Arbeit und Bildung
Merken

Mama, Papa, Kind, Karriere?

Über die Vereinbarkeit von Beruf und Familienleben wird seit Jahrzehnten mal mehr mal weniger ambitioniert diskutiert. Die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt bieten Arbeitnehmern inzwischen mehr Chancen, bringen aber auch neue Fallstricke mit sich.

Von Annett Kschieschan
 4 Min.
Teilen
Folgen
Mit dem Kind am Homeoffice-Schreibtisch. Eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie sieht anders aus. Immerhin: Unternehmen denken langsam um.
Mit dem Kind am Homeoffice-Schreibtisch. Eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie sieht anders aus. Immerhin: Unternehmen denken langsam um. © AdobeStock

Helen ist Architektin. Sie arbeitet in einem kleinen Architekturbüro im Süden von Leipzig. Helen ist außerdem verheiratet und Mutter von drei Kindern im Kindergarten- und Grundschulalter. „Ehrlich gesagt, war ich nicht überzeugt, dass ich nach dem zweiten Kind weiterarbeiten können würde“, erzählt die Mittdreißigerin. Sie hatte nach dem Studium bei einer größeren Ingenieurgesellschaft gearbeitet. „Ich habe dort bei Kolleginnen gesehen, dass die Karriere maximal mit einem Kind vereinbar war. Spätestens danach war die gläserne Decke mehr als nur ein Klischee“, weiß die junge Frau. Und dass das doch eigentlich nicht sein könne, im 21. Jahrhundert und in einer Zeit, in der nahezu jede Branche händeringend Nachwuchs sucht.

Es kann. Aber es muss nicht mehr. So könnte man ganz knapp die Ergebnisse eine Studie der Prognos AG zusammenfassen. Unter dem Titel „Neue Chancen für Vereinbarkeit! Wie Unternehmen und Familien der Corona-Krise erfolgreich begegnen“ wurden dafür im Auftrag des Bundesfamilienministeriums 750 Personalverantwortliche beziehungsweise Geschäftsführungen von Unternehmen mit mindestens zehn Mitarbeitern in Deutschland befragt.

Mehr als formales Verständnis

Zusätzlich holte das Institut für Demoskopie Allensbach die Antworten von 1.493 Vätern und Müttern mit Kindern unter 15 Jahren ein. Interviews mit Personalverantwortlichen ergänzen das Recherchepaket. Die Analyse zeigt zum einen, dass die Corona-Krise neben so manchen Verwerfungen speziell beim Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf positive Entwicklungen beschleunigt hat.

Dort, wo Unternehmen unbürokratisch Homeoffice-Lösungen angeboten, sich nach Möglichkeit selbst um Unterstützung bei der Suche nach Betreuungsangeboten für Kinder bemüht und mehr als nur formales Verständnis für die Mehrfachbelastung von Familien gezeigt haben, fühlen sich die Beschäftigten deutlich stärker wertgeschätzt. Sie sind entsprechend motivierter und loyaler. In Zeiten hoher Wechselbereitschaft ein nicht zu unterschätzender Fakt.

82 Prozent der Unternehmen gaben im Gegenzug in der Befragung an, dass Kinderbetreuung ein „zentraler Faktor für die Produktivität“ sei. Eine Mehrheit sprach sich zudem gegen eine „Re-Traditionalisierung der Elternrollen“ aus. Es müsse klar sein, dass Väter ebenso in der Familie gefordert sind wie Mütter. Kurz gesagt: Konnten es sich Männer lange nicht leisten, (länger) in Elternzeit zu gehen, weil das das Aus der Karriereplanung bedeutet hätte, können es sich heute immer weniger Firmen leisten, auf Väter zu verzichten, die wegen der Inflexibilität des Arbeitgebers in Sachen Familienzeit die Kündigung auf den Tisch legen.

Nach Einschätzung der Experten von Prognos hätten sich Unternehmen indes in der Krise „überwiegend als hilfsbereite Partner der Eltern“ bewiesen. „Von den befragten Eltern haben drei Viertel gesagt, dass ihnen nach einem Gespräch mit ihrem Arbeitgeber auch wirklich geholfen wurde“, betont Prognos-Projektleiter Dr. David Juncke. Jedes zweite Unternehmen führte demnach „familienbewusste Maßnahmen“ ein oder weitete das vorhandene Angebot aus. Homeoffice und flexible Arbeitszeitmodelle gelten heute als selbstverständlich. Das müssen auch jene Unternehmen zur Kenntnis nehmen, die infolge der Lockerungen in Bezug auf die Pandemie gern wieder zum alten Präsenz-Modus zurückwechseln würden. Sie haben beim Ringen um die besten Bewerberinnen und Bewerber das Nachsehen. Das gilt besonders für den Nachwuchs. Für Berufseinsteiger sind starre Arbeitswelten und Bürozwang vielfach schlicht indiskutabel. Sie, die potenziellen Mütter und Väter von morgen, haben dank vieler freier Stellen die Wahl. Dementsprechend agieren selbst eher traditionell aufgestellte Unternehmensspitzen heute aufgeschlossen, wenn es um New-Work-Modelle geht.

Netzwerk für Unternehmen

Das Unternehmensnetzwerk „Erfolgsfaktor Familie“, gegründet vom Bundesfamilienministerium und dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag, will eine breite Basis für das Thema Vereinbarkeit schaffen. Mit rund 7.700 Mitgliedern bundesweit ist es nach eigenen Angaben die größte Plattform für Arbeitgeber, die sich für eine familienbewusste Personalpolitik engagieren. Am Anfang steht dabei immer der Austausch – in den Personalabteilungen ebenso wie in den Gesprächen mit Mitarbeitern. „Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass in den Unternehmen eine aktivere Kommunikationskultur entstanden ist“, so Dr. David Juncke. Über das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf werde nun viel häufiger und offener gesprochen.

Eine Erfahrung, die auch Helen gemacht hat. „Als ich mich bei meinem heutigen Arbeitgeber beworben habe, habe ich ganz offen gesagt, was ich brauche und dass es ohne Flexibilität für mich nicht geht“, erzählt die junge Mutter. Ihr Chef, selbst Vater, hatte damit kein Problem. Im Gegenteil, die Arbeit im Homeoffice ist auch für ihn längst eine Selbstverständlichkeit.