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Reisetipp Spanien: Wandern, wo die Wölfe leben

Der Nordwesten von Spanien ist eine ziemlich wilde Gegend. Das ist schön für Wanderer – und für die Raubtiere. Begegnungen nicht ausgeschlossen.

Von Steffen Klameth
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Wacher Blick: Im Iberischen Wolfszentrum leben 14 Raubtiere in halbfreier Wildbahn.
Wacher Blick: Im Iberischen Wolfszentrum leben 14 Raubtiere in halbfreier Wildbahn. © Steffen Klameth

Sonia hat Augen wie ein Luchs. Während die Wandergruppe achtlos an dem Felsbrocken vorübergelaufen ist, hat sie darauf zwei kleine Häufchen entdeckt. „Kaka“, erklärt sie mit bedeutungsvoller Miene und präzisiert die Aussage, als sie die fragenden Blicke sieht: „Kaka vom Fuchs.“ Der Fuchs hinterlasse seine Exkremente gern so, damit sie niemand übersehen kann.

Wenig später stoppt Sonia erneut. Im schlammigen Boden erkennt sie die Spur eines jungen Hirsches. Und dann, endlich, ruft sie triumphierend: „Schaut her, ein Wolf!“ Als hätte sie geahnt, worauf die Gruppe die ganze Zeit lauert. Ganz so sicher scheint sie sich dann aber doch nicht zu sein, als sie in die Knie geht und sich die Fährte noch mal genauer anschaut. „Vielleicht war es auch ein Hund.“

Immerhin. Die Wahrscheinlichkeit, einem Wolf zu begegnen – und sei es nur in Form einer Spur im Schlamm – ist in Spanien jedenfalls nirgendwo größer als hier im Nordwesten, unweit der Grenze zu Portugal. Die Provinz Kastilien-Leon gilt als das Wolfsland schlechthin und die Sierra de la Culebra als die Region mit der höchsten Konzentration. Etwa zehn bis elf Rudel mit insgesamt rund hundert Tieren sollen sich in den Wäldern herumtreiben, werden wir später aus berufenem Munde erfahren. Müssen wir Angst haben? Sonia lacht. „Die Wölfe haben hier genug zu fressen.“

Der "Weg der Mönche"

Die Besucher aus Deutschland wollen es ihr gern glauben und genießen fürs Erste die Landschaft. Vom Dörfchen San Martin, rund 1.200 Meter hoch gelegen, führt sie der „Weg der Mönche“ durch grüne Wälder voller Eichen und Kastanien. Dazwischen wuchern Farn und Ginster. Den steinigen Weg säumen jahrhundertealte Mauern aus Granit, auf denen sich das Moos ausbreitet. Sollte ein Filmteam mal wieder einen Drehort für eine Mystery-Serie suchen – dieser Ort hätte gute Chancen.

Wasser ist auch gleich in der Nähe. Der See Sanabria lädt zur Rast ein. Wellen schwappen ans Ufer, es gibt sogar einen kleinen Sandstrand mit Felsen, die ein bisschen an die Seychellen erinnern. „Der Sanabria ist der größte See in Spanien, der in der Eiszeit entstanden ist“, erklärt Sonia. Reichlich drei Kilometer lang und mehr als 50 Meter tief. Und von grünen Bergen umgeben. Kein Wunder, dass die Gegend seit 1946 unter Naturschutz steht.

Ein Hauch von Seychellen: Strand am Sanabria-See.
Ein Hauch von Seychellen: Strand am Sanabria-See. © Steffen Klameth

Wer mag, kann den See bequem an einem Tag umrunden. Die Wandergruppe kürzt die Tour ab, denn sie hat noch ein wichtiges Rendezvous – mit dem Wolf. Eine halbe Autostunde entfernt, am Rande der Sierra, hat die Provinzregierung von Kastilien-Leon 2015 das Informationszentrum zum Iberischen Wolf errichtet. Die kreisrunde Form sei ganz bewusst gewählt worden, erklärt Ruben Dominguez auf dem Dach des Gebäudes.

