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Ich habe ein Leben ohne Auto gewagt

Vincent Konrad hat seinen Skoda geliebt – und erzählt über die Hindernisse und Aha-Erlebnisse auf dem mühsamen Weg ohne ihn.

Da war er noch motorisiert: Vincent Konrad neben seinem geliebten Auto, einem Skoda namens „Viktor“.
Da war er noch motorisiert: Vincent Konrad neben seinem geliebten Auto, einem Skoda namens „Viktor“. © Bildstelle

Benzin ist so teuer wie lange nicht mehr. Laut Verbraucherportal Clever Tanken mussten Autofahrer im August durchschnittlich 1,56 Euro pro Liter Super E10 bezahlen. So hoch war der Preis zuletzt vor acht Jahren. Vincent Konrad schreckt der Aufwärtstrend der Kraftstoffpreise nicht mehr. Der 41-jährige Jobcoach aus München hat sein Auto abgeschafft. In einem kürzlich erschienenen Buch erklärt er, warum er trotzdem nicht als Verzichtsprediger wahrgenommen werden möchte.

Herr Konrad, wie kam es dazu, dass Sie Ihr Auto abgegeben haben? War es ein spontaner Entschluss oder ein allmählicher Prozess?

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Zunächst einmal muss ich vorausschicken, dass ich seit meinem 18. Geburtstag die Fahrerlaubnis in der Tasche hatte. In den 20 Jahren danach bin ich sehr gern Auto gefahren. Ich war verliebt und stolz auf mein Auto. Es gehörte zu mir wie mein Geldbeutel und mein Haustürschlüssel.

Was hatten Sie denn für Autos?

Das letzte war ein Skoda CityGo, den ich als Neuwagen gekauft habe. 4,5 Liter Benzinverbrauch auf 100 Kilometern, dazu Bremsenergierückgewinnung, Energiesparreifen und so weiter. Auf das Auto war ich auch deshalb stolz, weil ich das Gefühl hatte, das Richtige zu tun und umweltbewusst unterwegs zu sein. Wenn ich dieses Modell heute auf der Straße sehe, geht mir immer noch ein bisschen das Herz auf. Alte Liebe rostet eben nicht. Nur – um auf Ihre Frage zurückzukommen: Über die Jahre habe ich mich immer mehr mit der Frage beschäftigt, was mit der Menschheit, der Umwelt und dem Klima passiert. In mir ist das Verlangen gewachsen, ein einigermaßen sauberes Leben zu führen und für mich selber Vorbild sein zu können. Dass ich das nicht praktisch umgesetzt habe, hat einen inneren Widerstand gegen mich selbst ausgelöst. Lange habe ich das verdrängt. Schließlich konnte ich mich damit beruhigen, Diesel- und SUV-Fahrer seien ja noch viel schlimmer als ich. Aber irgendwann war der Punkt erreicht, an dem ich gesagt habe: „Es muss doch auch möglich sein, ohne Auto durchs Leben zu gehen!“

Wie lange hat es von diesem Moment bis zur tatsächlichen Abschaffung des Wagens gedauert?

Ungefähr ein halbes Jahr. Tatsächlich war das für mich die spannendste Zeit. Obwohl ich die Entscheidung schon getroffen hatte, habe ich gemerkt, dass diese Idee viel schwieriger in die Tat umzusetzen ist.

Konrad ist 41, lebt in München und arbeitet als Jobcaoch, Karriereberater und Dozent. 20 Jahre ist er sehr gern Auto gefahren.
Konrad ist 41, lebt in München und arbeitet als Jobcaoch, Karriereberater und Dozent. 20 Jahre ist er sehr gern Auto gefahren. © Vincent Konrad

Sie haben eine interessante Strategie gewählt, die Sie im Buch beschreiben. Und zwar haben Sie möglichst weit weg von Ihrer Wohnung geparkt, um nicht „in Versuchung zu kommen“.

Genau. Naiv, wie ich war, habe ich gedacht: ,Ich benutze das Auto erst mal nicht, so auf Probe.‘ Mit der Strategie, so zu tun als ob, bin ich allerdings kläglich gescheitert. Wie durch Zauberhand bin ich eben doch immer wieder im Auto gelandet. Letztlich aus Bequemlichkeit oder Gewohnheit. Ich habe dann entschieden, mein Auto eben nicht mehr nur 100 oder 1.000 Meter von der Wohnung entfernt abzustellen, sondern 10.000 Meter. Ich habe damals im Süden von München gewohnt, aber in Schwabing, einem Stadtteil im Norden, geparkt. Bei meinem Experiment hatte ich noch das Glück, dass mein Auto von einem Marder zu dessen Behausung auserkoren wurde. Er hat den Wagen geliebt, insbesondere den Motorraum. Die Frontscheibe hat er als Rutsche missbraucht. Und um zu signalisieren, dass dies nicht mehr mein, sondern sein Revier ist, hat er seinen Kot auf dem Dach hinterlassen.

