merken
PLUS Sachsen

Die Böden der Lausitz trocknen aus

Grundwasser fehlt, die Bodenfeuchtigkeit sinkt: Waldbesitzer und Landwirte suchen nach Alternativen - und finden sie.

Waldbesitzerin Christina Schuster sorgt sich um ihre Bäume in Maukendorf bei Hoyerswerda.
Waldbesitzerin Christina Schuster sorgt sich um ihre Bäume in Maukendorf bei Hoyerswerda. © Jürgen Lösel

Vor wenigen Wochen erst hat Christina Schuster alles Schadholz in ihrem Wald am Rand von Maukendorf bei Hoyerswerda entfernt. Nun wird sie erneut einen Baum fällen müssen. „Da drüben muss ich wieder ran“, sagt sie. Ihr Blick wandert nach oben. Zwischen den Wipfeln hoher Kiefern sind die Nadeln einer Krone rotbraun verfärbt. Schuld ist wohl der Borkenkäfer, vielleicht auch die Trockenheit. Sehr wahrscheinlich aber eine Kombination aus beidem. Durch Wassermangel seien die Bäume geschwächt, sagt Schuster.

Doch für nur eine Kiefer lohnt sich der Einsatz großer Technik nicht. Zumal sich mit dem Holz derzeit nichts verdienen lässt. „Wegen der Mengen an Schadholz gibt es ein Überangebot“, sagt Schuster. Doch wenn die 66-Jährige den Baum stehen lässt, breitet sich der Käfer aus. 2002 begann die aus Thüringen stammende Gärtnermeisterin Christina Schuster, Wald zu kaufen. Heute besitzt sie mehrere 100 Hektar in der Lausitz. „Früher habe ich vor allem darauf geachtet, den Wald vor Sturm zu schützen. Heute steht Wasser im Vordergrund“, sagt sie. Die Bäume dürfen nicht zu dicht stehen, damit noch etwas Feuchtigkeit auf dem Boden ankommt.

Gesundheit
Gesund und Fit
Gesund und Fit

Immer gerne informiert? Nützliche Informationen und Wissenswertes rund um das Thema Gesundheit haben wir in unserer Themenwelt zusammengefasst.

Braune Baumkronen sind in Christine Schusters Wald ein untrügliches Zeichen für die Kombination aus Trockenheit und Borkenkäfer.
Braune Baumkronen sind in Christine Schusters Wald ein untrügliches Zeichen für die Kombination aus Trockenheit und Borkenkäfer. © Jürgen Lösel

Feuchtigkeit im Boden ist wichtig. In wassergefüllten Böden könnten bis zu 300 Gramm Kohlendioxid pro Kubikmeter gespeichert werden, betont das Umweltforschungszentrum des Helmholtz-Instituts in Magdeburg. Je weniger Wasser im Boden sei, desto weniger Kohlendioxid werde also gespeichert. „Dies ist einer der Rückkopplungseffekte, die den Klimawandel beschleunigen können.“ Ob und wie stark sich dieser Effekt auswirke, sei bisher allerdings nicht durch entsprechende Zahlen belegbar.

Dass Wasser im Boden fehlt, das weiß auch Thomas Sobczyk. Der studierte Forstwirt ist im Landratsamt Bautzen zuständig für Wald- und Pflanzenschutz. Ursprünglich sei die Gegend recht nass gewesen, sagt er. Dann sei rund um Hoyerswerda wegen des Braunkohleabbaus das Grundwasser um 60 Meter abgesenkt worden.Mit dem Rückzug des Bergbaus steigt das Wasser zwar wieder. Aber an die Wurzeln der Bäume reiche es nicht heran. 

„Sie sind komplett auf Regen und Schnee angewiesen“, sagt Sobczyk. Beides aber nimmt ab. Im Jahresschnitt waren zuletzt 200 bis 300 Liter je Quadratmeter. Langanhaltende Hitze trockne die Region zusätzlich aus. Sobczyk präsentiert Fakten: Es gebe fast fünfmal so viele Waldbrände wie in den 1990er-Jahren; die Menge an Schadholz im Landkreis sei bei der Fichte seit 2015 um mehr als das 50-fache gestiegen, bei der Kiefer um das 40-fache.

