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Polyamorie und Kondome aus Naturdarm

Das Deutsche Hygiene-Museum Dresden erneuert seine Abteilung über Sexualität. Es scheut keine Tabus und muss zu Lücken stehen.

Blick in den neu gestalteten Themenraum ·"Sexualitäten"·im Hygiene-Museum. Hier eine Wand aus AIDS-Plakaten.
Blick in den neu gestalteten Themenraum ·"Sexualitäten"·im Hygiene-Museum. Hier eine Wand aus AIDS-Plakaten. © dpa-Zentralbild

Sie ist einzig und allein der Lust verschrieben: Die Klitoris gehört zu den weiblichen Geschlechtsorganen, doch sie hat keinen Zweck für die Fortpflanzung. Ausschließlich für den Spaß da – welches Organ kann das schon von sich behaupten? Ein Wunder eigentlich, dass trotz (oder wegen?) dieser Tatsache jahrhundertelang der Mantel des Schweigens über die Klitoris gelegt wurde. Die meisten historischen medizinischen Modelle des weiblichen Körpers stellten sie nicht mal dar, Biologiebücher zeigen sie bis heute als kleine Murmel, dabei ist sie ein Schwellkörper so groß wie ein durchschnittlicher Penis. Dieser besitzt übrigens nur knapp die Hälfte der Nervenenden der Klitoris.

Noch nie von all diesen Dingen gehört? Dann könnten Sie googeln. Oder Sie gehen ins Hygiene-Museum in Dresden. Die Abteilung über Sexualität gehört nicht ohne Grund zu den Teilen der Dauerausstellung, die am häufigsten für Gruppenführungen gebucht werden. Vor allem jüngere Besucher fühlen sich hier magisch angezogen. Seit 17 Jahren wurde der Bereich nicht mehr aktualisiert – während sich die Realität verändert hat. Daher bekam der Raum nun eine komplette Neugestaltung verpasst. Sie wird eröffnet passend zur Wiedereröffnung des Hygienemuseums am Freitag.

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„Sexualitäten. Die Liebe, das Ich und die Vielfalt des Begehrens“ heißt etwas umständlich der neue Themenraum. Am Eingang empfängt die antike Darstellung des Lustgottes Dionysos. Sein Körper entspricht dem männlichen Ideal, während das Gesicht eher weibliche Züge trägt. Die Idee zweier eindeutiger Geschlechter, so macht die Statue gleich klar, ist eine neue Erfindung in der Menschheitsgeschichte.

Was ist Familie? Liebe? Freude? Stress? Streit? Die Antworten sind in einer Installation mit dünnen Fäden verbunden.
Was ist Familie? Liebe? Freude? Stress? Streit? Die Antworten sind in einer Installation mit dünnen Fäden verbunden. © dpa

Und so widmet sich die Ausstellung dann auch all den Ebenen „dazwischen“. Das Team unter Projektleiterin Gisela Staupe hat aus der Ausstellung eine moderne Aufklärungsrundfahrt gemacht. An Video-Tischen hört man die Kennenlerngeschichten von Paaren und kann sich über Begriffe wie Polyamorie, Transgender oder LGBTIQ informieren. Plakate aus fast 30 Jahren der Aids-Aufklärung zeigen, wie Sex mehr und mehr den Tabu-Charakter verloren hat.

Tastobjekte wie eine Tigermuschel machen es auch sehbehinderten Menschen leicht, die ausdrücklich inklusive Ausstellung zu besuchen. Beibehalten wurden bewusst manche eher engen Nischen, sodass man allein oder in Grüppchen für sich ist, während man sich über die Geschichte der luststeigernden Mittel informiert – vom Kraut bis zum Spargel. Gewohnt interaktiv gibt es Bildschirme, Hörproben oder Schubladen, in denen die verschiedenen Kondom-Entwicklungsschritte der Geschichte ausgestellt sind. Erinnern sich manche noch daran, dass es in der DDR 1975 waschbare Verhüterlis aus Naturdarm gab?

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Es gehört zum Anspruch des Hygienemuseums, Themen in großer Breite zu behandeln. So endet der Raum mit dem Bereich „Familie“ – wieder in all ihren Facetten. Verschiedenfarbige Strampler stehen für die diversen Möglichkeiten, ohne Sex zum Baby zu kommen. An einer Wand mit Nägeln und verschiedenen Begriffen können Besucher sich überlegen, welche Begriffe für sie mit Familie verbunden sind – und Fäden spinnen. Alles in allem liegt gerade in dem Versuch, eine inhaltliche Breite abzubilden, die Schwäche des Themenraums: Viele Aspekte werden arg kurz abgehandelt. Der gesamte Bereich sexualisierte Gewalt zeigt nur wenige Exponate und zu kurze Texte. Reizthemen wie Prostitution oder Pornografie kommen gar nicht vor. Da muss man dann doch googeln.

Deutsches Hygiene-Museum Dresden, Lingnerplatz 1, geöffnet Fr – So und Pfingstmontag 10 – 17 Uhr. Eintritt nur mit Online-Zeitfensterticket, negativem Coronatest, medizinischer Maske und Kontakt-Angabe.

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