Mussten Sie daraufhin mit dem Auto in die Werkstatt?

Ja. Es war wie ein Stups in die richtige Richtung. Ich habe gemerkt, dass es auch sehr beschwerlich sein kann, sich immerzu um ein Auto zu kümmern.

Haben Sie eine Kostenrechnung gemacht, um zu prüfen, um wie viel günstiger die Mobilität mit ÖPNV, Radfahren und Car-Sharing wäre?

Ich habe mir nur die Kosten fürs Auto angeschaut und mal hochgerechnet, wie viel zusätzlichen Urlaub ich mir gönnen könnte, wenn ich kein Auto mehr hätte.Und was war das Ergebnis?Ich bin auf etwa sieben Wochen Extra-Urlaub im Jahr gekommen. Also ein schon erheblicher Kostenblock.

Wobei die Ersparnis ein gutes Stück schrumpfen würde, wenn Sie Ihre Ausgaben für ÖPNV und Co. gegenrechnen würden, oder?

Richtig. Wobei ich aber betonen möchte, dass der Kostenfaktor für mich nicht das Entscheidende war.

Sondern?

Der moralische Aspekt. Es ging um die Frage, ob das Auto noch zu mir passt.

Die Antwort kennen wir jetzt schon...

Ja. Es war eine riesige Überraschung für mich, wie viel lebendiger, abwechslungsreicher und entschleunigter mein Leben ohne Auto wurde.

Stichwort Entschleunigung: Der zeitliche Aufwand, etwa für Ausflüge oder Besuche von Verwandten, hat sich aber doch deutlich erhöht, oder?

Ja. In mein persönliches Experiment bin ich noch mit dem Gedanken gestartet, ganz viel Zeit sparen zu müssen. Dann habe ich aber die Erfahrung gemacht, dass es gar nicht so sein muss. Im Gegenteil: Nehme ich mir mehr Zeit, kann das ein wunderbares Geschenk an mich selbst sein. Zwar brauche ich statt 45 Minuten nun zwei oder zweieinhalb Stunden für eine bestimmte Strecke. Aber diese Zeit bringt so viel mehr Qualität in mein Leben! Ich treffe andere Menschen, sehe andere Dinge oder lese in einem Buch.

Wie oft nutzen Sie Car-Sharing, weil Sie eben doch ein Auto brauchen?

Sehr selten. Als meine Großmutter im Alter von 101 Jahren verstorben ist, war klar: Jetzt muss ich schnell dorthin, weil ich mich von ihr verabschieden möchte. Das war aber eine absolute Ausnahme.

Für welchen Preis haben Sie „Viktor“, Ihren letzten Wagen, verkauft?

Das war eine Überraschung. Ich dachte natürlich, mein Auto sei das Wertvollste der Welt. Verhaltensökonomen nennen das den „Besitztumseffekt“. Tatsächlich gibt es Gebrauchtwagen wie Sand am Meer, und es ist für Privatleute schwer, einen zu vermarkten. Autohäuser wollen das Ding häufig nicht, sie sind daran interessiert, Neuwagen zu verkaufen. Und Privatleute trauen sich nicht so richtig ran. Ich habe nach langen Verhandlungen etwa noch die Hälfte vom Neupreis bekommen – für einen vier Jahre alten Skoda CityGo mit wenigen Kilometern. Das Auto ist schon auch eine Geldvernichtungsmaschine.

Die Zahl der in Deutschland zugelassenen Pkw ist seit 2008 kontinuierlich gestiegen. Am 1. Januar 2021 sind es rund 48,2 Millionen Fahrzeuge gewesen, so viele wie noch nie. Man könnte sagen, Ihre Verzichtspredigt ist vergeblich.

Predigen möchte ich auf keinen Fall. Dass dies so rüberkommt, war meine größte Sorge beim Schreiben des Buches. Schließlich bin ich der Kerl, der 20 Jahre lang gerne Auto gefahren ist. Da saßen andere schon lange in der Bahn. Ich habe das Feedback bekommen, dass mir das gelungen ist. Weil ich eben in meinem Buch versucht habe, die Autofahrerinnen und Autofahrer mit ins Boot zu nehmen. Ich habe mit dem Porsche-Fahrer an der Tankstelle genauso gesprochen wie mit meinem Kumpel, der vier Autos in der Garage stehen hat, oder mit einer Freundin, die im Alter von 40 Jahren den Führerschein macht. Was andere tun, möchte ich gar nicht bewerten. Ich habe meine Erfahrungen gemacht und fand die so großartig, dass ich sie aufschreiben musste. Natürlich hege ich insgeheim die Hoffnung, dass der eine oder andere inspiriert wird und die gleiche Erfahrung macht wie ich.

