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Krawalle vorm Stadion: Die gewaltbereite Fanszene Dynamos ist nicht erreichbar

Am 16. Mai 2021 waren die bisher schwersten Ausschreitungen von Dynamo-Fans vor dem Fußballstadion. 328 Randalierer wurden identifiziert, mehr als 200 Ermittlungsverfahren abgeschlossen. Doch auch 2022 gab es neue Ausschreitungen.

Von Alexander Schneider
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Eine Szene beim Aufstiegsspiel zwischen Dynamo Dresden und Türgücü München am 16. Mai 2021: Polizisten laufen vor dem Stadion durch den Nebel von Pyrotechnik. Dieses Jahr standen zahlreiche Randalierer vor dem Richter.
Eine Szene beim Aufstiegsspiel zwischen Dynamo Dresden und Türgücü München am 16. Mai 2021: Polizisten laufen vor dem Stadion durch den Nebel von Pyrotechnik. Dieses Jahr standen zahlreiche Randalierer vor dem Richter. ©  Archivfoto: Sebastian Kahnert/dpa

Dresden. Tim B. gehört zu denjenigen Dynamo-Chaoten, nach denen die Polizei öffentlich gefahndet hat. Der 27-Jährige hatte sich am 16. Mai 2021 an den bisher schwersten Ausschreitungen vor dem Dresdner Fußballstadion beteiligt. 20 Würfe mit Ästen, Flaschen und Steinen konnten die Ermittler dem vielfach vorbestraften Bewährungsbrecher inzwischen nachweisen.

Anfang Dezember 2022 wurde der 27-Jährige wegen Landfriedensbruchs, Angriffs auf Polizisten und versuchter gefährlicher Körperverletzung in 20 Fällen zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von drei Jahren und sechs Monaten verurteilt. Darin enthalten ist eine weitere Verurteilung wegen Handels mit Betäubungsmitteln, zu der B. nur wenige Wochen zuvor am Amtsgericht Aue verurteilt worden war.

Das Urteil war Ergebnis einer Verfahrensabsprache, wie das Amtsgericht Dresden nun mitteilte. Nachdem sich B. lange nicht zu den Randale-Vorwürfen geäußert hatte, hat er sie nun eingeräumt. Dem Mann droht außerdem der Widerruf einer früheren Bewährungsstrafe von einem Jahr und acht Monaten wegen Betruges.

Die "Soko Hauptallee" ermittelt noch immer

Im Jahr 2022 hat die strafrechtliche Aufarbeitung des Fußball-Krawalls vom Mai 2021 auch vor den Gerichten volle Fahrt aufgenommen. Schon im Januar wurden die ersten Chaoten zu unbedingten Haftstrafen verurteilt. In manchen Wochen fanden drei und mehr Hauptverhandlungen am Amtsgericht Dresden statt.

Doch noch immer ermittelt die "Sonderkommission Hauptallee" der Dresdner Polizeidirektion rund um die Ausschreitungen beim Aufstiegsspiel von Dynamo Dresden gegen Türgücü München. An jenem Sonntag waren Versammlungen coronabedingt untersagt.

Dennoch ließen sich Tausende Dynamo-Anhänger nicht davon abhalten, ihre Mannschaft vor Ort zu feiern, nicht zuletzt auch mit sehr viel Alkohol. Einige Hundert Täter lieferten sich gewalttätige Auseinandersetzungen mit der Polizei. Mehr als 180 Beamte, einige Journalisten und eine unbekannte Zahl von "Schlachtenbummlern" wurden verletzt.

Schlag der Polizei gegen die Krawall-Initiatoren

Von den 100 Beschuldigten, nach denen die Soko noch 2021 öffentlich auf fünf Fahndungsplakaten suchte, konnten 80 identifiziert werden. Auffällig sei, so Polizeisprecher Thomas Geithner, dass sich die Meisten innerhalb eines Tages selbst gestellt hätten.

Doch den Beschuldigten sei es dabei nicht darum gegangen, "reinen Tisch zu machen", so Geithner. Ihnen sei vielmehr wichtig gewesen, dass ihr Foto so schnell wie möglich wieder aus der Öffentlichkeit verschwindet. Die Hoffnung der Ermittler, über identifizierte Verdächtige weitere Taten aufzuklären, habe sich zerschlagen.

Womit die gewaltbereite Szene jedoch nicht gerechnet hatte, war der Schlag gegen die mutmaßlichen Initiatoren der Ausschreitungen, die nach Überzeugung der Soko aus den Reihen der Dresdner Ultras stammen. Am 13. April 2022, elf Monate nach den Ausschreitungen, durchsuchte die Polizei die Wohnungen von mehr als 20 Beschuldigten, die sich bis dahin in Sicherheit gewogen hatten. Die meist vermummten Täter hatten einen Fackelmarsch durchgeführt, der als Startsignal für die folgenden Auseinandersetzungen gilt.

Super-Recognizer finden auch Vermummte

Bei der späten Identifizierung halfen auch sogenannte Super-Recognizer. Das sind Beamte, die Gesichter und andere Merkmale von Gesuchten besonders gut erkennen können. Laut Geithner läuft derzeit ein Pilotprojekt zum Einsatz dieser Super-Recognizer an der PD Chemnitz, auch in anderen PDs werde nun darüber nachgedacht, wie sich die besonderen Fähigkeiten einsetzen lassen.

