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Jung, fit und trotzdem geimpft: die legalen Tricks

Impfstopp, ungenutzte Dosen, starre Reihenfolge: Viele sind frustriert von der Impfkampagne – und helfen nach. Wie sie vorgehen, warum sie Erfolg haben.

Impfen ist nicht nur zum politischen Kampfbegriff geworden, sondern unter den Jüngeren vor allem zum Geduldspiel, zur Sehnsucht und unter den Vernünftigen: zum Gebot.
Impfen ist nicht nur zum politischen Kampfbegriff geworden, sondern unter den Jüngeren vor allem zum Geduldspiel, zur Sehnsucht und unter den Vernünftigen: zum Gebot. © Sebastian Gollnow/dpa (Symbolbild)

Von Sidney Gennies und Hannes Heine

Er sei ziemlich überrascht gewesen, als seine Nachbarin an der Tür klingelte. Daran erinnert sich der Mann, Ende 70, in einem Hamburger Mehrfamilienhaus. Er kennt die Frau, Ende 30, vom Sehen, viel mehr haben sie nicht miteinander zu tun. Nun aber steht sie dort und hat eine Bitte. Ob er unterschreiben könne, dass sie ihn pflege. Mit der Unterschrift, erklärt sie ihm, werde sie früher geimpft. Die Papiere habe sie schon ausgefüllt dabei. Zunächst sei er konsterniert gewesen, denn für seine fast 80 Jahre ist er noch fit. Aber er will auch nicht unfreundlich sein.

Impfen ist nicht nur zum politischen Kampfbegriff geworden, sondern vor allem zum Geduldspiel, zur Sehnsucht und unter den Vernünftigen: zum Gebot. In nur wenigen Ländern gibt es derart viele Ärzte pro Kopf, derart viele Kliniken, derart viele Apotheken. Und trotzdem, das verstehen eben nur noch Experten aus dem Inneren des Gesundheitssystems, läuft das Massenimpfen zögerlich.

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Menschen warten vor dem Impfzentrum in Dresden.
Menschen warten vor dem Impfzentrum in Dresden. © Jürgen Lösel

Nach neuesten Zahlen des Robert-Koch-Instituts haben in Deutschland erst rund 13 Millionen Menschen ihre Erstimpfung erhalten, eine Quote von etwas mehr als 16 Prozent. Der Impfstau ist beträchtlich, mehrere Millionen bereits gelieferte Dosen liegen ungenutzt in Lagern.

Seit vergangener Woche sind nun auch niedergelassene Ärzte in die Impfkampagne einbezogen.

Schon aus praktischen Gründen können Ärzte von der Reihenfolge abweichen, „wenn dies für eine effiziente Organisation der Schutzimpfungen oder eine zeitnahe Verwendung vorhandener Impfstoffe notwendig ist, insbesondere um einen Verwurf von Impfstoffen zu vermeiden“ – so steht es in der aktuellen Verordnung des Bundesgesundheitsministeriums.

Übersetzt: Bevor der Inhalt geöffneter Impffläschchen und aufgezogener Spritzen zu verkommen droht, soll der jeweilige Arzt auch Jüngere und Gesündere impfen, obwohl sie nach der gültigen Reihenfolge noch nicht dran wären. Von der Reihenfolge kann auch abgewichen werden, „um eine dynamische Ausbreitung des Coronavirus Sars-CoV-2 aus hochbelasteten Grenzregionen sowie in oder aus Gebieten mit besonders hohen Inzidenzen in der Bundesrepublik Deutschland zu verhindern“.

1. Kontakte suchen

In Hamburg diskutiert der Mann nicht lange mit seiner deutlich jüngeren Nachbarin. „Es ging alles so schnell“, sagt er später. Ihm sei das Ganze zwar komisch vorgekommen, er habe seiner freundlichen Nachbarin die Bitte, ihr zu helfen, an eine Impfung zu kommen, aber nicht abschlagen wollen. Also unterschreibt er die vorbereiteten Unterlagen. Gibt an, sie pflege ihn. Für die Nachbarin zahlt sich das aus. Sie hat mittlerweile die erste Impfdosis erhalten – von Biontech.