Thomas Sobczyk vom Umwelt- und Forstamt des Landratsamtes Bautzen stellt fest, dass der Grundwasserspiegel nach dem Rückzug des Bergbaus wieder steigt, aber nicht bis an die Wurzeln der Bäume.
Thomas Sobczyk vom Umwelt- und Forstamt des Landratsamtes Bautzen stellt fest, dass der Grundwasserspiegel nach dem Rückzug des Bergbaus wieder steigt, aber nicht bis an die Wurzeln der Bäume. © Jürgen Lösel

Das Maukendorf nächstgelegene Grundwasserbeobachtungsrohr liegt in Rachlau. Wer dort gräbt, stieß vor einer Woche bei 1,49 Meter auf Wasser. Jetzt müsste man vier Zentimeter tiefergraben. Im Vergleich zum langjährigen Monatsmittelwert ist der Grundwasserstand hier sogar um 57 Zentimeter gesunken. In ganz Sachsen seien seit 2013 überwiegend fallende Grundwasserbestände verzeichnet worden, heißt es beim sächsischen Landesumweltamt. Durch die Bodentrockenheit gelange kaum oder nur wenig Niederschlagswasser bis nach ganz unten, um neues Grundwasser zu bilden.

Ärger über die, die nichts tun

Für Waldbesitzerin Schuster hat das Folgen. Wie viele Festmeter Schadholz bei ihr in den vergangenen Jahren angefallen sind, kann sie nicht sagen. Oft seien nur einzelne Hölzer betroffen, sagt sie. „Aber dann kümmere ich mich sofort darum.“ Sie ärgert sich über andere Waldeigentümer, die nichts tun. „Sie sehen den Wald als Sparbüchse und überlassen die Flächen sich selbst.“

Schuster fährt zu einem Abschnitt, der an ihren Grund grenzt. Kiefer steht dort neben Kiefer. Monokultur, da hat der Borkenkäfer leichtes Spiel. Auch Schuster bewirtschaftet einige Hektar noch auf diese Weise. Im Wesentlichen aber bemühe sie sich um den Waldumbau, hin zu Mischwald. Sie setze auf nicht-heimische Baumarten, die mit dem Klimawandel vielleicht besser zurechtkommen. Und sie lässt zwischen den Nadelbäumen Naturverjüngung zu, zum Beispiel Eichen, die von selbst aus dem Boden kommen. Oder Bergahorn, auch wenn darüber mancher den Kopf schüttelt, weil der doch nicht in die Gegend gehöre. Aber da vertraut sie auf ihren Lebensgrundsatz: „Die Natur hat recht! Wir beobachten sie nur nicht mehr.“

Um durchschnittlich etwas mehr als 50 Zentimeter ist der Grundwasserspiegel in Sachsen in den vergangenen Jahren gesunken.
Um durchschnittlich etwas mehr als 50 Zentimeter ist der Grundwasserspiegel in Sachsen in den vergangenen Jahren gesunken. © SZ Grafik

Allerdings sehr genau beobachtet wird das Grundwasser in Sachsen durch Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie. Fast 1.000 staatliche Messstellen sind im Land verteilt, am vergangenen Mittwoch unterschritt davon an 410 Stellen der Grundwasserstand das Monatsmittel um bis zu einen Meter, an 122 weiteren war es sogar mehr als ein Meter.

Was nicht bedeutet, dass es überall schlecht aussieht mit dem Grundwasser. In Görlitz etwa. Der August war an der Neiße zwar zu warm, aber nicht zu trocken. Mit 230 Sonnenstunden war die Stadt im vergangenen Monat zwar der sonnigste Ort Sachsens, dennoch erreichten genügend Gewitterzellen und am Monatsende auch Starkregen die Region. Insgesamt fielen 129,6 Liter auf den Quadratmeter. Das langjährige Mittel liegt bei 74,4 Liter. Für die Region sei das ein Glück gewesen, sagt Meteorologin Anja Juckeland vom Deutschen Wetterdient.

Fast jeder Görlitzer, der in den vergangenen 20 Jahren jung war, erinnert sich an durchtanzte Nächte im Keller unterm Hotel „Bon Apart“. Doch nur die wenigsten Gäste des heutigen „First Club“ wissen, dass direkt neben ihren Füßen ein Brunnen sprudelt. Gut verborgen hinterm Gemäuer, geschützt durch eine Stahlplatte in der Wand, geht es darunter mehr als zehn Meter in die Tiefe.

