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Verträumte Kinder

Trödelsusen und Tagträumer können Eltern zur Weißglut treiben. Ein einfühlsames Buch bietet Hilfe für beide Seiten.

Die Ente schreibt fleißig am Deutschaufsatz, nur Hasenmädchen Lotte träumt.
Die Ente schreibt fleißig am Deutschaufsatz, nur Hasenmädchen Lotte träumt. © Illustration: Marcus Wilke/Verlag Hogrefe

Jetzt konzentriere dich doch endlich! Streng’ dich ausnahmsweise an! Das ist doch nicht so schwer! Viele Kinder hören solche Sätze, vor allem jetzt, da sie alleine zu Hause lernen müssen. Aber manche von ihnen sind so verträumt, dass sie die Zeit vergessen. Sie lenken sich ständig ab und verlieren den Anschluss. Wie sie sich dabei fühlen, wie traurig, wütend und ohnmächtig sie das macht, haben die Psychologen Fabian Grolimund und Stefanie Rietzler aufgeschrieben. In der Geschichte des verträumten Hasenmädchens Lotte erzählen sie ohne erhobenen Zeigefinger, wie Kinder lernen können, sich zu konzentrieren. Die SZ sprach mit der Bestsellerautorin aus der Schweiz über Träumer und verzweifelte Eltern.

Frau Rietzler, wann träumen sich Kinder weg?

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Verstärkt dann, wenn sie sehr gestresst sind und unter Druck kommen oder, wenn alles monoton und langweilig ist. Die Ratschläge lauten dann meist: Du musst dich einfach nur besser konzentrieren und dir mehr Mühe geben. Viele würden das auch gern, aber keiner sagt ihnen, wie es geht. Das ist der Kern des Problems: Wir stellen häufig Anforderungen an die Kinder, die sie in dem Moment nicht erfüllen können und geben ihnen zu wenig Anleitung.

Das Hasenmädchen Lotte in Ihrem Buch fühlt sich auch oft überfordert und unverstanden. Kinder können sich leicht mit ihr identifizieren.

Unsere Geschichte richtet sich direkt an verträumte Kinder zwischen sieben und elf Jahren. Es sind Kinder, die im Alltag häufig in Tagträumen versinken und sehr in ihrer Fantasiewelt unterwegs sind. Sie geraten dadurch immer mal wieder in Schwierigkeiten, sei es, weil sie morgens vor sich hin trödeln und nicht rechtzeitig zum Bus oder in die Schule kommen, sei es, weil sie im Unterricht die Anweisungen nicht mitbekommen oder wichtige Dinge vergessen, den Turnbeutel liegenlassen oder Hausaufgaben nicht einschreiben. Da kommt es mit den Eltern oder der Schule immer wieder zu Spannungen. Unsere Geschichte soll ihnen zeigen, dass das, was sie erleben, viele erleben. Wir arbeiten seit vielen Jahren mit Familien mit verträumten Kindern zusammen und wollten vermitteln, wie sie die Welt sehen und den Alltag erleben – und welche Themen immer wieder aufkommen. Deshalb richtet sich das Buch auch an die Eltern und Lehrkräfte.

Lotte hat nicht nur Probleme, sie kann auch toll zeichnen und sich Geschichten ausdenken. Warum kann sie diese Stärken selbst nicht schätzen?

Das spiegelt den Alltag vieler verträumter Kinder wider. Wenn sie noch klein sind, also im Kita-Alter, finden die meisten Eltern es noch sehr charmant, wenn sie verträumt sind, im Spiel versinken und der Fantasie nachgehen. Die Schwierigkeit entsteht, wenn die Kinder mit den Anforderungen der Gesellschaft konfrontiert werden. Wenn man morgens pünktlich aus dem Haus muss, wenn sie im Kindergarten oder in der Schule immer wieder hören: Wo bist du mit deinen Gedanken? Wenn sie merken: Ich bin immer die Letzte, die bei der Stillarbeit abgibt, weil ich so langsam bin und geistig abdrifte. Wir stellen sehr häufig fest, dass die Kinder diese Kritik an ihnen aufgrund der schwerfallenden Konzentration mit der Zeit internalisieren. Sie haben dann den Endruck, dass sie das Verträumte im Alltag behindert und dass es alle zu stören scheint. Das, was eigentlich schön daran wäre, tritt für sie in den Hintergrund.

Stefanie Rietzler ist Bestsellerautorin und Psychologin mit den Arbeitsschwerpunkten Lerncoaching und ADHS.
Stefanie Rietzler ist Bestsellerautorin und Psychologin mit den Arbeitsschwerpunkten Lerncoaching und ADHS. © F. Messner-Rast

Was ist denn schön an Verträumtheit?

Tagträume haben eine Funktion. Sie helfen uns dabei, uns selber besser kennenzulernen, Pläne zu schmieden und einfallsreich zu sein. Die Forschung befasst sich erst seit Kurzem mit den Vorteilen von Tagträumen und wie man sie nutzen kann, um kreativ zu werden und Probleme zu lösen.

Was bewirkt es beim Kind, wenn Eltern und Lehrer nur das Negative betonen?

