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Sachsen-Fußballchef kritisiert Politik: "Das Verbot ist falsch"

Hermann Winkler spricht über Lage und Stimmung an der Basis – und was ihm jetzt trotz des verlängerten Lockdowns Hoffnung macht.

Hermann Winkler ist seit 2016 Präsident des Sächsischen Fußball-Verbands - und bekannt für seine klaren Worte.
Hermann Winkler ist seit 2016 Präsident des Sächsischen Fußball-Verbands - und bekannt für seine klaren Worte. © Ronald Bonß

Herr Winkler, Sachsens Landesregierung hat den Lockdown verlängert und damit das Fußballverbot unterhalb der 3. Liga – die richtige Entscheidung?

Auch wenn es uns Fußballern schwerfällt, ist es sicher richtig, temporär den Spielbetrieb auszusetzen. Denn damit werden natürlich größere Menschenansammlungen und Fahrtwege vermieden. Wir wissen, Fußball ist zurzeit nicht das Maß aller Dinge. Wir als Verband, aber auch die Vereine denken gerade in dieser Zeit auch an unsere Partner und Sponsoren, die Handwerker und Händler, Gastronomen und Hoteliers, denen es zum Teil noch viel schlechter geht. Was wir allerdings vermissen, ist es eine klare Linie in der Politik und eine Perspektive, wie es weitergeht. Die Unlogik und auch die Unverhältnismäßigkeit vieler Maßnahmen verschafft jedenfalls keine Akzeptanz, geschweige denn eine Motivation in den Vereinen. Und ich sage ganz deutlich: Das Verbot jeglichen Vereinssports für Kinder und Jugendliche ist falsch. Ein Leben ohne Sport und Kultur macht die Gesellschaft kränker als die Pandemie selbst.

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Was bedeutet das für die Fußball-Basis?

Wir haben Spielerinnen und Spieler in circa 6.000 Mannschaften. Ihnen allen fehlen der Wettkampf, soziale Kontakte und Freunde, zudem fehlen den Vereinen wichtige Einnahmen von Veranstaltungen wie Zuschauer und Catering. Dass Sport gesund und fit hält, scheint einigen Entscheidungsträgern in der Politik auch neu zu sein. Denn Sportvereine und Sporttreiben wurde als nicht-systemrelevant eingestuft, es ist also nicht so wichtig, was wir machen. Das ist ein Schlag ins Gesicht der vielen Ehrenamtlichen, seien es Trainer, Übungsleiter oder auch Funktionäre.

Hätte es aus Ihrer Sicht eine Alternative gegeben?

Ja, und zwar über den gesamten Sommer Konzepte zu erarbeiten für diese zweite Welle jetzt, vor der Experten lange gewarnt haben. Ich nenne ein Beispiel: Sachsens Regierung sagt, dass die Kontaktverfolgung ein Problem sei, weil Städten und Landkreisen das Personal fehlt. Warum werden dann nicht von den über 34.000 Landesbeamten einige hundert an die Kommunen abgeordnet? Das sächsische Beamtengesetz erlaubt das ausdrücklich. Auch ist mir dieser kategorische Lockdown zu kurzsichtig. Ich kenne die Hygienekonzepte vieler Vereine, die das Training von bis zu fünf Kindern in Kleingruppen ermöglichen würden. Da gibt es weniger Kontakte als in Bus und Bahn.

Die Profis dürfen indes weiterspielen, und sie tun es mittlerweile so routiniert, als wäre nichts gewesen – außer, dass keine Zuschauer dabei sein dürfen. Geht damit die Schere zu den Amateuren, die ja auch Fans sind, noch weiter auseinander?

Ich weiß, dass die Ausnahmeregelung für die Profis auch Unmut hervorruft. Dennoch ist sie richtig. Damit sind wenigstens ein paar Bundesliga-Spiele im Fernsehen zu sehen, genauso wie Handball, Ski, Rodeln und andere Sportarten. Außerdem profitiert der Amateursport auch von diesen Einnahmen, die durch die TV-Übertragung erzielt werden. Auch wenn die Summe sicher größer sein könnte, doch über den Grundlagenvertrag zwischen DFB und DFL werden wir als Amateurverbände beteiligt. Das lindert die finanziellen Sorgen ein bisschen.

Ein weiteres Problem dürfte der Kalender sein. Mit jedem Wochenende, an dem nicht gespielt wird, schwindet die Chance, diese Saison ordentlich zu Ende zu bringen. Welche Möglichkeiten sehen Sie?

Natürlich bereitet uns die Spielplangestaltung für das gesamte Jahr 2021 auf allen Ebenen des Amateurbereichs großes Kopfzerbrechen, zumal die Spielausschüsse alle ehrenamtlich besetzt sind. Wir gleichen regelmäßig die Daten ab und setzen alles daran, zunächst einmal die erste Halbserie zu Ende zu spielen und alle ausgefallenen Spiele nachzuholen. Dann sind zumindest alle Mannschaften auf einem vergleichbaren Niveau. Doch klar ist auch, wir haben für die zweite Halbserie nur bis Ende Juni Zeit. Da wird die Zeit knapp, so dass eine Quotientenregelung ebenso möglich ist wie Playoff- und Playdown-Spiele. Mehr lässt sich jetzt nicht sagen, wir sind abhängig vom Ende des Lockdowns.

Ist ein vorzeitiger Saisonabbruch denkbar?

Soweit müssen wir nicht gehen. Ich hoffe, dass wir im Februar, März wieder spielen können. Englische Wochen sind im Amateurbereich natürlich nicht machbar. Doch wir wollen die Saison sportlich zu Ende bringen, denn es geht ja auch um die Anschlüsse für die nächste Saison. Mannschaften wollen aufsteigen, haben sich dafür neue Sponsoren und neue Spieler gesucht.

Es gibt Befürchtungen, dass sich infolge der Pandemie viele Fans, aber auch aktive Vereinssportler vom Fußball abwenden. Teilen Sie diese Meinung?

Ich habe schon Angst, nach der Pandemie viele Fans zu verlieren – weil sie möglicherweise ganz andere Sorgen haben. Es geht um den Job, ums Geld. In Sorge bin ich aber auch jetzt, wenn im Januar bei vielen Vereinen die Mitgliedsbeiträge fällig werden. Dass viele, weil sie nicht wissen, wie es mit Training, Wettkampf und Vereinsleben weitergeht, Beiträge erst mal nicht zahlen oder sogar ganz austreten. Das wäre ein weiterer herber Schlag für die Vereine, zumal es inzwischen auch immer mehr digitale Angebote gibt. Da müssen wir uns kümmern.

Was macht Ihnen Hoffnung?

Dass wir gute Vereinsangebote und viele engagierte Trainer und Übungsleiter haben. Wir sind Sozialstation, Fitnesstrainer, für manchen auch Elternteil und Ernährungsberater.

Am 21. Januar wählt der Nordostdeutsche Fußballverband, dem neben Sachsen fünf weitere Landesverbände angehören, einen neuen Präsidenten. Sie kandidieren für das Amt. Warum?

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Ich habe mich beworben, weil ich von vielen Menschen angesprochen worden bin. Sie haben mich ermutigt, dass ich mit meinen Ideen und meiner Art und Weise, wie ich den sächsischen Verband führe, auch im NOFV etwas tun könne. Deshalb werfe ich meinen Hut in den Ring.

Das Interview führte Tino Meyer.

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