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Corona: Kantinen in Sachsen ausnahmsweise geöffnet

Wegen Corona sollen Betriebskantinen seit dieser Woche grundsätzlich geschlossen werden. Doch in Sachsen ist die Ausnahme weit verbreitet.

Essen mit Abstand: In den großen sächsischen Auto- und Mikrochipfabriken machen die Kantinen jetzt häufig Unterschiede zwischen Büro- und Produktionsmitarbeitern.
Essen mit Abstand: In den großen sächsischen Auto- und Mikrochipfabriken machen die Kantinen jetzt häufig Unterschiede zwischen Büro- und Produktionsmitarbeitern. © dpa

Dresden. Gratis-Essen in Dresdens größter Fabrik: Die Globalfoundries-Betriebsratsvorsitzende Elvira Stade hatte am Mittwoch die Wahl zwischen Schweinekammsteak mit Letschogemüse und Kartoffeln mit Quark und Leinöl. Die Arbeitnehmervertreterin Stade ist froh, dass die Tische in der Kantine der Mikrochipfabrik weit auseinander stehen.

Zusätzlich hat der Betrieb mit 3.400 Beschäftigten Konferenzräume in Aufenthaltsräume umgewandelt. Sonst hätte in dieser Woche womöglich die Schließung der Betriebskantine gedroht.

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Wegen Corona gehören Kantinen seit dieser Woche zu den Einrichtungen, deren Betrieb grundsätzlich verboten ist. Doch laut Arbeitsminister Martin Dulig (SPD) lässt die Landesregierung Ausnahmen zu: „Wir wollen nicht, dass Essen in Umkleiden mitgenommen wird“, sagt Dulig. Essen in der Umkleide „wäre ein Fiasko“, findet auch Betriebsrätin Elvira Stade.

Im Reinraum darf kein Krümel fallen

Etwa die Hälfte der Globalfoundries-Beschäftigten hat keinen Schreibtisch, sagt die Firmensprecherin Karin Raths. Diese Kollegen arbeiten an Maschinen in belüfteten Reinräumen. In der Umkleide tauschen sie ihre Alltagsmaske gegen die Gesichtsmaske, die zur Reinraumkleidung gehört. Die Alltagsmaske kommt in die Hosentasche des grünen Unteranzuges.

Essen an den Maschinen kommt im Mikrochipwerk nicht infrage, kein Staubkorn darf hinein. Sehr empfindlich sind die beschichteten Siliziumplatten, die immer wieder geätzt und belichtet werden, damit die feinen Chipstrukturen entstehen. Die Angestellten aus dem Reinraum dürfen weiter an Kantinentischen essen, auf Abstand.

Currywurst mit Pommes - die Nummer Eins in den deutschen Betriebskantinen.
Currywurst mit Pommes - die Nummer Eins in den deutschen Betriebskantinen. © Martin Gerten/dpa

Während Globalfoundries seit November seinen Beschäftigten das Essen wie schon beim Frühjahrs-Lockdown spendiert, wiederholt Infineon Dresden dieses Angebot bisher nicht. Doch Betriebsrat Stefan Eisold berichtet, dass auch bei Infineon die Tische auseinandergerückt stehen und die Kollegen aus der Produktion weiterhin im Unternehmen essen dürfen.

Pressesprecher Christoph Schumacher sagt, von Mittwoch an werde der Kantinenbetreiber Klüh auch Lunchpakete zum Mitnehmen an Beschäftigte ausgeben, die in entfernteren Betriebsteilen arbeiten – und dieses Essen werde zusätzlich von Infineon subventioniert. Ohnehin gebe das Unternehmen jährlich einen sechsstelligen Betrag für die Kantine aus.

Arbeitsagentur Dresden ohne Essen

Gar kein Kantinenessen mehr bekommen jetzt die Angestellten in den Arbeitsagenturen Dresden, Pirna und Bautzen. Die verpachteten Kantinen wurden dort vorübergehend komplett geschlossen, berichtet Sprecher Frank Vollgold. Ein großer Teil der Beschäftigten sei im Homeoffice, andere müssten sich nun Essen mitbringen oder liefern lassen.

In fünf sächsischen Arbeitsagenturen, darunter Riesa, gibt es dagegen Kantinenessen zum Abholen, das am Schreibtisch gegessen werden kann. Kontakte müssen vermieden werden, es gibt keine gemeinsamen Mittagspausen, betont Vollgold.

Flugzeugwerke: Kantine sicherer als Essen am Arbeitsplatz

Eine klare Meinung zum Kantinenessen haben die Elbe-Flugzeugwerke in Dresden, deren Chef Andreas Sperl auch Präsident der Industrie- und Handelskammer Dresden ist: „Gerade in mittelständischen und großen Unternehmen sind die Kantinen infektionssicherere Aufenthaltsbereiche,“ schreibt Sprecherin Anke Lemke. Betriebskantinen ohne externen Publikumsverkehr und mit Corona-Hygienekonzept sollten daher von der Schließung ausgenommen werden.

In den Elbe-Flugzeugwerken dürfen sich jetzt nur noch jene Mitarbeiter in die Kantine setzen, die „in der Leichtbaufertigung oder am und im Flugzeug arbeiten“ und daher nicht am Arbeitsplatz essen können. Ihre Kollegen aus Büros und Lagern können die Mahlzeiten „in umweltfreundlichen Zuckerrohr- Assietten“ abholen und am Arbeitsplatz einnehmen.

Doch diese Lösung sei für das Infektionsgeschehen im Unternehmen kontraproduktiv, finden die Flugzeugwerke. Am Arbeitsplatz sei es schwieriger als in der Kantine, konsequent Abstand zu halten, ohne Mundschutz.