Wie eine Trophäe durchs Dorf getragen

Solche Rondelle hätten die Menschen früher als Wolfsfallen genutzt. „In der Mitte stand auf einem kleinen Hügel eine Ziege. Der Wolf sprang hinein, konnte aber wegen der nach innen gewölbten Mauern nicht mehr heraus.“ Mit Steinen wurde der Wolf erschlagen und hernach wie eine Trophäe durchs Dorf getragen. Eine Kopfprämie gab es obendrauf.

Das klingt wie eine Erzählung aus finsterer Vergangenheit – und sei doch noch vor 60 Jahren übliche Praxis gewesen, um Wölfen und auch Bären den Garaus zu machen, versichert Ruben. Ja, bis heute würden Wolfsgegner zu Schnappfallen und Giftködern greifen, natürlich illegal

Der Mensch und der Wolf, das ist seit Jahrhunderten überall auf der Welt eine sehr gespannte Beziehung. Im Märchen ist das Raubtier der Bösewicht und muss dafür am Ende meist mit dem Leben büßen. Im wahren Leben sähe es nicht viel anders aus, wenn ihn internationale Gesetze nicht inzwischen unter Schutz gestellt hätten. „Wir wollen den Wolf nicht verteidigen“, betont Ruben. Das Wolfszentrum habe vielmehr den Auftrag, die Menschen aufzuklären. „Beides ist wichtig – die Viehhaltung für den Erhalt der Weiden, der Wolf für die Regulierung der Tierbestände.“

Ein magischer Moment

Was aber, wenn der Wolf einfach böse bleibt und Jagd auf Schafe und Ziegen macht? „Jedes Tier jagt das, was es am einfachsten kriegen kann“, erklärt Ruben. Im Übrigen fügt er hinzu, sei bekannt, dass herrenlose Hunde noch viel mehr Tiere reißen würden als Wölfe. Das klingt dann doch stark nach einer Verteidigung. Aber die meisten Besucher nicken verständnisvoll. Bauern und Hirten kommen wohl eher selten ins Wolfszentrum, dafür vor allem viele Schulgruppen.

Gelegentlich verenden Wölfe auch bei Unfällen. Ruben, der Biologie studiert hat, steht vor dem Fell eines Tieres, das von diesem Schicksal ereilt wurde, und zeigt auf die typischen Merkmale des Iberischen Wolfes: graubraunes Fell, schwarze Flecken an den Vorderläufen, weiße Färbung oberhalb des Mauls. Wie viele Tiere es von dieser Rasse gebe, weiß eigentlich niemand genau. In ganz Spanien schätzt man die Zahl auf 2.000 bis 2.500; Deutschland ist davon inzwischen nicht mehr weit entfernt.

Der Biologe Ruben Dominguez erklärt Besuchern an einem Fell die typischen Merkmale eines Iberischen Wolfes.
Der Biologe Ruben Dominguez erklärt Besuchern an einem Fell die typischen Merkmale eines Iberischen Wolfes. © Steffen Klameth

Zumindest für das Wolfszentrum kann Ruben Dominguez konkreter werden: Drei Rudel mit insgesamt 14 Wölfen sind hier zu Hause. Sie leben in halbfreier Wildbahn, wie man das hier bezeichnet. Ein 21 Hektar großes Gelände, unterteilt in mehrere Sektoren für die Rudel und umgeben von übermannshohen Zäunen. Die jüngsten Tiere sind mittlerweile dreieinhalb Jahre alt. Ihre Geburt wurde gefilmt. So kann man heute auf einem Bildschirm nacherleben, wie eine Wölfin in einer Höhle binnen kurzer Zeit drei Welpen zur Welt bringt. Ein magischer Moment.