Der Görlitzer Hotelier Francois Fritz zeigt, wie hoch das Wasser in seinem Keller ohne Pumpe stünde. Er ärgert sich noch heute, dass er beim Umbau des Gebäudes 1993 die Ressource nicht gleich für die Toilettenspülung genutzt hat.
Der Görlitzer Hotelier Francois Fritz zeigt, wie hoch das Wasser in seinem Keller ohne Pumpe stünde. Er ärgert sich noch heute, dass er beim Umbau des Gebäudes 1993 die Ressource nicht gleich für die Toilettenspülung genutzt hat. © Nikolai Schmidt

Eine Pumpe sorgt dafür, dass der Boden des zweigeschossigen Kellers trocken bleibt. Im Moment schwimmt sie ganz oben. Auch der Hausbrunnen eines Gebäudes auf der anderen Straßenseite zeigt in diesem Jahr keinen niedrigeren Grundwasserspiegel als gewöhnlich. Und das, obwohl auch das Landratsamt Görlitz eine Allgemeinverfügung bis zum 30. September erlassen hat, die die „Wasserentnahme mittels Pumpvorrichtungen“ untersagt. Der Grund: Aufgrund der extremen Dürre im vergangenen Jahr und den bisher ungenügenden Niederschlägen in diesem Jahr sei „keine Entspannung der Niedrigwassersituation in Grund- und Oberflächengewässern“ eingetreten.

„Als wir das Haus 1993 übernahmen, stand das Wasser bis hier“, sagt Hotelchef Francois Fritz. Er zeigt einen Wasserstand in etwa 1,40 Meter Höhe an der gemauerten Kellerwand. „Damals hätte man hier schwimmen können“, sagt er, „aber wir pumpen seitdem fast immer Wasser ab.“ Wie sich der Wasserstand seitdem genau verändert habe, könne er also gar nicht sagen. Nur einmal, 2008, sei der Brunnen leer gewesen.

Brunnenwasser für die Toilettenspülung

Denkt der Hotelier an die Planung seines 1996 eröffneten Hauses zurück, bedauert er, damals den Brunnen nicht weiter beachtet zu haben. „Wir hätten die Leitungen von Bädern und Toiletten trennen sollen, um das Wasser für die Toilettenspülung zu nutzen“, sagt er. Stattdessen werde für beides Trinkwasser genutzt, was ja für Bäder auch Pflicht ist. Erst für die Toiletten im Keller, die Fritz vor einiger Zeit für die Händler des nahen Wochenmarkts einbaute, nutzt er Brunnenwasser. Vor allem aber dankt es der dichte, grüne Bambushain rund um die Hotelterrasse, dass sein Brunnen bisher genug Wasser hat.

Auch die Lausitzer Wasser GmbH, die rund 70.000 Haushalte in und um Cottbus mit Wasser beliefert, erklärt, die Versorgung mit Trinkwasser sei nicht gefährdet. „Unsere Wasservorkommen sind gesichert“, erklärte ein Sprecher dem Radiosender RBB. Man bezieh das Wasser aus Grundwasser, das aus ziemlich tiefen Schichten gewonnen werde. „Da stellen wir im Moment keine Veränderungen aufgrund der Witterungsverhältnisse fest.“ Allerdings dauert die Neubildung des Wasser so tief unter der Erde sehr lange, die Effekte aus Dürreperioden treten dort unten deutlich zeitverzögert auf.

„Schwierig wird es erst, wenn sich in einem trockenen Jahr weniger Grundwasser neu bildet, aber gleichzeitig die Nachfrage von mehreren Seiten steigt“, heißt es in einer Studie zur Bewässerung in der Landwirtschaft vom Braunschweiger Thünen-Institut. Die Landwirtschaft ist zwar – etwa im Vergleich zur Energiebranche, ein nur sehr geringer Wasserverbraucher –, dennoch sucht man nach neuen Wegen.

