

Für mich sind Innovationen, bestehende Dinge zu nutzen und neu zu verbinden, um einen Mehrwert zu schaffen.

Gilt das auch für die Sensorjacke zum Anlernen von Robotern, dem ersten Produkt von Wandelbots. Die Idee zur Sensorjacke kam von Ihnen. War es auch Ihre Idee, für die Umsetzung ein Unternehmen zu gründen?

Es war zu Beginn das Forschungsthema, das mich fasziniert hat. Für meine Doktorarbeit habe ich mich mit intelligenter Kleidung beschäftigt und dafür diese Jacke gebaut. Als ich jedoch die Möglichkeit bekommen habe, diese Idee in die Umsetzung und einen echten Mehrwert für Nutzer zu schaffen, und somit in die Wirtschaft zu holen, da wollte ich natürlich mitgründen.

Wie haben ihre Familie und Freunde auf diese Entscheidung reagiert?

Da bin ich tatsächlich das erste Mal auf das Thema gestoßen, warum es mehr Gründer als Gründerinnen gibt. Denn gerade mein Umfeld, aus dem ich gewohnt bin, dass Frauen sehr selbstbewusst in der Arbeitswelt unterwegs sind, äußerte viele Zweifel, ob ich denn selbst mitgründen sollte und ob ich dann genügend Zeit hätte für meine eigene Kleinfamilie. Als Wandelbots 2017 gegründet wurde, waren meine Kinder drei und sechs Jahre alt.

Was haben Sie diesen Zweifeln entgegnet?

Dass die Jacke meine Idee und für mich wie ein drittes Kind sei. Dass ich das Produkt gern selbst kreieren und schaffen möchte und natürlich auch die Firma mit aufbauen und entwickeln will. Dass ich mir damit einen Arbeitsplatz nach meinen Vorstellungen schaffen möchte. Und natürlich habe ich mein Umfeld daran erinnert, dass ich es immer als sehr modern und vorwärts gewandt erlebt habe und dass dies immer ein Vorbild für mich war.

Ihr Mann Christian ist CEO bei Wandelbots, Sie für die Entwicklung zuständig. Wie teilen Sie die Familienarbeit zwischen sich auf? Gibt es da klare Absprachen?

Das Thema der gerechten Aufteilung der Kinderbetreuung haben wir schon länger. Denn mein Mann und ich haben zur gleichen Zeit unsere Doktorarbeit geschrieben. Bei uns ist das sehr gleichmäßig aufgeteilt. Mein Mann unterstützt mich, und ich unterstütze ihn. Jeder packt mit an.

Das funktioniert auch in Zeiten der Pandemie mit Homeoffice und Homeschooling?

Ja. Wir haben jeden Morgen einen Tagessplan gemacht, wer wann welche Termine hat, und haben das den Kindern klar kommuniziert, auch welche Aufgaben sie selbst übernehmen müssen. Denn mit sieben und zehn Jahren sind sie in der Lage, auch schon allein bestimmte Dinge zu tun. Natürlich ging es auch ab und zu mal drunter und drüber. Wir sind seit acht Jahren verheiratet und seit 14 Jahren zusammen. Da haben wir gelernt, auf einander Rücksicht zu nehmen und zu merken, wann und wie man den anderen unterstützen kann.

Also sind Sie nicht ins Rollenbild der 50er Jahre zurückgefallen?

Nein, das kann ich überhaupt nicht von mir sagen.

Robotics ist eine Männer-Domäne. Müssen Sie sich da als Frau stärker als Ihr Mann behaupten?

Ich würde das auf das ganze Thema Technik ausweiten. Da müssen sich Frauen aktuell stärker beweisen, weil Frauen wie Männer immer noch in diese Stereotypen-Schubladen gesteckt werden, nach dem Motto, was Frauen besser können und was Männer besser können. Je mehr Beispiele und Vorbilder es von Frauen gibt und je vertrauter das wird, desto schneller wird sich das in der ganzen Branche ändern. Daran glaube ich schon.

Hatten Sie jemals das Gefühl oder die Erfahrung gemacht, nicht so ernst genommen zu werden wie ihre männlichen Gründerkollegen?

Ja schon, das kenne ich schon aus dem Studium. Es ist aber zu einem persönlichen Ansporn geworden zu zeigen was in mir steckt und gleichzeitig mit dem Ziel mir selbst treu zu bleiben.
In unserem Gründerteam selbst hatte ich allerdings nie das Gefühl. Da mussten wir uns als Startup generell behaupten und beweisen.

In der ersten Zeit sah man vor allem Ihren Mann auf öffentlichen Terminen. Seit einigen Monaten treten auch Sie öfter auf und sind auch Mitglied im Beirat „Junge Digitale Wirtschaft“ der Bundesregierung. War das eine bewusste Entscheidung, sichtbarer zu werden?

