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Überraschendes Renten-Plus durch Corona

Nach einer nur geringen Erhöhung 2021 können sich Ruheständler 2022 auf hohe Zuwächse der Altersbezüge freuen. Doch das kostet jedes Jahr Milliarden.

Die Corona-Krise wird im nächsten Jahr die Renten erheblich steigern.
Die Corona-Krise wird im nächsten Jahr die Renten erheblich steigern. © Bodo Marks/dpa

Es klingt paradox, ist aber die überraschende Wahrheit: Die Corona-Krise wird im nächsten Jahr die Renten erheblich steigern. Allein das pure Ab und Auf der Lohnsumme durch die wirtschaftlichen Turbulenzen in der Pandemie führt zu dem satten Rentenplus. Möglich wird dieser Schub durch eine schon vor Jahren geänderte Berechnungsgrundlage der Rentenanpassung, die zulasten der jüngeren Generation geht.

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Durch die Corona-Krise fällt die Rentenanpassung in diesem Jahr im Westen komplett aus. Die Nullrunde wird im Osten nur durch die per Gesetz festgeschriebene Ost-West-Rentenangleichung bis Ende 2024 verhindert. Dadurch bekommen die Rentner in den neuen Ländern eine geringfügige Erhöhung ihres gesetzlichen Altersgeldes um 0,72 Prozent.

Weil die Renten grundsätzlich der Lohnentwicklung folgen, hätten sie 2021 eigentlich sogar gesenkt werden müssen. In der aktuellen Situation hätte das gravierende Folgen. Denn wegen der Pandemie sind die Löhne in Deutschland im vergangenen Jahr laut der Rentenversicherung um 2,3 Prozent gesunken. Eine Rentenkürzung ist allerdings derzeit ausgeschlossen. Die Rentner können auf die von der Großen Koalition während der Finanzkrise 2009 per Gesetz erstmals eingeführte Rentengarantie setzen. Die Schutzklausel besagt, dass die Renten nicht gekürzt werden, selbst dann, wenn die Löhne sinken.

Mehr als fünf Prozent für Ostrentner

Bis 2018 wurden unterbliebene Rentenkürzungen in den Folgejahren, wenn die Wirtschaft wieder brummte und Löhne stiegen, ausgeglichen. Dafür wurden die Rentenerhöhungen so lange halbiert, bis der Ausgleichsbedarf erfüllt war. Dieser Mechanismus namens Nachholfaktor sollte ursprünglich die Beitragszahler entlasten und die Anbindung an die Lohnentwicklung sicherstellen. Die Rentner stotterten damit gewissermaßen die unterbliebene Kürzung ihre Bezüge so lange ab, bis diese komplett ausgeglichen war. Nach der Finanzkrise war das ein Prozess über mehrere Jahre hinweg. Allerdings wurde der Nachholfaktor von der Großen Koalition bis 2026 ausgesetzt.

Dies wiederum führt nun zu dem kuriosen Effekt, dass die Renten kräftig steigen, selbst wenn die Löhne nach der Pandemie nur wieder das Vorkrisenniveau erreichen. Denn durch den Abschwung werden die Altersbezüge nicht geschmälert, durch den Aufschwung aber spürbar gemehrt – ohne Rückgriff auf die ausgebliebene Rentenkürzung 2021. Natürlich birgt die ökonomische Entwicklung auch zahlreiche Risiken für Rentenkasse und Rentenentwicklung. Unterm Strich geht die Bundesregierung in Vorausberechnungen in ihrem aktuellen Rentenversicherungsbericht von einer Erhöhung der Renten 2022 im Westen von immerhin 4,8 Prozent, im Osten sogar von 5,6 Prozent aus.

2023 soll das Rentenplus in den neuen Bundesländern 3,88 Prozent, in den alten Bundesländern 3,15 Prozent betragen. Für 2024 dagegen wird wieder eine Nullrunde für Westrentner und einen Anstieg um 0,7 Prozent für Ostrentner erwartet. Der kleine Ost-Vorteil ist abermals der Rentenangleichung ans Westniveau bis Ende 2024 geschuldet. Was aus dem seit vielen Jahren verhandelten Härtefallfonds zum Ausgleich von Renten-Nachteilen von geschiedenen DDR-Frauen, Bergleuten, Spitzensportlern und etlichen anderen Berufsgruppen wird, weiß derzeit niemand. Aber besonders groß dürfte er nicht ausfallen.

Kosten: Vier Milliarden Euro im Jahr

Was die Ruheständler freuen wird, kostet viel Geld. Der Rentenexperte Axel Börsch-Supan vom Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik hatte kürzlich für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ jährliche Zusatzkosten von drei bis vier Milliarden Euro errechnet. Nach seinen Angaben würde sich der ausgesetzte Nachholfaktor bis 2050 auf fast 100 Milliarden Euro summieren. Die Deutsche Rentenversicherung wollte diese Zahlen auf Nachfrage der „Saarbrücker Zeitung“ allerdings nicht bestätigen und verwies gegenüber der F.A.S. auf statistische Sondereffekte.

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Die Große Koalition jedenfalls will vorerst an der geltenden Regelung festhalten. Einer Forderung der FDP nach umgehender Wiedereinführung des Nachholfaktors hatte der Bundestag schon Ende vergangenen Jahres mit großer Mehrheit eine Absage erteilt.

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