Der Bodenschutzexperte Dan Paul Zederer (l.) und Teamleiter Andreas Zachmann erforschen in Dubrauke bei Bautzen, wie der Boden als Feuchtigkeitsspeicher geschützt werden kann.
Der Bodenschutzexperte Dan Paul Zederer (l.) und Teamleiter Andreas Zachmann erforschen in Dubrauke bei Bautzen, wie der Boden als Feuchtigkeitsspeicher geschützt werden kann. © Uwe Soeder

Etwa in Dubrauke bei Bautzen. Dort steht Dan Paul Zederer auf einem Feld und spricht oft in Dreiklängen: Trockenheit, Starkregen und Spätfrost nennt er Extremwetterereignisse. Bodenbearbeitung, Sortenwahl und Bewässerung summiert er unter dem Begriff pflanzenbauliche Maßnahmen. Der Experte für Bodenschutz und Klimawandelanpassung vom Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie jongliert mit diesen Fachbegriffen und haucht so der bröckelig-braunen Ackerfläche, vor der er steht, besondere Bedeutung ein.

„Wie sollten Landwirte sich auf den Klimawandel einstellen?“ lautet die Leitfrage. Die Antwort darauf, sie wird gesucht auf 1,3 Hektar genauestens parzelliertem Ackerland. Zederer und sein achtköpfiges Team rund um Versuchstechniker Andreas Zachmann erforschen in einem bis 2030 angelegten Langzeitversuch, wie sich Erträge von Wintergerste, Winterraps, Winterroggen, Kartoffeln und Silomais – allesamt klassische Energiepflanzen – unter verschiedenen Wachstumsbedingungen entwickeln.

Wenn das Pflügen auf Skepsis stößt

Dabei nur über die Dürre der vergangenen drei Jahre zu reden, greift für Zederer zu kurz. „Man muss immer unterscheiden zwischen Wetter und Klima. Es kann auch sein, dass mal wieder sehr nasse Jahre kommen. Wir wissen lediglich, dass Extremwetterereignisse zugenommen haben und wahrscheinlich weiter zunehmen werden“, betont er und kommt damit zu seinem Herzensthema: dem Boden. Der sei als wichtigster Wasserspeicher vielfältigen, oft schädlichen Einflüssen ausgesetzt, die vor allem auf intensive Bodenbearbeitung zurückzuführen seien. „Es ist wichtig, Bodenschutz und Klimaanpassung zusammen zu denken.“ Denn wo der Boden kaputt sei, seien auch die besten Strategien im Kampf gegen die Folgen des Klimawandels wirkungslos.

Schädlich für den Boden könne zum Beispiel die herkömmliche Bearbeitung mit dem Pflug sein. Pflügen verstärke die Erosionsgefahr, befördere Verdunstung und die Bildung einer festen Kruste an der Erdoberfläche. Diese wiederum verhindere das Eindringen von Regenwasser. Der Pflug, erklärt Zederer, sei außerdem der größte Feind des Regenwurms, der mit seinen langen Gängen sogenannte Makroporen und damit die besten Voraussetzungen für das Einsickern von Wasser schafft. Schonender sei das Verwenden eines Grubbers, der die Erde nicht wendet, sondern nur lockert und eine schützende Mulchschicht an der Oberfläche belässt.

Auch die Wassergut Canitz GmbH in Nordsachsen untersucht, wie verschiedenen Anbaumethoden Menge und Qualität des Sickerwassers beeinflussen.
Auch die Wassergut Canitz GmbH in Nordsachsen untersucht, wie verschiedenen Anbaumethoden Menge und Qualität des Sickerwassers beeinflussen. © dpa

Nur bei einem intakten Boden mache es Sinn, über Bewässerung nachzudenken. Und auch die sei nicht in jedem Fall der Königsweg zum stabilen oder gar gesteigerten Ernteertrag. Zederer zeigt anhand von Diagrammen, was er meint: So konnte im Trockenjahr 2018 der Ertrag von Kartoffeln durch Bewässerung um etwa 70 Prozent gesteigert werden. „Bei Winterraps hingegen hatte die Bewässerung kaum einen nachweisbaren Effekt.“ 

Gerste, Roggen und Mais ordnen sich dazwischen ein. Seine Folgerung: „Bewässerung ist nur rentabel für Betriebe, die Kartoffeln in ihrer Fruchtfolge haben.“ Doch sanfte Hoffnung auf Ertragssteigerung unter den Vorzeichen des Klimawandels dämmt Zederer gleich mit einer Anschlussfrage ein: „Wo soll das Wasser dafür herkommen gerade hier in der Lausitz?“

Hier finden Sie alle Teile unserer Serie "Savanne Lausitz? Der Kampf um das Wasser".

Mehr zum Thema Sachsen