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So löst eine Kleinstadt bei Leipzig das Impfproblem

Turnhalle als Impfzentrum, Taxifahrt mit Blaulicht: Colditz beschleunigt das Impfen auf eigene Weise. Weitere Städte wollen das nun nachmachen.

Zwei große Zelte stehen derzeit in der Colditzer Sporthalle. In dem provisorischen Impfzentrum will die Stadt den Wettkampf mit dem Virus gewinnen.
Zwei große Zelte stehen derzeit in der Colditzer Sporthalle. In dem provisorischen Impfzentrum will die Stadt den Wettkampf mit dem Virus gewinnen. © Thomas Kube

Eigentlich sollen 13 große Impfzentren und 15 mobile Teams die Menschen im Freistaat gegen Corona impfen. Bisher mit mäßigem Erfolg. Seit Mitte Januar sind erst knapp 219.000 Impfdosen verabreicht. Etwa fünf Prozent der vier Millionen Menschen in Sachsen sind damit versorgt. Robert Zillmann, 35 und seit bald drei Jahren parteiloser Bürgermeister der Stadt Colditz im Landkreis Leipzig, konnte die schwierige und schleppende Versorgung der Senioren nicht mehr mitansehen – und erfand seine eigene Impflösung. Er ließ die Sportarena in seiner Gemeinde mit dem bezeichnenden Namen „Arche“ in ein Impfzentrum umrüsten, zwei große Einsatzzelte mit allen hygienischen Voraussetzungen aufbauen und lud die Generation der Über-80-Jährigen ein.

Vorigen Freitag kamen bereits 126 Senioren, die zur höchsten Risikogruppe zählen. In gut zwei Wochen, am 19. und 20. März, haben sie den zweiten Termin in der Turnhalle. Darüber hinaus möchte der unorthodoxe Bürgermeister der 8.600-Einwohner-Stadt bis zu 375 weitere Colditzer der hohen Altersklasse impfen. „Bis zum 10. April wollen wir alle Über-80-Jährigen, die dazu bereit sind, durchgeimpft haben“, sagt Zillmann.

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Mit der Aktion wurde der vergangene Freitag auch zu einem besonderem Einsatztag für die Freiwillige Feuerwehr. Die Kameraden rückten mit ihren Mannschaftswagen aus, um die Ältesten der Gemeinde Zuhause abzuholen und in die „Arche“ zu bringen – alle Hausstände einzeln, um Ansteckungen zu vermeiden. Bis zu 30 Senioren nutzten das Angebot zur Taxifahrt mit Blaulicht. Die übrigen Senioren konnten allein oder mit Hilfe von Angehörigen kommen. In der Sporthalle wurden sie von negativ-getesteten, ehrenamtlichen Helfern der Stadtverwaltung empfangen und betreut. Darunter auch eine Standesbeamtin, die im Winter viele Covid-19-Todesfälle beurkunden musste.

Weg für Senioren oft zu beschwerlich

Die niedergelassene Colditzer Ärztin Tamara Altvater und zwei Schwestern griffen dann zur Spritze. Die Kassenärztliche Vereinigung musste sie dafür formal mit der Impfung beauftragen. Den Wirkstoff von Biontech und Pfizer aus dem Zentrum des Freistaates hatte ein mobiles Impfteam des Arbeiter-Samariter-Bundes mitgebracht. Die zwei Rettungssanitäter kümmerten sich auch um die Abwicklung und Registrierung der Impfungen.

In die Wege geleitet habe den Impftag vor allem das Bildungs- und Sozialwerk Muldental, betont Zillmann. Das Team hatte Anrufe zahlreicher Senioren entgegengenommen, deren Mobilität abgefragt und die Termine und Fahrten koordiniert. Die Kosten für Sprit, Getränke und Logistik zahlt die Gemeinde indes aus ihrem laufenden Geschäft. Die Ausgaben seien Peanuts im Vergleich zu ihrem Nutzen und den Kosten, um den Lockdown durchzuhalten, sagt Zillmann. „Ohne diese Aktion würden sich viel weniger der Über-80-Jährigen impfen lassen.“

Zuständig wäre eigentlich das Impfzentrum des Freistaates in Borna. In einer Befragung hätte aber viele der Senioren angegeben, dass ihnen der Weg zu beschwerlich sei. „Sie haben uns gesagt: Das würden wir nicht schaffen. Aber wenn wir es hier im Ort machen könnten, dann kommen wir“, erzählt der Ortschef.

Auch andere planen nun Impftage

Schon die Anmeldung über das offizielle Internetportal oder die überlastete Hotline sei vielen Älteren zu kompliziert gewesen – viele Gemeinden der Region waren daher bereits eingesprungen und hatten die Koordination für ihre ältesten Einwohner übernommen.

„Die Über-80-jährigen haben es doch besonders schwer, überhaupt an einen Impftermin zu kommen“, sagt Zillmann, dessen Familie seit Generationen in Colditz lebt. Der Bürgermeister ist ein Mann, der weiß, wie Großeinsätze mit Feuer, Hochwasser und Sturmtiefs funktionieren: Vor seiner Wahl zum Bürgermeister war der studierte Jurist Stadtwehrleiter in Colditz.

Inzwischen habe er mehrere Anrufe von anderen Bürgermeistern aus dem Landkreis bekommen, die auch Impftage organisieren wollen. Ginge es nach Zillmann, würde es in Sachsen viel mehr dezentrale Angebote wie in Colditz geben. „Wir brauchen mehr kommunale Impfteams für ein Angebot vor Ort“, sagt der Lokalpolitiker. „Da ist der Freistaat gefordert.“

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Und auch jüngere Jahrgänge sollten in ihrer Heimatregion bleiben können. Man müsse den Gemeinden nur die Möglichkeit dazu geben. Bürgermeister Robert Zillmann will auch am 19. März wieder den ganzen Tag in der Sporthalle dabei sein. Dass es sein 36. Geburtstag ist, sagt er, sei ihm ziemlich egal.

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