Der Esel als "Bodyguard"

Und dann steht man Jara und seinem Rudel leibhaftig gegenüber. Keine 20 Meter trennen die Wölfe von den Besuchern, die das Treiben im Gehege von hölzernen Plattformen aus beobachten. Zwei Tiere necken sich, bis sie einen Menschen wahrnehmen: Carlos Sanz gehört zum Team des Wolfszentrums und füttert die Tiere regelmäßig. Heute stehen Rind, Hähnchen, Äpfel und Hundefutter auf dem Speiseplan; manchmal gibt’s auch Käse. Die Wölfe betteln um jeden Happen. Etwa anderthalb Kilo Fleisch vertilgt jeder am Tag. Die Tiere seien so daran gewöhnt, dass sie „wahrscheinlich gar nicht mehr abhauen, wenn sie könnten“, meint Ruben.

Starker Beschützer: In Fariza spielt Esel Cameron den Hütehund.
Starker Beschützer: In Fariza spielt Esel Cameron den Hütehund. © Steffen Klameth

In der Freiheit müssen die Wölfe um ihr täglich Fleisch kämpfen. Tags zuvor habe eine spanische Zeitung gemeldet, dass wieder 80 Schafe gerissen worden seien, berichtet Alonso Santos. Er ist Schäfer und führt eine Bio-Käserei in dem kleinen Dorf Fariza. Fürchtet er den Wolf? Der Mann schüttelt den Kopf und zeigt hinüber zur Herde. Mittendrin steht ein ausgewachsener Esel und schaut argwöhnisch umher. „Da traut sich kein Wolf in die Nähe.“

Station auf dem Pilgerweg

Viele Jakobswege führen bekanntlich nach Santiago de Compostela. Zu den weniger begangenen Routen gehört die Rua de la Plata (Silberstraße), die von Sevilla aus durch den Westen von Spanien führt. Nach etwa zwei Dritteln des Weges treffen die Pilger in Puebla de Sanabria ein – und fühlen sich sofort ins Mittelalter versetzt. Schmale, gepflasterte Gassen, unverputzte Steinhäuser, Balkone mit verzierten Geländern und üppiger Blütenpracht: Völlig zu Recht wurde der kleine Ort zum historisch-künstlerischen Denkmal erklärt und vor Kurzem auch in die Liste der „Schönsten Dörfer Spaniens“ aufgenommen.

Eines der "Schönsten Dörfer Spaniens - Puebla de Sanabria.
Eines der "Schönsten Dörfer Spaniens - Puebla de Sanabria. © Steffen Klameth

Sehenswert sind die romanische Pfarrkirche und die aufwendig sanierte Burg der Grafen von Benavente. Von hier oben hat man einen wunderschönen Blick auf die umliegende Bergwelt. Am Abend sollte man dann in einer der urigen Bodegas oder Posadas einkehren. Zum Beispiel in der La Carteria: Hier bekommt man das Glas Wein schon für zwei Euro und schläft danach eine Etage darüber wie im siebten Himmel (ab 99 Euro).

Mit Spanisch-Kenntnissen im Vorteil

  • Anreise: Mit dem Auto von Dresden knapp 2.400 Kilometer. Mit dem Zug mindestens 26 Stunden. Am schnellsten mit dem Flugzeug nach Madrid und weiter mit dem Zug (rund zwei Stunden) oder Mietwagen (350 km).
  • Iberico-Wolfszentrum: Es befindet sich in Robledo de Sanabria (etwa zehn Kilometer von Puebla entfernt); Öffnungszeiten variieren je nach Saison (aktuelle Zeiten und Führungen finden Sie hier. Eintritt frei. Führungen nur auf Spanisch und Englisch- Audioguide. Deutsch wird in der Region so gut wie nicht gesprochen und verstanden.
  • Die Recherche wurde unterstützt vom Spanischen Fremdenverkehrsamt Frankfurt und dem Tourismusbüro Castilla y Leon.