Möglich macht das Vorgehen eine Verordnung, die jedenfalls anders gedacht war. Grundsätzlich werden zwei enge Kontaktpersonen eines Pflegebedürftigen ebenfalls mit Impfcodes versorgt. Sie sind den Heimen und Krankenkassen vorab bekannt. Ähnlich verhält es sich bei der ambulanten Pflege.

Allerdings enthält die Verordnung auch einen Passus, der besagt, dass Kontaktpersonen von Pflegebedürftigen über 70 Jahren, die nicht zum Impftermin eingeladen wurden „und nachgewiesenermaßen zu den engen Kontaktpersonen dieser Zielgruppen gehören“, eine Eintragung als Kontaktperson veranlassen können. Als Nachweis reichte bisher oft die Unterschrift des Pflegebedürftigen oder des Erziehungsberechtigten, wenn es sich um ein Kind handelt.

Eine Berlinerin, Anfang 30, berichtet von einem ähnlichen Trick, der auf derselben Verordnung basiert. Sie sei eher zufällig darauf gekommen. Ein befreundetes Paar erwartet gerade das erste Kind. In einem Telefonat erkundigt sie sich beim werdenden Vater, wann er geimpft werde. Der sei verdutzt gewesen, denn er habe andere Sorgen gehabt. Schwangere dürfen derzeit nicht geimpft werden. Zwei Kontaktpersonen dafür allerdings vorzeitig.

Die Berlinerin vergisst bei dem Gespräch nicht zu erwähnen, dass neben dem Vater noch eine weitere Person als Kontaktperson bei der Frauenärztin benannt werden kann. Gemeinsam hätten sie sich dann darauf geeinigt, dass sie diese Kontaktperson sein solle. Inzwischen hat sie ihre Impfeinladung erhalten.

2. Impfung im Ausland

Während sich in Deutschland die Impfkampagne in bürokratischen Vorgaben verheddert, läuft es im Ausland oft reibungsloser. Dazu kommt das Imageproblem des Vektorimpfstoffs von Astrazeneca. Zunächst wurde das britisch-schwedische Präparat wegen fehlender Studiendaten ausdrücklich nur für Jüngere empfohlen, dann befeuerten Thrombosefälle, die mit dem Impfstoff in Zusammenhang gebracht werden, die Skepsis. Für einige Tage wurden die Impfungen im März komplett ausgesetzt – dann kam der nächste Impfstopp, diesmal für alle unter 60-Jährigen. Das Gegenteil der Empfehlungen am Anfang.

Die Verwirrung bedeutet auch: Zehntausende haben einen sicher geglaubten Impftermin wieder verloren. Wenig überraschend, dass sich nun gerade Jüngere über das Impfen im Ausland informieren. Großbritannien, Dubai, Serbien – Staaten, in denen prozentual doppelt, dreifach, fast vierfach so viele Einwohner geimpft worden sind wie in Deutschland.

Einige Firmen werben mit Pauschalreisen – manche Anbieter versprechen gleich medizinische Versorgung vor Ort, falls der Kunde die immunisierende Spritze nicht verträgt. Mal werden Pakete für die Impfung und eine Hotelnacht in Luxus-Unterkünften für 4.000 Euro angeboten, mal nur das Abholen in der jeweiligen Zielstadt samt Arztbesuch für 500 Euro. Unklar ist, wo, was, wie bislang funktioniert hat.

Glaubwürdige Reiseberichte gibt es bislang aus Belgrad. Wer sich online registriert und eine E-Mail-Einladung mit Termin erhalten hat, der darf damit in ein Impfzentrum – egal, woher er kommt. Die Einladung kann jeder beantragen, offenbar – das berichten Angereiste – ist nur eine serbische Handynummer nötig. Die gibt es als Prepaid-Sim-Karte für wenige Euro. Dort werden der russische Sputnik-Impfstoff, das chinesische Mittel „Sinovac“ und deutsche Biontech-Spritzen angeboten. Samt Eintrag in den gelben, also international üblichen Impfpass. Inzwischen meldeten Nachrichtenagenturen, die Regierung in Belgrad habe den Impftourismus vorerst gestoppt.