Dresdner Verkehrsbetriebe mit Automaten für Fahrer

Viele große Arbeitgeber bemühen sich, ihre Beschäftigten weiterhin mit Essen zu versorgen. Zwar prägt jetzt Leere das Foyer im bisherigen Enso-Gebäude hinter dem Dresdner Hauptbahnhof, wo zuvor Energie-Experten aßen. Doch laut Sachsen-Energie-Sprecherin Nora Weinhold gibt es Essen zum Mitnehmen an die Schreibtische. Außerdem organisiere das Unternehmen Essenlieferungen an seine größeren Standorte.

Bei den Dresdner Verkehrsbetrieben (DVB) hat in den letzten Wochen kaum noch ein Fünftel der Vor-Corona-Kundschaft eine der drei Kantinen besucht, schätzt DVB-Sprecher Falk Lösch. Seit Montag seien die vor Corona stark frequentierten Betriebsrestaurants dicht. Der Nürnberger Pächter Dorfner-Menü biete statt drei nur noch zwei Assietten-Essen an.

Viele DVB-Fahrer nutzten nun die bargeldlosen Automaten, um sich ein Schnitzel oder eine kalte Bockwurst mit auf die Tour zu nehmen. Schon vor der Schließung habe es im Unternehmen mit rund 2.200 Beschäftigten strenge Regeln mit zugeteiltem Besteck, Ein-Richtung-Verkehr und Registrierung per Chip gegeben.

Lieferant Apetito spürt starke Einbußen

Beim Druckmaschinenhersteller Koenig & Bauer Sheetfed mit etwa 1.800 Beschäftigten in Radebeul ist das Betriebsrestaurant laut Sprecher Martin Dänhardt, seit 13. Oktober geschlossen. Ab Donnerstag soll den Mitarbeitern ein Imbiss-Angebot „to go“ bereitgestellt werden. Vor Corona wurden rund 450 Gäste versorgt.

Torsten Kuntze, Geschäftsführer der VEM Sachsenwerk GmbH mit gut 600 Beschäftigten, teilte mit: "Wir passen unser Hygienekonzept ständig auf die aktuellen gesetzlichen Regelungen und pandemischen Notwendigkeiten an." Dank der hauseigenen Kantine sei VEM in höchstem Maße flexibel. Eine Momentaufnahme sei daher nur wenig aussagekräftig.

Eine Frau isst in einer Kantine zum Mittag.
Eine Frau isst in einer Kantine zum Mittag. © dpa/Caroline Seidel

Die großen Kantinen-Unternehmen bekommen die Einbußen zu spüren. Bei Globalfoundries Dresden mit Betreiber Aramark werden derzeit nur noch etwa 650 Essen am Tag ausgegeben - es waren mal 1.300, als die Sächsische Zeitung vor zwei Jahren darüber berichtete.

Apetito Catering mit Zentrale in Rheine hat schon voriges Jahr nach erster Schätzung etwa ein Fünftel des Umsatzes eingebüßt. Einige Standorte seien nun „komplett geschlossen“, teilte das Unternehmen am Mittwoch auf Nachfrage mit. Buffets würden zunehmend gemieden. Apetito passe sein Angebot an und biete zum Beispiel „Click & snack“. Das ist vorbestelltes Essen, das auch Wartezeiten verringert.

Autofabriken verringern Sitzplätze

Bei Volkswagen mit rund 10.000 Beschäftigten in Sachsen sind die Betriebsrestaurants weiter geöffnet. Doch die Büroangestellten sollen ihre Mahlzeiten an ihren Arbeitsplätzen einnehmen, sofern sie dort Abstand halten können. Schon vor Monaten hat VW die Sitzplätze reduziert, zum Beispiel in den beiden Kantinen in Zwickau von 435 auf 150 Plätze und von 360 auf 91.

Ähnlich verfährt BMW in Leipzig: „Wenn das Betriebsrestaurant voll ist, kommt keiner mehr rein“, berichtet Sprecher Kai Lichte. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten habe sich dies aber dank versetzter Essenszeiten gut eingespielt, so Lichte. Das Konzept zur Öffnung der Kantinen ist mit dem Leipziger Gesundheitsamt abgestimmt. Die Büromitarbeitenden sind aufgefordert, sich das Essen zu holen. Auf dem Werksgelände sind insgesamt bis zu 8000 Menschen unterwegs, allerdings nicht immer zeitgleich.

Bei Porsche in Leipzig gibt es nur noch Assietten zum Mitnehmen. Seit Montag wird die Mitarbeiterverpflegung im Werk mit rund 4.000 Beschäftigten auf die Ausgabe von Assietten zum Mitnehmen beschränkt, gemäß §4 Punkt 24 der Sächsischen Corona-Schutz-Verordnung. Die Mahlzeiten müssen am Arbeitsplatz oder an einem zugewiesenen Pausenplatz verspeist werden. Porsche stimme sich seit Beginn der Corona-Pandemie regelmäßig mit dem Gesundheitsamt und dem Ordnungsamt zum Kantinenbetrieb ab, betont eine Sprecherin.

Der sächsische Kantinenparagraf

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  • Sächsische Kantinen sind nach § 4, Absatz 2, der Sächsischen Corona-Schutz-Verordnung bis 7. Februar geschlossen. Dort steht unter anderem: Untersagt ist „der Betrieb von Kantinen und Mensen, soweit die Arbeitsabläufe dies zulassen. Ausgenommen ist die Lieferung und Abholung von mitnahmefähigen Speisen und Getränken zum Verzehr am Arbeitsplatz. Dies gilt nicht, wenn ein Verzehr am Arbeitsplatz aufgrund der betrieblichen Abläufe nicht möglich ist.“
  • Das Bußgeld beträgt 1.000 Euro, wenn nicht zulässige Einrichtungen vorsätzlich geöffnet werden.

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