Es ist eher so nebenbei gekommen. Anfangs waren vor allem die Geschäftsführer viel unterwegs und haben nach außen kommuniziert. Ich war für die Entwicklung und das Design zuständig. Mit der Zeit hat sich das verändert, auch im Zuge der Debatte um die Frauenquote und Frauenförderung in Unternehmen und Startups. Das Thema ist in das öffentliche Bewusstsein getreten und ich unterstütze es gern. Gleichzeitig fehlt es nach wie vor an Gründerinnen, daher wurde ich unterschiedlichen Panels eingeladen, zu Tech- oder Start-up-Themen. So ist das Netzwerk gewachsen, auch in Richtung Politik.

Der Beirat „Junge digitale Wirtschaft“ hat eine ganze Fülle von Vorschlägen vorgelegt, wie sich der Frauenanteil bei Start-up-Gründungen erhöhen lässt. Worauf kommt es ihrer Meinung nach vor allem an?

Entscheidend ist das soziale Umfeld und die Rollenbilder, von denen wir alle geprägt sind. Wollen wir etwas ändern, da müssen wir da ansetzen. Ich selbst hatte gar keine Probleme oder Zweifel zu gründen. Mir ist eher während der Gründungsphase aufgefallen, wie damit umgegangen wird. Oft wird gesagt: Frauen müssen nur mutig sein, dann wird das schon. Es ist doch eher so, dass Frauen doppelt so mutig sein müssen. Selbst wenn sie gründen, bekommen sie die Fragen: Schaffen Sie das? Wie bekommen Sie das hin, wie läuft es mit der Familie? Ich habe ja nun den konkreten Vergleich mit meinem Mann. Er hatte die gleichen Gedankengänge wie ich. Aber er hat einen Schulterklopfer bekommen, ich die Fragen. Ihm wurde gesagt, du machst das super, das wird ganz toll und ihr schafft das schon. Schön wäre es, wenn auch Frauen so Mut zugesprochen wird.

Wie halten Sie es selbst mit der Frauenförderung und Mut machen im eigenen Unternehmen?

Bei uns ist das Managementboard balanciert, das heißt zur Hälfte mit Männern und Frauen besetzt. Wandelbots ist in der Entwicklung sehr technologisch. Wir wollen zwar auch in diesem Bereich mehr Frauen einstellen, aber es ist gar nicht so einfach, welche zu finden.
Das Thema Diversität spielt generell eine sehr wichtige Rolle im Unternehmen, aber da gehört noch viel mehr dazu, nicht nur das Geschlecht.

Setzt die Landespolitik in ihrer Frauenförderung die richtigen Akzente, um innovative Frauen zu unterstützen? Wo wünschen Sie sich mehr Unterstützung?

Die Problematik, dass es nach wie vor ungewöhnlich ist, dass Frauen gründen, ist mir erst bewusstgeworden, als ich selbst die Firma schon gegründet hatte. Vorher habe ich Informatik studiert und meine Doktorarbeit geschrieben.
Auch jetzt führen wir dieses Interview, weil es immer noch etwas Besonderes ist. Das ist schade und ich hoffe, dass wir da bald mehr Normalität erreichen, wenn mehr Frauen in Hightech-Firmen sichtbar werden. Dazu muss aber den Frauen der Zugang besser geöffnet werden etwa durch eine Anpassung der Ausbildungsprogramme, begonnen in Kindergarten, über Schulen bis zur Ausbildung und Studium.

Braucht es dafür Extra-Formate und Veranstaltungen nur für Frauen und Mädchen?

Reine Veranstaltungen nur für Frauen bringen uns nicht weiter. Doch das Bewusstsein wächst, zum Beispiel gibt es viele, die sich nicht mehr auf ein Panel setzen, wenn das rein männlich dominiert ist. Es ist wichtig, darauf zu achten. Denn was Frauen noch nicht so gut haben, Männer aber schon, sind Netzwerke. Denn wir haben Frauenmangel in allen Bereichen, angefangen bei den Investorinnen, über Gründerinnen bis zu Mentorinnen. Gerade für junge Frauen sind Netzwerke wichtig, wo sie Rat und Hilfe finden können, denn oft wird gefördert, was man selber gut kennt und sich selbst darin wieder findet.

Sie haben Informatik studiert. Wie kam es zu diesem Studienfach und sollten Mädchen Programmieren lernen in der Schule, um den MINT-Anteil bei Frauen im Studium zu erhöhen?

Das ist eine Frage, die ich oft gestellt bekomme, mein Mann aber noch nie. Ich hatte schon immer ein Faible für Technik gehabt und Neues auszuprobieren, daher auch die Entscheidung zum Informatikstudium. Man sollte nicht alle zwingen, in diese Richtung gehen zu müssen und programmieren zu lernen. Aber wir haben noch oft diese Geschlechtervorstellung, was ist typisch Mädchen und was ist typisch Junge. Zum Beispiel Mädchen sind gut im Malen oder Schreiben, oder ein Junge baut lieber in der Holzwerkstatt und ist gut in Mathe. Beiden sollte beides von klein auf zugänglich gemacht werden. Wichtig ist, dass jeder, unabhängig vom Geschlecht, in den eigenen Stärken gefördert wird. Was man selbst gut findet und was einen inspiriert, unterstützt wird.

Und wie ist das bei Ihrer Tochter?

Sie ist sieben Jahre alt und steht uns in nichts nach. Sie hat zwei kleine Roboter, die sie selbst programmiert.

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