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Was tut Dresden für mehr Barrierefreiheit?

Wer auf den Rollstuhl oder den Rollator angewiesen ist, hat auf den Gehwegen in Dresden oft mit Hürden zu kämpfen. Was ein Rollstuhlfahrer berichtet und welche Pläne die Stadt hat.

Von Nora Domschke
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Hagen Richter wohnt in der Johannstadt. Auf dem Weg zum Einkauf nutzt er den Gehweg an der Pfotenhauerstraße entlang. Die neu gesetzten Bordsteine am Bönischplatz findet er zu hoch.
Hagen Richter wohnt in der Johannstadt. Auf dem Weg zum Einkauf nutzt er den Gehweg an der Pfotenhauerstraße entlang. Die neu gesetzten Bordsteine am Bönischplatz findet er zu hoch. © René Meinig

Dresden. Ohne Rollstuhl geht bei Hagen Richter gar nichts mehr. Vor zwei Jahren erlitt der Dresdner, der bis dahin in der IT-Branche gearbeitet hat, einen Schlaganfall. Seitdem ist er auf den fahrbaren Untersatz angewiesen - in seiner Wohnung ebenso wie auf dem Weg zum Supermarkt oder zu Freunden. Der 56-Jährige wohnt in der Johannstadt, in einem der Hochhäuser an der Gerokstraße mit Aufzug und Concierge-Dienst am Empfang. Die Wohnung hat ihm seine Mutter besorgt.

Sieglinde Richter, selbst schon 76 Jahre alt, kümmert sich seit dem Schlaganfall intensiv um ihren Sohn. Reha in Kreischa, barrierefreie Wohnung, Pflegedienst, Besorgungen im Alltag - "das ist nicht leicht", sagt sie. Nun will sie den Vermieter des Hochhauses kontaktieren, damit er eine automatische Tür am Haupteingang einbauen lässt. Dafür stellt die Stadt Fördergeld bereit.

Dennoch ist Hagen Richter frustriert, denn er findet, dass die Gehwege in Dresden für Menschen mit einer Gehbehinderung zu schlecht ausgebaut sind. Selbst dort, wo ein Gehweg neu gebaut wird, seien die Bordsteinkanten noch viel zu hoch, um sie mit dem Rollstuhl oder dem Rollator ohne großen Aufwand überwinden zu können. Ein Beispiel: die Gehwege auf dem Bönischplatz, die 2020 neu gebaut wurden.

Nur mit viel Schwung kann Hagen Richter mit seinem Rollstuhl von der Straße auf den Gehweg hinauffahren. "Wie soll das eine ältere Dame mit Rollator schaffen?", fragt er sich. "Warum werden wir Rollstuhlfahrer, also diejenigen, die es betrifft, bei solchen Planungen nicht mit einbezogen?" Sächsische.de hat bei der Stadt nachgefragt.

Wie viel Prozent der Gehwege und Haltestellen in Dresden sind barrierefrei ausgebaut?

Konkrete Zahlen kann das Straßen- und Tiefbauamt nicht nennen, weil es darüber keine Erhebungen gibt. "Dazu müssten alle Oberflächen und Bordabsenkungen aufgenommen und bewertet werden."

Anders sieht das bei den Dresdner Bus- und Straßenbahnhaltestellen aus. "Von den derzeit existierenden 506 Straßenbahn- und Kombihaltesteigen sind 66 Prozent barrierefrei, 32 Prozent eingeschränkt barrierefrei und zwei Prozent nicht barrierefrei." Die Haltestelle in der Permoserstraße, die Hagen Richter auf kurzem Weg ansteuern kann, ist noch nicht barrierefrei. Das ist erst im Zuge des Ausbaus der Gerokstraße geplant. So lange ist Richter darauf angewiesen, dass der Fahrer ihm die Rampe an der Bahn ausklappt. Oder er muss den längeren Weg zur Haltestelle am Sachsenplatz in Kauf nehmen.

Bei den Bushaltestellen sieht es für Rollstuhlfahrer noch trüber aus. Von den 1.167 Bussteigen im Stadtgebiet sind 39 Prozent barrierefrei und zehn Prozent eingeschränkt barrierefrei. Bei der Hälfte aller Bushaltestellen ist der Rollifahrer auf fremde Hilfe angewiesen, weil sie noch nicht barrierefrei ausgebaut sind.