Die Website wirbt für Impfreisen wie für Wellness-Touren.
Die Website wirbt für Impfreisen wie für Wellness-Touren. © Screenshot/TSP

Auch nach Russland, wo der „Sputnik V“-Impfstoff entwickelt wurde, werden Reisen angeboten. „Russland stellt den Impfstoff Sputnik V kostenlos zur Verfügung“, wirbt eine Agentur für Impfreisen. „Sie zahlen lediglich die Behandlungskosten in der Privatklinik.“ Die sollen pro Immunisierung 220 Euro betragen, dazu fielen Reise- und Hotelkosten an. „Aufklärungsgespräch auf Deutsch.“ In Kürze eröffne ein Impfzentrum im Transitbereich eines Moskauer Flughafens, heißt es auf der Internetseite „Meine Impfreise“, dadurch entfiele „die etwas aufwendige Visa-Beschaffung“.

Auf diversen Portalen geht es dieser Tage um Impfreisen nach Dubai. Dort wird schneller geimpft als in Deutschland, der reiche Ölstaat ist mit 3,5 Millionen Einwohnern klein. Ohne viel Verwaltungskram sollen dort auch jene eine Impfspritze erhalten können, die erst kürzlich als ausländische Facharbeiter nach Dubai kamen. Das kostet dann eine dreistellige Bearbeitungsgebühr, so ist es den Angeboten zu entnehmen. Ob das funktioniert, ist allerdings nicht bekannt.

Die Nachfrage bleibt. Berliner Hausärzte berichten, dass Stammpatienten seit einigen Tagen öfter nach entsprechenden Möglichkeiten fragen, die Erwartungen zum Start der Impfkampagne waren jedenfalls hoch. Nicht alle niedergelassenen Mediziner impfen selbst – und diejenigen, die es tun, haben nicht immer genug Impfstoff vorrätig. Ein Arzt in Berlin rät deshalb tatsächlich zu einer Impfreise. Dass er nicht genannt werden will, habe ausschließlich damit zu tun, nicht noch „Öl ins Feuer“ des regierungsamtlichen Versagens gießen zu wollen. Standesrechtlich und ethisch spreche nichts gegen Impfreisen in Staaten, in denen Impfstoff-Überschuss herrsche. Warum sollen die rettenden Präparate nicht denjenigen helfen, die in Berlin das Virus eindämmen und sich selbst immunisieren möchten?

"Wir wollten keine Impfreisen anbieten, obwohl Leute danach fragen"

Seriöse Mediziner empfehlen in solchen Fällen jemanden, der ihnen aus der Zunft als kompetent bekannt ist. So jemand ist Sophie Chung. Vor fünf Jahren gründete die Ärztin ein Start-up, sie verbindet dabei die Vorteile diverser Gesundheitswesen – und verdient so im wachsenden Markt des Medizintourismus: Chung vermittelt Patienten an Ärzte im Ausland, die ihre Arbeit genauso gut wie die Kollegen in Deutschland machen, aber zu Preisen anbieten, die sich nicht nur Wohlhabende leisten können: Haartransplantationen, Schönheitskorrekturen, Zahnbehandlungen in Istanbul, Budapest, Vilnius. „Qunomedical“ heißt ihr Unternehmen, 80 Mitarbeiter.

„Wir wollten gar keine Impfreisen anbieten, obwohl uns schon vor Monaten viele Leute danach gefragt haben“, sagt Chung. „Aber die deutsche Politik schafft das mit dem Impfen leider nicht – und nun haben wir doch eine Warteliste eingerichtet.“ Für Impfreisen nach Dubai habe sie keine Werbung gemacht, sagt Chung, eine „zweistellige Zahl“ an Interessenten habe sich dennoch vormerken lassen. Flüge, zwei Nächte, Impfung – je nach individuellem Reiseplan werde das insgesamt kaum mehr als 1000 Euro kosten. Noch impfen Dubais Ärzte die heimische Bevölkerung, bald dürfte das erledigt sein. Wenn die Regierung in Dubai die örtlichen Impfzentren für alle Interessierten öffnet, soll es losgehen.

In Dubai sollen bald auch Ausländer geimpft werden können.
In Dubai sollen bald auch Ausländer geimpft werden können. © Detlef Berg/dpa

„Wir verdienen an dieser winzigen Behandlung nichts“, sagt Chung. „Aber wir haben als junges Unternehmen ein konkretes Interesse, dabei zu helfen, die Pandemie zu besiegen: Je schneller geimpft wird, desto mehr Infektionen können wir verhindern. Und desto eher können wir unsere regulären Behandlungen wieder anbieten, also unseren Patienten unsere Partner-Ärzte im Ausland vermitteln.“ Schließlich blockieren die in der Pandemie oft geschlossenen Grenzen den Medizintourismus.

