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"Wir sind da, wenn die Welt plötzlich stillsteht"

Seit Mai leitet Notfallseelsorgerin Claudia Freudenberg das Kriseninterventionsteam im Landkreis Bautzen. Sie erklärt, wie Beistand auf Distanz funktioniert.

Seit fünf Jahren engagiert sich Claudia Freudenberg als Notfallseelsorgerin im Landkreis Bautzen. Jetzt leitet sie ein Team von 21 Ehrenamtlern.
Seit fünf Jahren engagiert sich Claudia Freudenberg als Notfallseelsorgerin im Landkreis Bautzen. Jetzt leitet sie ein Team von 21 Ehrenamtlern. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Claudia Freudenberg wohnt mit ihrer Familie auf einem Bauernhof, sie ist 39 Jahre alt, Biologielaborantin, Mutter, Ehefrau - und seit Mai die leitende Notfallseelsorgerin im Landkreis Bautzen. Seit fünf Jahren ist sie schon dort unterwegs, wo Schmerz, Trauer und Trauma den Alltag jäh unterbrechen. Nach dem altersbedingten Amtsende des ehemaligen Uhyster Pfarrers Michael Müller leitet sie jetzt ein Kriseninterventionsteam von 21 Leuten. Sächsische.de sprach mit ihr über ihre Motivation, über persönliche Grenzen und Chancen im neuen Amt.

Frau Freudenberg, wie muss man sich die Arbeit als Notfallseelsorgerin vorstellen?

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Den klassischen Einsatz gibt es nicht. Wir sind dort vor Ort, wo die Welt gerade stehengeblieben ist, andere Rettungskräfte aber weiter müssen. Das kann zum Beispiel ein Unfall sein, ein Suizid oder ein plötzlicher Kindstod. Unser Ziel ist es, posttraumatische Belastungsstörungen zu verhindern - indem wir da sind, zuhören und reagieren. Dafür gibt es verschiedene Strategien, aber nie den einen Weg. Allein schon, weil alle Menschen unterschiedlich auf Traumata reagieren: Während der eine stundenlang weint, schaut der nächste durch dich durch, und der Dritte schreibt seinen Einkaufszettel.

Notfallseelsorger setzen sich freiwillig dieser enormen Belastung aus, übernehmen die Aufgabe ehrenamtlich. Was motiviert Menschen dazu?

Es gibt die unterschiedlichsten Beweggründe. Ich zum Beispiel bin die Enkeltochter eines Friedhofsverwalters. Bei mir gehörte es schon in frühester Kindheit dazu, dass Leute in der Tür standen und Hilfe brauchten. Später habe ich mich mit Hospizarbeit beschäftigt. Als im Nachbarort ein schwerer Unfall passierte, wurde mir klar, dass ich in solchen Fällen helfen kann und will. Ich wandte mich an den damaligen Leiter der Notfallseelsorge, Michael Müller. Nach einer 80-stündigen Ausbildung ging es los.

Am Einsatzort arbeiten alle fachübergreifend zusammen

Wie sieht ein Einsatz als Notfallseelsorger im konkreten Fall aus?

Die Notfallseelsorge wird über die Rettungsleitstelle gerufen. Von dort bekommen wir die Adresse und bestenfalls erste Informationen. Wenn ich zu einem Einsatz fahre, nehme ich mir die Zeit, das Navi ordentlich zu bestücken, höre Musik von einer besonderen Spotify-Liste. Man selbst ist trotz Einsatz ganz normaler Verkehrsteilnehmer; muss mitunter lange Strecken zurücklegen, denn der Landkreis ist groß. Das Wichtigste ist dann, tief durchzuatmen und sicher anzukommen. Am Einsatzort bekomme ich alle Informationen, die ich brauche. Dabei arbeiten alle Kräfte fachübergreifend zusammen. Im Einsatz bist du ein Team.

Erst dann lasse ich mir von dem oder den Betroffenen in aller Ruhe erzählen, was passiert ist, höre zu, gehe auf sie ein und bin einfach da. Die meisten Menschen sind in solchen Situationen überfordert - das ist ja auch klar: Etwas Schlimmes passiert, plötzlich sind da viele völlig fremde Gesichter - und ich komme als weiteres fremdes Gesicht noch dazu.

Wenn sich die Situation beruhigt hat, verabschiede ich mich, lasse Kontakte da, damit die Leute sich bei Bedarf weitere Hilfe holen können. Ich steige dann in mein Auto, mache wieder meine Musik an und fahre nach Hause. Dort schaue ich als Erstes nach meinem Mann und meinem Kind; schreibe dann mein Protokoll. Danach ist der Einsatz für mich beendet.

Das klingt fast nach Routine...

Ein stückweit ist es das - und muss es für die eigene Psychohygiene auch sein. Das heißt nicht, dass die Einsätze mich nicht berühren. Es kam auch schon vor, dass ich danach im Bett lag, nicht schlafen konnte und merkte, dass die Bilder mich nicht loslassen. Dann muss man selbstreflektiert genug sein, um Gesprächsbedarf anzumelden. Und man muss auch ehrlich sagen: Nicht jeder ist als Notfallseelsorger geeignet.

"Ich würde nie zum Einsatz im Nachbarort fahren"

Muss man als Mitglied des Kriseninterventionsteams zu jedem Einsatz fahren?

Ganz klar: Nein! Sachen, die dich triggern, solltest du nicht machen. Ich zum Beispiel würde nie zu einem Einsatz fahren, der im Nachbarort stattfindet oder bei dem Menschen betroffen sind, die ich kenne. Ein traumatisches Erlebnis verbindet - auch dann, wenn man nicht direkt involviert ist. Würde ich betroffene Personen wiedersehen, würde das auch bei mir die Geschichte wieder zum Vorschein bringen. Das wäre weder gut für mich noch für mein Gegenüber.

Sie arbeiten Vollzeit, sind ehrenamtlich engagiert - bleibt da noch Zeit für Hobbies?

Mein Hobby sind Menschen, sonst würde ich dieses Ehrenamt nicht machen. Aber ja, tatsächlich habe ich ein 200 Jahre altes Bauernhaus mit Hühnern und Schafen. Und sitze abends auch ganz gern mal auf der Bank und trinke ein Bier.

Seit einem Monat leiten Sie ein Team von 21 Notfallseelsorgerinnen und -seelsorgern. Wird sich Ihr Engagement dadurch verändern?

Auf jeden Fall. Im letzten Jahr haben wir etwa 80 Einsätze gehabt. Ich werde da künftig seltener dabei sein, weil ich mehr Arbeit im Hintergrund habe. Ich habe mir vorgenommen, mehr präventiv zu arbeiten - also gezielt zu den anderen Rettungskräften zu gehen und zu sagen: "Uns gibt es, wir haben Ressourcen."

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Wichtig ist auch, die Arbeit des Landesverbandes zu stärken - einfach, weil zentrale Strukturen und Standards wichtig sind und uns die Arbeit erleichtern. Außerdem möchte ich das Kriseninterventionsteam im Landkreis stärken und festigen.

Wer sich ebenfalls als Notfallseelsorger im Landkreis Bautzen engagieren will, kann sich per Mail an [email protected] oder telefonisch unter 03578/38540 an die Diakonie Kamenz wenden.

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