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Dresdner Unternehmen SunStrom: Sonnenenergie ist wieder hoch im Kurs

SunStrom hat aber wie die meisten Firmen in der Branche harte Zeiten erlebt. Dabei hat das Dresdner Unternehmen bereits vor 20 Jahren ein tragfähiges Zukunftsprojekt entwickelt – das erste Bürgerkraftwerk in Hellerau.

Von Bettina Klemm
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Durch dunkle Jahre gegangen: SunStrom-Chef Reiner Matthees.
Durch dunkle Jahre gegangen: SunStrom-Chef Reiner Matthees. © André Wirsig

Selbst an leicht sonnigen Tagen wird in Deutschland mittags die Hälfte des Stromverbrauchs von Fotovoltaikanlagen produziert. Statistisch gesehen, decken allein SunStrom-Anlagen, einer der größten Anbieter der Stadt, bereits für 17 Tage im Jahr den gesamten Strombedarf Dresdens ab. Reiner Matthees, Geschäftsführer der SunStrom GmbH, hat eine entsprechende Großanzeigetafel, die die aktuellen Werte darstellt, am Eingang zu dem Unternehmen im GebäudeEnsemble Hellerau angebracht.

Ende 2000 gründete er gemeinsam mit Stephan Riedel und Timo Leukefeld die SunStrom GmbH. Weil sie mit ihrem Konzept überzeugen konnten, half eine Bank mit einem Betriebsmittelkredit beim Start. Das 2001 von der rot-grünen Bundesregierung beschlossene Erneuerbare-Energie-Gesetz (EEG) verlieh der Branche einen kräftigen Schub. Auch SunStrom wuchs explosionsartig und beschäftigte bis zu 160 Leute. 2011 hatte das Dresdner Unternehmen bundesweit für Aufsehen gesorgt und auf einem Institut in Berlin die millionste PV-Anlage in Deutschland installiert.

Wie weit könnte Dresden und Deutschland in dieser Branche sein? Bis 2010 war Deutschland die Nummer 1 auf dem Weltmarkt für Solartechnik. Der Markt boomte. Wenn Matthees heute das Wort „Strompreisbremse“ hört, bekommt er noch Gänsehaut. Jenes Wort führte vor etwa einem Jahrzehnt zu einer drastischen Beschneidung der deutschen Fotovoltaikbranche. Dabei wirkten erneuerbare Energien zu jener Zeit schon preisdämpfend. Aber politisch war dies nicht gewollt, mit gravierenden Folgen. „Zwischen 2012 und 2014 hatten wir in Deutschland einen Markteinbruch um 85 Prozent“, sagt er. Die Chinesen drängten in den Markt, nutzten die Lücke und brachen so der deutschen Fotovoltaikproduktion das Genick.

Die schwarz-gelbe Regierung verschärfte die Rahmenbedingungen für Fotovoltaikanlagen. In der Folge musste 2012 der bekannte Dresdner Hersteller Solarwatt Insolvenz anmelden und mit ihm auch SunStrom. „Wir hatten eine schwere Phase und mussten Personal abbauen. 2012 waren wir nur noch 65 Leute“, sagt der 51-jährige Matthees. Für die Gründer sei es ein rabenschwarzer Tag gewesen, als sie vielen Mitarbeitern kündigen mussten.

Erneuerbare Energien galten plötzlich als Strompreistreiber, Betreiber der Anlagen wurden gar als Sozialschmarotzer beschimpft. Und so manchem Kollegen war es unwohl, überhaupt zu erzählen, wo sie arbeiteten. „Zu jener Zeit hatten wir mit der TU Dresden ein Kooperationsprojekt für eine Power-to-Gas-Anlage. Die Grundidee bestand darin, über elektrochemische Prozesse überschüssige Elektroenergie aus regenerativen Quellen in Wasserstoff umzuwandeln und ins Gasnetz zu speisen. Aber die Sächsische Aufbaubank lehnte dies wegen einer fehlenden Wirtschaftlichkeit ab. Die Quittung dieser Politik spüren wir heute“, bedauert er.

Besonderes Projekt: Fotovoltaik-Anlage auf dem Kanzleramt

Matthees und Riedel hatten persönlich nie Zweifel an der Notwendigkeit, die Sonnenenergie zu nutzen. Es gelang ihnen, das Unternehmen im Herbst 2012 auf dem Weg einer übertragenden Sanierung zu retten. Unterstützung erhielten sie unter anderen auch von ihren Vermietern, den Eigentümern des GebäudeEnsembles Hellerau. SunStrom hat in den vor 20 Jahren errichteten Atelierhäusern seinen Firmensitz. Das Dach wurde als Fotovoltaikanlage errichtet und war seinerzeit das erste Bürgerkraftwerk in Dresden.

Im Übrigen feiert das GebäudeEnsemble Hellerau heute inzwischen sein 30-jähriges Jubiläum. Die früheren Produktionsstätten der Hellerauer Möbel sind denkmalgerecht saniert und zu einem privaten Innovationszentrum mit etwa 50 Mietern geworden. Sunstrom ist einer dieser Mieter.

Matthees und sein Team konzentrierten sich in der Krise auf das Kerngeschäft und zunächst auf kleinere und regionale Anlagen. Allmählich ging es wieder aufwärts. Stolz erzählt der Geschäftsführer von besonderen Projekten, wie Fotovoltaik-Anlagen auf dem Kanzleramt und dem Futurium in Berlin sowie der BMW-Welt und der ADAC-Zentrale in München. Erst kürzlich haben sie auch auf dem Dach des ADAC Sachsen am Fetscherplatz eine Anlage installiert. Das Wort „Dresden“, gebildet aus Solarmodulen, ist aus der Luft auf dem Congress-Center gut sichtbar.

Im vergangenen Jahr hat SunStrom auf dem Dach der Deutschen Werkstätten Hellerau rund 1.500 Solarmodule installiert. Es war zugleich die 5.000 PV-Anlage des Unternehmens. Zurzeit arbeiten die nunmehr 50 Mitarbeiter des Unternehmens an etwa 120 Projekten. Dazu gehören Anlagen auf Dresdner Schulen, wie der Gesamtschule an der Königsbrücker Straße und dem Gymnasium in Klotzsche. Zu den Projekten gehören größere Anlage für einen Kunststoffhersteller in Oederan und für die DWT Zelte GmbH in Niesky.

Im Sommer 2018 wurde die Naturstrom AG hundertprozentige Eigentümerin von SunStrom. Stephan Riedel wechselte zu diesem Unternehmen. Matthees erhielt Verstärkung durch die beiden Prokuristen Nanette Hille und Florian Süßmuth. Auch wenn zurzeit das Interesse an Solarenergie groß ist, fühlt sich das Unternehmen in der jetzigen Betriebsgröße wohl und denkt vorerst nicht an einen großen Wachstumsschub.