Das wirkt sich extrem schädlich auf das Selbstwertgefühl aus. Das melden uns die Kinder auch zurück. Sie glauben, dass alle anderen in der Klasse alles viel besser können, sie sich sowieso nicht konzentrieren können und hilflos sind. Irgendwann resignieren sie: Es lohnt sich nicht, sich anzustrengen, denn es bringt ja scheinbar sowieso nichts. Das gibt oft eine Negativspirale, bei der die Kinder immer schulmüder werden und sich selber immer weniger zutrauen. Die Familien würden das Kind gern unterstützen, wissen aber nicht wie.

Lottes Mutter und die Lehrerin sind leistungsorientiert und nie zufrieden. Sie wollen nur das Beste für das Kind, kommen aber nicht voran. Was können Eltern solcher Träumer tun?

Wichtig ist, zu schauen, woher der Druck kommt. Bei Eltern sind das häufig Ängste und Sorgen in Bezug auf die Zukunft des Kindes. Dass es den Anschluss verliert, nicht genug lernt, schlechte Noten schreibt, später nicht den Beruf ergreifen kann, den es möchte. Da spielt mit hinein, dass verträumte Kinder später selbstständig werden als andere Kinder. Sie brauchen beim Anziehen länger, schweifen ab, brauchen länger bei den Hausaufgaben. Ansagen von außen, zum Beispiel von Familien, die keine verträumten Kinder haben, erhöhen den Druck zusätzlich. Sie sagen: Wenn ihr ihm alles hinterhertragt, wird er nie selbstständig. Hier finde ich es wichtig, dass Eltern eine Pufferfunktion einnehmen und sich fragen: Wie viel von diesem äußeren Druck gebe ich an mein Kind weiter? Bei ausgeprägteren Schwierigkeiten ist es wichtig, abzuklären, ob mehr hinter der Verträumtheit steckt. Das kann manchmal auch eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung oder eine körperliche Ursache sein.

Wie lässt sich der Alltag mit Träumern besser gestalten?

Wenn das Kind es morgens nicht schafft, sich eigenständig anzuziehen und für die Schule bereit zu machen, kann man mehr Struktur geben. Das kann schon in Kleinigkeiten erfolgen, zum Beispiel mit einem Kleiderparcours: Die Klamotten werden dafür der Reihe nach vom Kinderzimmer in die Küche gelegt. Dann kann das Kind die Sachen nacheinander anziehen und bewegt sich gleichzeitig zum Frühstückstisch. Bei jüngeren Kindern kann man einen Kleidermensch auf dem Boden auslegen, damit sie sehen, welches Kleidungsstück wohin muss. Man kann das Kind auch durch bebilderte Checklisten im Bad unterstützen: Gesicht waschen, Haare kämen, Zähne putzen. Verträumte Kinder haben oft ein schlechtes Zeitgefühl. Ein Timer schafft Vorhersehbarkeit. Bei den Hausaufgaben ist es wichtig, dass das Kind zeitlich nicht überfordert wird.

Stefanie Rietzler, Fabian Grolimund: „Lotte, träumst du schon wieder?“. Hogrefe, 24,95 Euro. Lese- und Vorlesebuch mit Tipps, Übungen u. wissenschaftlichen Hintergründen.
Stefanie Rietzler, Fabian Grolimund: „Lotte, träumst du schon wieder?“. Hogrefe, 24,95 Euro. Lese- und Vorlesebuch mit Tipps, Übungen u. wissenschaftlichen Hintergründen. © Verlag

Wie lässt sich das umgehen?

Wir erleben leider häufig, dass schon Grundschulkinder drei bis vier Stunden am Nachmittag vor den Hausaufgaben sitzen. Das führt dazu, dass sie völlig erschöpft sind, nicht mehr vorankommen und sich noch mehr wegträumen. Merken Eltern, dass das Kind den Umfang nicht schafft, können sie Kontakt mit der Lehrerin aufnehmen und schauen, ob sich das Zeitpensum reduzieren lässt. Für einen Drittklässler könnte man ein Zeitbudget von 30 Minuten geben, die Aufgaben in kurze Arbeitseinheiten von zehn Minuten einteilen und regelmäßige Pausen einplanen.

Was bewirkt das?

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Wenn man die Arbeitszeit reduziert, ohne das Kind unter Druck zu setzen, entwickelt es oft das Gefühl, besser voranzukommen. Durch Pausen entspannen sich Kinder eher. Die Struktur der kurzen Arbeitsphasen hilft ihnen dabei, das Ganze nicht wie einen riesigen Berg anzusehen. Die Arbeit wird überschaubar. Das ist gut für die Selbstwirksamkeit. Extrem wichtig ist auch, den Freizeitkalender schlank zu halten. Es ist wichtig für die psychische Gesundheit verträumter Kinder, dass sie immer wieder Phasen ohne Termine haben, in ihrem Tempo etwas entdecken und ihren Interessen nachgehen dürfen. Sie brauchen Zeitinseln. Strukturiert von Programmpunkt zu Programmpunkt zu hetzen, ermüdet sie schon im Schulalltag sehr.

Das Gespräch führte Susanne Plecher.

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