3. Angebote an die niedergelassenen Ärzte

Am Anfang, so erzählt es der Mann, der ebenfalls anonym bleiben möchte, sei es eine Verzweiflungsaktion gewesen. Er schreibt seinem Hausarzt, bei dem er seit vielen Jahren in Behandlung ist, eine E-Mail. Er, Mitte 30, ohne Vorerkrankungen, steht darin, wolle keinem Risikopatienten und niemand Älterem eine Impfdosis wegnehmen. Er sei aber bereit, sich mit Astrazeneca impfen zu lassen, falls andernfalls Impfdosen entsorgt werden müssten. Er wohne in der Nähe der Praxis, könne jederzeit innerhalb von fünf Minuten dort sein, ein Anruf genüge.

Obwohl die Ständige Impfkommission Astrazeneca für unter 60-Jährige nicht mehr empfiehlt und in den Zentren die Impfung auch nicht mehr erfolgt, bleibt sie frewillig und in Absprache mit einem Arzt weiter möglich. Der Mann weiß das und die Antwort vom Hausarzt kommt prompt. Es werde streng nach Priorität geimpft, es sei aber wahrscheinlich, dass sich innerhalb der nächsten zwei Wochen eine Möglichkeit ergebe. Man werde ihn auf die Liste setzen.

„Dann bin ich systematisch vorgegangen“, sagt der Mann. Innerhalb eines Nachmittags schreibt er sieben Arztpraxen in Berlin-Mitte und Kreuzberg an. Sechs antworten. Eine sagt sofort ab, die anderen fünf sind gern bereit, ihn auf ihre Liste zu setzen. Einer bittet um Verständnis, es könne dauern, denn er werde erst andere impfen, wenn alle Stammpatienten versorgt seien

"Ich hätte mich sogar zweimal impfen lassen können"

Eine junge Mutter schildert ein ähnliches Vorgehen. Insgesamt 80 Praxen habe sie angeschrieben, auch sie bot sich nur für Impfdosen an, die sonst entsorgt werden müssten. Die Rückmeldung sei überwältigend gewesen. „Ich wollte mich nicht an der Priorisierung vorbeidrängeln, aber offenbar wollen oder können viele Ärzte die Priorisierung gar nicht leisten, sondern setzen lieber auf Menschen, die sich freiwillig melden.“

Hausärzte, die vertraulich zu sprechen waren, sind davon nicht überrascht. „Mir wurde schnell klar, dass ich mit allen meinen Patienten über 60, die für Astrazenca infrage kommen und das auch wollen, in der ersten Woche fertig bin“, sagt etwa ein Facharzt aus Zehlendorf. Freiwillige seien praktischer, denn für eine regelrechte Patientenakquise – und dann auch noch nach Priorität – fehlten die Ressourcen.

Der niedergelassene Arzt Christian Lübbers beschreibt ein weiteres organisatorisches Problem, da es keine zentrale Datenbank gebe: „95 Prozent der Patienten, die wir angerufen haben, waren schon geimpft.“ Das koste viel Zeit. Dazu komme: „Ein großer Teil ist die Aufklärung. Wenn wir unsere Patienten anrufen, müssen wir sie natürlich zunächst beraten und ihnen teilweise auch den letzten Ruck geben.“

Im Falle des Mannes, der die Mails an verschiedene Praxen verschickt hatte, kommt der Anruf des Arztes keine sechs Tage später, es ist ein Samstag. Er fährt sofort los. Das Aufklärungsgespräch sei ausführlich, aber nicht alarmistisch gewesen. Einwilligungserklärung, Piks, Aufkleber im Impfpass. In zwölf Wochen folgt der Termin für die Zweitimpfung.

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Die junge Mutter und ihr Freund wurden bereits einen Tag früher mit Biontech geimpft. „Ich hätte mich sogar zweimal impfen lassen können“, sagt sie. Ein paar Tage später habe eine weitere Praxis einen konkreten Terminvorschlag geschickt. Jetzt habe sie zu tun, den anderen Praxen wieder abzusagen.

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