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"Ich lasse mein Kind nicht testen"

Jana Seidel aus Pirna lehnt Corona-Schnelltests für ihre Tochter ab. Kultusministerium und Herder-Gymnasium halten sie indes für wichtig - und sinnvoll.

Jana Seidel aus Pirna: "Ich bin strikt gegen die Corona-Selbsttests bei Kindern."
Jana Seidel aus Pirna: "Ich bin strikt gegen die Corona-Selbsttests bei Kindern." © Daniel Schäfer

Die für Eltern und Kinder gleichermaßen quälend lange Zeit des Homeschoolings ist vorerst vorbei. Seit 15. März dürfen Schüler an weiterführenden Schulen in Sachsen ihre Bildungsstätten wieder besuchen, zunächst im Wechselmodell, sie gehen jeden zweiten Tag zur Schule. Für die anderen Tage bekommen sie Aufgaben, die sie daheim erledigen müssen.

Für den wiederbelebten Präsenzunterricht gibt es aber eine entscheidende Zugangsvoraussetzung: Schüler müssen entweder mit einem ärztlichen Attest oder einem Corona-Selbsttest nachweisen, dass sie nicht mit dem Virus infiziert sind. Andernfalls dürfen sie weder aufs Schulgelände noch ins Schulhaus. Geregelt ist das in Paragraf 5 der sächsischen Corona-Schutzverordnung.

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Die meisten Eltern sind froh, viele geradezu erleichtert, dass die Sprösslinge wieder einem halbwegs normalen Unterricht beiwohnen können und die Schulen über ausreichend Schnelltests verfügen, weil sie helfen, das Infektionsrisiko zu minimieren.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch Testverweigerer, sie beschäftigen inzwischen schon die Justiz. Dem sächsischen Oberverwaltungsgericht in Bautzen liegen mehrere Klagen von Eltern vor, die fordern, die Testpflicht für Schüler wieder aufzuheben.

Invasiver Eingriff ohne Rechtsgrundlage?

Jana Seidel aus Pirna zählt zu jenen, die diese Tests grundsätzlich ablehnen. Ihre Tochter besucht die zehnte Klasse am Pirnaer Herder-Gymnasium. Die Einwilligung, dass ihr Kind sich selbst testen darf, hat ihre Mutter nicht unterschrieben. "Ich bin strikt dagegen", sagt sie.

In erster Linie fehle ihr eine gesetzliche Grundlage für die Testpflicht. Zudem empfindet sie die Selbsttests für die Kinder als invasiven Eingriff, der - wenn denn überhaupt - nur von geschultem Personal gehändelt werden sollte, nicht aber von den Kindern selbst.

Auch könne sie nicht nachvollziehen, warum sich symptomfreie Kinder testen müssen. Die Tests brächten ihrer Ansicht nach auch keinen Mehrwert für die Schüler, da sie selbst bei einem negativen Ergebnis weiterhin Maske tragen und Abstand halten müssen.

Unklar ist Jana Seidel nach ihrer Testverweigerung, wie ihre Tochter jetzt an den benötigten Lernstoff kommen soll. In einem Schreiben an alle Eltern teilte Sachsens Kultusminister Christian Piwarz (CDU) zwar den Eltern mit, die Schulen würden jenen Kindern, die nicht am Präsenzunterricht teilnehmen, geeignete Aufgaben übermitteln.

Doch nach Aussage des Herder-Gymnasiums müsse sich die Tochter vorerst selbst um die zu erledigenden Aufgaben kümmern. Aus Sicht von Jana Seidel werde ihrem Kind auf diese Weise das Recht auf Bildung vorenthalten. "Insgesamt kommt die Testpflicht und das Teilnahmeverbot am Präsenzunterricht bei Verweigerung einem politischen Totalversagen gleich", sagt Jana Seidel.

Tests machen Unterricht erst wieder möglich

Das sächsische Kultusministerium hält diese Selbsttests indes für ungemein wichtig und sinnvoll. Die Behörde sieht darin einen wichtigen Baustein, um die Pandemie in den Griff zu bekommen. "In Zeiten der Corona-Pandemie ist es die Aufgabe aller, dafür zu sorgen, dass Schule ein möglichst sicherer Ort bleibt", sagt Ministeriumssprecherin Susann Meerheim.

