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Tschechien: Kneipen bangen um Hilfen

Die Nerven im Kneipenland Tschechien liegen blank. Noch überleben die Lokale mit Staatshilfe. Doch die soll im Sommer auslaufen.

Fast ein Jahr dicht: Kneipen in Tschechien. Wirte bangen jetzt um die Fortsetzung von Hilfszahlungen.
Fast ein Jahr dicht: Kneipen in Tschechien. Wirte bangen jetzt um die Fortsetzung von Hilfszahlungen. © Kateøina Šulová/CTK/dpa

Prag. Die Dvořáčeks können sich in der derzeitigen Coronakrise bei allen Problemen noch glücklich schätzen. Sie haben in Dresdens Partnerstadt Ostrava (Mährisch-Ostrau) einen erstklassigen Ruf. Die ganze Familie ist seit vielen Jahren im dortigen Gaststättengewerbe tätig. Ihr idyllisch in einem kleinen Stadtwäldchen gelegenes und nach teuren Umbauten piekfeines Restaurant „Stará kuželna“ (Alte Kegelbahn) wird wegen seiner Küche gerühmt. Um die genießen zu können, empfiehlt sich besser eine Reservierung. So war das jedenfalls vor Corona.

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Kurz bevor das Virus zuschlug, öffnete der Chef, Radim Dvořáček, im Einzugsbereich der Kneipenmeile von Ostrava, der Stodolní-Gasse, zusätzlich eine Bar. Tapas und exzellenter Rum sollten die Gäste locken. Die Bar kam bis zur staatlich verordneten Zwangsschließung aber nicht in die Gänge. Ein herber Verlust für Dvořáček ist auch sein ruhender Catering-Service. Mit dem hat er große Feiern, das jährliche Rockfestival Colours of Ostrava oder auch ausgewählte lukrative Sportveranstaltungen wie Eishockey-Weltmeisterschaften diverser Altersklassen bekocht.

„Durch das geschlossene Catering haben wir im Corona-Jahr rund 10 Millionen Kronen (400.000 Euro) verloren“, resümiert der Firmenchef, der vor der „Wende“ auch in Ost-Berlin in einem tschechischen Nationalitätenrestaurant gearbeitet hat. „Die Bar im Zentrum der Stadt ist geschlossen. Lediglich im Restaurant geben wir an einem Servicefenster bestelltes Essen aus. Größere Bestellungen liefern wir auch mit dem Auto zu den Kunden. Glücklicherweise kennen uns die Leute in Ostrava und darüber hinaus." Das helfe enorm. Aber um in der Coronazeit richtig wahrgenommen zu werden, musste er zusätzlich aufwendig Werbung für seinen Betrieb machen.

Angestellte in Gastro-Branche haben "völlig resigniert"

Dvořáček hat versucht, so viel wie möglich Personal zu halten. „Viele Köche und Kellner in Tschechen haben in ihren Betrieben gekündigt, haben völlig resigniert, wollen auch nicht mehr in die Gastronomie zurück“, sagt er. Im vergangenen Jahr waren die Bars und Restaurants in Tschechien vom 14. März bis 11. Mai komplett dicht. Ab 25. Mai war dann mal wieder eingeschränkt so etwas wie Normalbetrieb möglich. Die nächste Schließung dauerte vom 14. Oktober bis 2. Dezember. Nach einer Öffnung mit reduziertem Platzangebot sind die Gastbetriebe seit 18. Dezember wieder geschlossen.

Drei Leute hat auch der Chef der Alten Kegelbahn für immer verloren. Diejenigen, die bei der Stange blieben, arbeiten für das Servicefenster zu derzeit nur 40 Prozent der früheren Arbeitszeit. Der Umsatz ist auf 30 Prozent geschrumpft.

Anders als viele andere Kneipen- und Restaurantbesitzer in Tschechien, die aus unerfindlichen Gründen seit Monaten vergeblich auf versprochene staatliche Unterstützung warten müssen, bekommt Dvořáček ziemlich regelmäßig Subventionen aus Prag. 500 Kronen (20 Euro) pro Tag und Angestellten. „Das reicht natürlich nicht aus. Aber ohne dieses Geld hätte ich schließen müssen. So kann ich immerhin überleben“, rechnet er vor.

Unklar ist, ob es ab Sommer noch Coronahilfen gibt

Das Problem: Finanzministerin Alena Schillerová hat angekündigt, dass das Staatsbudget nur bis zur Jahresmitte 2021 Gelder zur Unterstützung von Corona-Geschädigten aller Art hergibt. Was dann wird, ist völlig offen.

Dvořáček sieht schwarz: „Da die Gastronomie ein riskantes Geschäft ist, wird uns keine Bank einen Kredit gewähren. Aber selbst wenn: Nach vielen Jahrzehnten in dieser Branche sind wir nicht bereit, Schulden zu machen und abzuzahlen für etwas, was wir nicht verursacht haben. Wenn die Subventionen wegfallen, werden wir unsere Restaurants trotz des Verbots vom Staat sofort wieder öffnen. Ich bin überzeugt, dass das jeder Gastronomiebetrieb tun wird. Die Probleme, die dann kommen, mag ich mir allerdings nicht ausmalen.“

Rebellische Kneiper erklären Lokale zu Parteibüros

Anders als Dvořáček in Ostrava sind andere Kneiper in Tschechien schon richtig auf Krawall gebürstet. Sie haben ihre Restaurants und Kneipen zu „Parteibüros“ erklärt und unter diesem Logo - rechtmäßig - geöffnet. Als ersten Schritt, um sich als Partei registrieren zu lassen. Sie sehen die Anordnungen zur Corona-Bekämpfung als den Auftakt für „eine Pandemie der Armut und der Arbeitslosigkeit“.

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Václav Stárek, der Vorsitzende des Verbandes der Hotels und Restaurants, rechnet auf der Basis einer Umfrage unter rund 1.200 Gastwirtschaften damit, dass etwa 20 Prozent davon vor dem Bankrott stehen und bis Ende März für immer schließen werden. Weitere 20 Prozent würden ihnen im April folgen, falls die Restaurants weiterhin geschlossen bleiben müssten. „Am schlimmsten ist, dass es keinen Plan gibt, unter welchen Bedingungen die Gaststätten wieder geöffnet werden könnten“, sagt Stárek. „Denn es ist klar, dass wir mit dem Coronavirus weiterhin leben müssen.“ Worte, denen sich auch Radim Dvořáček aus Ostrava anschließen würde.

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