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Wie Eltern den Schulweg sicherer machen wollen

Viele Familien lassen ihre Kinder nicht zur Schule laufen oder mit dem Rad fahren. Die Alternative ist mitunter gefährlich. Ein normaler Morgen in der Dresdner Neustadt.

Elterntaxi mal anders: Ronny Rozum bringt seine Söhne und deren Freund mit dem Lastenrad zur Schule und zur Kita in der Dresdner Neustadt.
Elterntaxi mal anders: Ronny Rozum bringt seine Söhne und deren Freund mit dem Lastenrad zur Schule und zur Kita in der Dresdner Neustadt. © Sven Ellger

Dresden. Das Chaos folgt dem Stundenplan. Es ist 7.45 Uhr, als auf der schmalen Hohnsteiner Straße in der Dresdner Neustadt Betrieb herrscht wie zum Berufsverkehr im Zentrum. Knirpse rennen mit Schulranzen über die Straße, Eltern begleiten ihre Kinder mit dem Fahrrad bis vor die Tür der 103. Grundschule, andere stellen sich mit dem Auto ins Halteverbot, um den Nachwuchs aussteigen zu lassen. 

Die Mahnung des Ordnungsamtes, doch bitte auf das motorisierte Elterntaxi zu verzichten, weil das andere Kinder vor der Schule in Gefahr bringt, ist auch nach vielen Jahren offenbar nicht zu allen Familien durchgedrungen.

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Einer, der bewusst auf das Auto verzichtet und sein Kind trotzdem nicht allein zum Unterricht schicken möchte, ist Ronny Rozum. Er bringt seinen neunjährigen Sohn mit dem Lastenrad in die Schule, seinen kleineren Sohn setzt er dann an der Kita ab.

"Mir ist das einfach zu unübersichtlich früh vor der Schule, außerdem fährt mein Sohn total gern mit dem Rad und ich bewege mich am Morgen gleich ein wenig", sagt der Vater. Auch am Nachmittag, wenn er sein Kind und vielleicht einen Freund mit abholt, nutzt er das Rad. Obendrein ist darin noch Platz für Einkäufe.

Sorge vor Unfällen und Straftätern

Nicht, dass die Neustädter Grundschule mit dem Elterntaxi-Problem allein dastünde. "Im Verhältnis zu anderen Schulen wurden besonders viele ordnungswidrig geparkte Fahrzeuge im Umfeld des Vitzthum-Gymnasiums an der Paradiesstraße, der Freien Waldorfschule an der Marienallee, der privaten Ganztagsschule an der Paul-Gerhardt-Straße sowie der 47. Grundschule an der Mockritzer Straße erfasst", schätzt das Ordnungsamt die Lage ein. 

Welche Verstöße im Einzelnen von Eltern und welche von Anwohnern begangen werden, erfasst die Behörde nicht.Hört man sich unter Dresdner Eltern um, die ihre Kinder mit dem Auto fahren, sind oft die gleichen Sätzen zu hören. "Keine Zeit", heißt es da. 

Andere schieben das schlechte Wetter vor. Aber auch Ängste spielen mit, das Kind könnte auf dem Schulweg von einem Auto angefahren oder Opfer von Kriminalität werden. In den vergangenen Jahren gab es mehrere Fälle, in denen Unbekannte Kinder im Umfeld von Schulen ansprachen. 

Außerdem kamen im vergangenen Jahr auch 197 Kinder auf Dresdens Straßen zu Schaden, wenngleich es weniger geworden sind. 127 von ihnen waren als Radfahrer und Fußgänger unterwegs.

Radwege in Hellerau und der Leipziger Vorstadt gewünscht

Stress und Bequemlichkeit für das Elterntaxi-Problem verantwortlich zu machen, wäre zu kurz gegriffen, das zeigen auch die Ergebnisse des Familienkompasses. Gefragt wurden Familien darin, wie sie die Sicherheit im Straßenverkehr bewerten. So finden lediglich 16 Prozent der Befragten, Kinder könnten in ihrer Wohngegend gefahrlos mit dem Rad zur Schule fahren. 