Vincent Konrad: Leben ohne Wagen wagen – Eine Reise ins autofreie Glück, Oekom, 128 Seiten, 15 Euro.
Vincent Konrad: Leben ohne Wagen wagen – Eine Reise ins autofreie Glück, Oekom, 128 Seiten, 15 Euro. © Vincent Konrad

Es gibt gute Argumente gegen die Abschaffung des eigenen Wagens. Egal, ob es sich um einen Familienvater oder Außendienstler mit 100.000 Kilometern im Jahr handelt. Wessen Argumente sind für Sie am ehesten nachvollziehbar? Oder hat jeder die Chance, dasselbe zu tun, was Sie getan haben?

Das muss jeder selber beantworten. Mir ist das Überqueren dieser Hemmschwelle auch deshalb gelungen, weil ich gehört haben, dass selbst Familien mit Kindern – zumindest in der Stadt – ohne Auto auskommen. Ich möchte die Leute lediglich motivieren, es zumindest auszuprobieren.

Wie waren die Reaktionen aus Ihrer Familie und Ihrem Umfeld auf die Ankündigung, künftig ohne Auto auskommen zu wollen?

Da kam mehr Gegenwind als erwartet. Manch einer war irritiert – und hat gefragt, ob ich nicht mehr vorbeikommen wolle, etwa, wenn Unterstützung notwendig sei. Oder es kam die Aussage: „Ein junger Mensch wie du muss doch mobil sein! Du kannst dir das doch leisten!“ Da klang auch der Vorwurf des Geizes durch. Ich hatte mir eigentlich mehr Ermutigung erhofft.

Ist Ihnen auch das Argument untergekommen, das eigene Auto stehe für das Versprechen von Freiheit – also die zumindest theoretische Möglichkeit, jederzeit einsteigen und überall hinfahren zu können?

Das war ja 20 Jahre lang genau mein Mantra. Ich kann nur akzeptieren und anerkennen, wenn andere Leute das so sehen. Und trotzdem verweise ich darauf, dass ich jetzt anders denke.

Und wie bekommen Sie den schweren Baumarkt-Einkauf nach Hause?

Mit dem Abschied vom Auto ging bei mir einher, dass ich viel weniger konsumiert habe. Meine erste Frage ist: Brauche ich das überhaupt? Zweitens: Muss ich wirklich etwas Neues kaufen, oder gibt es eine andere Option? Gibt es vielleicht Verwandte, Bekannte oder Freunde, die beispielsweise ein Gebrauchtmöbel abgeben? Falls ja, haben die meist auch ein Auto, das für den Transport genutzt werden kann. Ich habe aber auch schon einen Transporter ausgeliehen, um ein Sofa zu transportieren.

Und die Fahrt in die Berge? Immerhin leben Sie in München.

Die Fahrt in die Berge habe ich teilweise ersetzt durch lange Fahrradtouren zu Freunden oder Verwandten. Das ist so erfüllend, dass ich viel seltener in die Berge muss. Es hat natürlich auch eine andere Qualität, wenn ich drei, vier oder fünfmal im Jahr in die Alpen fahre, als jedes Wochenende. Dieses Klischee „Weniger ist mehr“ trifft hier meiner Meinung nach zu.

Wenn Sie das neu gewonnene Gefühl der Freiheit durch den Auto-Verzicht anhand einer Episode schildern müssten – welche wäre das?

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Ich denke da meist an Begegnungen mit der Natur oder mit Menschen. Zum Beispiel, wie ich auf einer Bank am Starnberger See sitze. Dort wäre ich früher nie hingekommen, weil ich dort am Wochenende nie und nimmer einen Parkplatz gefunden hätte. Oder ich gerate mit einer Rentnerin ins Gespräch, und wir tauschen Buchempfehlungen aus. In solchen Momenten spüre ich so viel Lebendigkeit und Menschlichkeit. Im Auto, wo ich in der Regel allein gesessen habe, hat es solche Momente nicht gegeben. Eine weitere wichtige Erfahrung ist die der Selbstwirksamkeit.

Was ist damit gemeint?

Ich habe erfahren, dass ich sehr gut, vielleicht sogar noch besser, auf jeden Fall aber anders ohne diese Maschine durchs Leben gehen oder fahren kann. Das hat mir viel Selbstvertrauen gegeben.

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