Bis Ende 2022 hat die Soko Hauptallee 328 Menschen als Beschuldigte identifizieren können. Die Beamten gehen insgesamt jedoch von 650 Tätern aus, die aktiv gehandelt haben. Von 450 Tätern gebe es Video-Aufnahmen und Fotografien.

Gut 100 Verdächtige konnten also bislang nicht bekannt gemacht werden. Zurzeit bearbeitet die Soko 36 Verfahren, darunter 26 gegen Teilnehmer des Fackelmarschs. Laut Geithner besteht die Soko, der einmal deutlich mehr als 40 Ermittlerinnen und Ermittler angehörten, aus zehn Beamten.

Die Dresdner Staatsanwaltschaft hat mehr als 200 Ermittlungsverfahren abgeschlossen. In 180 Fällen wurden Anklagen erhoben beziehungsweise Strafbefehle beantragt. Hinzu kommen knapp zwei Dutzend Verfahrenseinstellungen. "Bislang sind 57 Beschuldigte rechtskräftig verurteilt", sagt Oberstaatsanwalt Jürgen Schmidt, der Behördensprecher.

Das interessante Wort hier ist: "rechtskräftig". In einem Drittel der Verfahren haben Angeklagte und Staatsanwaltschaft das Urteil akzeptiert und keine Rechtsmittel beantragt. Andererseits sitzen derzeit noch drei Beschuldigte in Untersuchungshaft.

24-Jähriger seit Oktober in U-Haft

Nach Informationen von Sächsische.de wurde erst im Oktober ein 24-Jähriger verhaftet - wegen Wiederholungsgefahr. Der Verdächtige wird dem harten Kern der "Ultras" zugerechnet. Neben den Ausschreitungen am 16. Mai 2021 soll er weitere Male aufgefallen sein, angeblich auch erst am 1. Oktober dieses Jahres, als gewaltbereite Dynamo-Anhänger in Bayreuth und auf der Zugfahrt randaliert hatten.

Kurz nach den neuerlichen Ausschreitungen hatte Dresdens Polizeichef Lutz Rodig angekündigt, die Bayreuther Ermittler zu unterstützen. Er bezeichnete es "unbefriedigend, wenn es trotz einer intensiven Kommunikation der Dresdner Polizei mit der SG Dynamo Dresden immer wieder zu derartigen Gewaltausbrüchen kommt".

Laut Polizeisprecher Geithner habe sich einiges getan, um die Kommunikation zu verbessern. Es gebe eine gemeinsame Arbeitsgruppe, in der neben der Polizei auch Vertreter des Vereins, des Fan-Projekts und der Stadt mitarbeiten. Nicht geklärt sei jedoch, wie man Fangruppierungen einbeziehen könne, die das selbst ablehnten. Geithner: "Bayreuth hat gezeigt, dass das Selbstreinigungsprinzip nicht funktioniert. Das Thema Gewalt ist nach wie vor fest verankert", sagte er gegenüber Sächsische.de. Ein Philosophiewechsel sei nicht erkennbar.

Es fehle ein Gremium, das sich um die Probleme wie Einlasskontrollen oder das Abdecken von Videokameras im Stadion kümmere, was erst im Frühjahr dieses Jahres für Schlagzeilen gesorgt hatte. Geithner: "Das Ziel muss sein, im Gespräch zu bleiben, um die Sicherheit voranzubringen."

Damit spricht Geithner an, was auch Dynamos Geschäftsführer Jürgen Wehlend im Podcast "Thema in Sachsen" im Oktober angekündigt hatte (Hier den Podcast anhören). Auch der Verein will ebenjene Gesprächsforen finden, die zusätzlich zur üblichen Kommunikation zum Thema Sicherheit stattfinden sollen.

Podiumsdiskussion: Dynamos Fans und das Gewaltproblem

„Dynamos Fans und das Gewaltproblem“ lautet das Thema der Podiumsdiskussion am 11. Januar mit Sachsens Innenminister Armin Schuster, Dynamo Dresdens Geschäftsführer Jürgen Wehlend, Dresdens Polizeipräsident Lutz Rodig sowie Ronald Beć, Leiter des Fanprojekts Dresden und Danny Graupner von der Schwarz-Gelben Hilfe.

Ein Thema also, mit dem sich Dynamo Dresden immer wieder konfrontiert sieht. Warum ist das so? Was ist dran an dem schlechten Image, wieviel ist Vorurteil und was stimmt wirklich? Welche Rolle spielt der Verein, wie reagieren Politik und Polizei? Und was sagen die Fans dazu?

Die Podiumsdiskussion, veranstaltet von der Sächsischen Zeitung und Sächsische.de, findet am 11. Januar im Penck-Hotel Dresden statt (Ostra-Allee 33), Beginn ist 18.30 Uhr (Einlass ab 18 Uhr). Tickets gibt es hier oder in allen SZ-Vorverkaufsstellen.