Gibt es konkrete Pläne, wann und in welcher Reihenfolge weitere Wege barrierefrei gestaltet werden?

In der Regel werden alle Gehwege, die neu gebaut werden, mit Bordabsenkungen an jenen Stellen versehen, die die Fußgänger zum Überqueren der Straße nutzen. Dabei ist das Straßen- und Tiefbauamt Anregungen von Dresdnern gegenüber durchaus aufgeschlossen. "Hinweise aus der Bürgerschaft zu fehlenden Bordabsenkungen prüft das Straßen- und Tiefbauamt zeitnah." Wenn der Wunsch baulich machbar ist und Geld dafür zur Verfügung steht, sei es möglich, einen Bereich auch gesondert barrierefrei auszubauen. Unabhängig von größeren Straßen- und Gehwegprojekten.

Am 23. Juni dieses Jahres hat der Stadtrat zudem eine Fußverkehrsstrategie für die Landeshauptstadt beschlossen. Diese wurde vom Stadtplanungsamt erarbeitet und verfolge das Ziel, "die Sicherheit und den Komfort für Fußgänger Schritt für Schritt zu verbessern". Zudem zeigt sie auf, wie viel Geld benötigt wird, um die aufgeschobene Instandhaltung an Gehwegen nachzuholen.

Welche Bauprojekte stehen als nächstes an?

Im kommenden Jahr sollen 37 Bauprojekte in Dresden beginnen, bei denen barrierefreie Elemente umgesetzt werden. Dabei handelt es sich um Fußgängerüberwege und barrierefreie Bushaltestellen - etwa an der Münzmeisterstraße.

Doch auf Gehwegen soll sich für Menschen, die nicht gut zu Fuß unterwegs sind, etwas tun. So sind an mehreren Stellen Bordabsenkungen und barrierefreien Querungsstellen geplant. Die Stadt führt dazu ein Beispiel in der Neustadt an: An der Bautzner Straße betrifft das die Brücke über die Prießnitz in Höhe des Diakonissenkrankenhauses.

Gibt es Wohngebiete, die aufgrund ihrer Altersstruktur beim Ausbau bevorzugt werden?

Hagen Richter fragt sich außerdem, ob es Wohngebiete gibt, die auf der Prioritätenliste ganz oben stehen, weil dort besonders viele ältere Menschen wohnen. Wie etwa in der Johannstadt oder in der Wilsdruffer Vorstadt. Das ist allerdings nicht der Fall, so das Straßen- und Tiefbauamt.

Welche Vorgaben gibt es für barrierefreie Gehwege?

Wird ein Gehweg barrierefrei umgestaltet, orientiert sich die Stadt an den bundesweiten Regelwerken der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen. Diese beinhalten Vorgaben für die Verkehrs- und Straßenraumgestaltung.

Konkretere Vorgaben enthalte das "Technische Regelwerk für Straßenbauarbeiten in Dresden". Dort ist unter anderem festgelegt, dass Bordsteine auf drei Zentimeter abgesenkt werden. Außerdem gibt es vor, dass grundsätzlich an allen Kreuzungen und Haltestellen sogenannte Leitelemente für Blinde eingebaut und die Bordsteine abgesenkt sein müssen.

Gibt es für den barrierefreien Ausbau Fördermittel?

Ja. Die Stadt hat in diesem Jahr Fördermittel aus dem Programm "Sachsen Barrierefrei" beantragt und in Höhe von 250.000 Euro bewilligt bekommen. Dieses Geld wurde für Gehwegprojekte verwendet.

Einen gesonderten Fördertopf gibt es für barrierefreie Bushaltestellen. Dabei werden in der Regel 75 Prozent der Kosten übernommen. 2022 wurde die Haltestelle Gombsener Straße auf der Goppelner Straße mit diesem Fördergeld ausgebaut.

Wer wird bei der Planung barrierefreier Wege einbezogen?

Bei geförderten Bauvorhaben wird grundsätzlich eine Stellungnahme der Behindertenverbände eingeholt, so das Straßen- und Tiefbauamt. Zudem werden in der Arbeitsgruppe Barrierefreies Planen und Bauen aktuelle Vorhaben mit den Verbänden besprochen. Dabei geht es auch darum, zu schauen, ob ein fertiges Bauprojekt gut umgesetzt und tatsächlich für Behinderte geeignet ist.