Der regelmäßige und flächendeckende Einsatz von sogenannten Laienselbsttests mache Präsenzunterricht wieder möglich. Gemeinsam mit den übrigen Infektionsschutzmaßnahmen spanne sich damit ein Sicherheitsnetz, das man in Zeiten der Pandemie benötige. Die an den Schulen stattfindenden Selbsttests gäben Schülern sowie dem gesamten Lehrpersonal Klarheit über die Infektionslage an der jeweiligen Bildungsstätte.

Die Selbsttests könnten durch die Schnelligkeit und einfache Handhabung einen wesentlichen Beitrag leisten, die Pandemie einzudämmen. "Wir haben es in der Pandemie immer mit einer Abwägung zwischen Gesundheitsschutz und dem Recht auf Bildung zu tun. Beides muss Berücksichtigung finden", sagt Susann Meerheim.

Die Tests sind jetzt schonender

Die gesetzliche Grundlage für die Test liege in der sächsischen Coronaschutzverordnung. Generell, so die Ministeriumssprecherin, könnten die Tests die anderen Hygieneregeln und Vorsichtsmaßnahmen nicht ersetzen, sondern sollen die bisherigen Schutzvorkehrungen flankieren. Je mehr präventive Maßnahmen zusammenwirken, desto höher sei der Infektionsschutz.

Im übrigen sei mit den Schnelltests kein großer körperlicher Eingriff verbunden. Die Tupfer müssen nicht mehr tief in die obere Nasenhöhle eingeführt werden, sondern nur etwa zwei Zentimeter tief in jedes Nasenloch.

Aufgaben ja, aber nicht im früheren Umfang

Nach Auskunft des Kultusministeriums seien Schüler aufgrund von verweigerten Tests oder fehlender negativer Ergebnisse nicht grundsätzlich von der Bildung ausgeschlossen. Es gilt jedoch eine Einschränkung: Mit einer vollumfänglichen Betreuung der Schüler durch Lehrer, wie zu Zeiten der Schulschließungen per Homeschooling oder wie im Präsenzunterricht, könne laut des Ministeriums nicht gerechnet werden. Das können die meisten Schulen auch gar nicht leisten.

Nur wenige Corona-Test-Verweigerer

Das Pirnaer Herder-Gymnasium begrüßt das Schnelltest-Verfahren, auch wenn es für die Schule mit einem riesigen logistischen Aufwand verbunden ist. "Uns ist aber in erster Linie wichtig, dass wir dank der Tests die Schule weiter offenhalten und wieder Unterricht anbieten können", sagt Schulleiterin Marion Paßmann.

Die Lehrer seien derzeit voll damit ausgelastet, den Lehrstoff für den Präsenzunterricht und die Tage dazwischen für zuhause vorzubereiten und anzubieten. Sich darüber noch um das reine Homeschooling der Testverweigerer zu kümmern, bedeute einen enormen Mehraufwand, der aktuell nicht zu bewältigen sei.

Daher verfährt das Gymnasium zunächst wie folgt: Schüler, die sich nicht testen lassen, werden wie kranke Schüler behandelt - sie müssen sich vorerst selbst um die benötigten Aufgaben kümmern. Diese Regelung gilt bis zu den Osterferien, also noch eine Woche.

Bis dahin gelte es laut der Schulleiterin, noch einige offene rechtliche Fragen zu klären. "Ich bin aber optimistisch, dass es nach Ostern eine einheitliche Regelung für die Schüler in diesen Fällen gibt", sagt Marion Paßmann. Schließlich wolle man den Kindern, die nicht im Präsenzunterricht lernen, keine zusätzlichen Steine in den Weg legen.

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Generell betreffe das an der Schule aber nur wenige Kinder. Von den 860 Schülern, die derzeit am Herder-Gymnasium lernen, hätten bislang die Eltern von acht Schülern den Test verweigert.

Weitere Fragen und Antworten zu den Selbsttests an Schulen finden Sie hier.

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