Und zu Fuß? Nur 20 Prozent meinen, Kinder könnten sich in ihrem Viertel sicher im Straßenverkehr bewegen. Damit bewerten Dresdner Familien die Lage schlechter als der sächsische Durchschnittswert ausfällt. In die Stadtteile geschaut, wurde besonders die Situation in Hosterwitz/Pillnitz, Naußlitz, Gorbitz-Nord, im nördlichen Pieschen, in der Leipziger Vorstadt und der Neustadt vergleichsweise schlecht eingeschätzt. Deutlich zufriedener sind Familien in Weixdorf und Klotzsche, Leuben, Laubegast, Niedersedlitz und Tolkewitz.

Aber wie kann die Lösung aussehen? Auf die Frage, worin die Stadt dringend investieren sollte, landen Fahrradwege mit ganz oben auf der Liste. Am größten ist der Wunsch nach sicheren Streifen für Radfahrer in Wilschdorf, Hellerau und in der Leipziger Vorstadt. Für die Förder- und Grundschulen in der Stadt gibt es außerdem Pläne mit empfohlenen Routen zu Fuß. 

Diese sind zwar nicht immer die kürzesten, dafür aber sicherer, weil sie zum Beispiel vierspurige Hauptstraßen umgehen und über Fußgängerampeln führen. Sie zeigen Gefahrenstellen und werden jährlich überarbeitet. 

Die Dresdner Verkehrswacht empfiehlt, den Weg vor dem ersten Schultag zu trainieren. An zwölf Dresdner Grundschulen sind darüber hinaus Schulweghelfer im Einsatz. Mehr hätte die Verkehrswacht gerne auf der Straße, doch es gibt nicht genügend Freiwillige.

Die Landeshauptstadt hat ihrerseits schon einiges unternommen, um Elterntaxis zu unterbinden. An der Hohnsteiner Straße zum Beispiel. Dort wurden Halteverbote eingerichtet. Außerdem sind Mitarbeiter des Ordnungsamtes unterwegs. 

Die Behörde sieht Kontrollen auch als eine Erziehungsmaßnahme für die Eltern an. Die Mitarbeiter suchen das Gespräch mit den Autofahrern und erklären, wie gefährlich es ist, beim Bringen der Kinder in zweiter Reihe zu parken oder sich ins Parkverbot zu stellen. "Durch den im Rahmen der personellen Möglichkeiten aufgebauten Kontrolldruck hoffen wir, eine Verhaltensänderung erreichen zu können", heißt es aus dem Ordnungsamt.

"Elterntaxis fördern Unselbständigkeit und Übergewicht"

Arnhild Göllner hofft auf die Vernunft der Eltern, die sich einerseits um die Unfallgefahr sorgen, andererseits mit ihrem Verhalten selbst die Unfallgefahr erhöhen. Die Schulleiterin des Vitzthum-Gymnasiums im Dresdner Süden sagt: "Bei uns gibt es da vor der Schule mitunter gefährliche Situationen." 

Vor allem zum Schuljahresstart, wenn die neuen fünften Klassen kommen. Sie wünscht sich, dass die Eltern ihre Kinder selbstständig schicken oder sie zumindest nicht direkt bis an die Tür fahren.

Tatsächlich spielt das Thema Elterntaxi nicht nur an Grundschulen, sondern auch an weiterführenden Schulen eine Rolle, wie Schulleiter Jens Reichel vom Gymnasium Bürgerwiese bestätigt. Allerdings sei das bei ihm von der Jahreszeit abhängig. "Die Elterntaxis stellen zurzeit noch kein Problem dar. Meist wird das erst im Winter etwas problematischer."

Bis zu welchem Alter Eltern ihre Kinder zur Schule begleiten - ob mit dem Auto oder zu Fuß - ist letztlich eine Entscheidung, die auch vom jeweiligen Entwicklungsstand abhängig gemacht werden sollte. Denn generell gilt, dass Eltern bis zum Schultor für ihre Kinder verantwortlich sind. 

Professor Veit Roessner, Leiter der Klinik für Kinderpsychologie am Dresdner Uniklinikum, betont, dass Eltern ihrem Nachwuchs keinen Gefallen tun, wenn sie ihn bis vor die Tür chauffieren. 

"Das fördert zum einen die Unselbstständigkeit und zum anderen das Übergewicht", so Roessner. Was das Fahrrad angeht, so empfiehlt die Verkehrswacht, Schüler erst nach der Radfahrausbildung in der dritten oder vierten Klasse ohne Begleitung fahren zu lassen.

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