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Sachsen

Familienkompass

Experiment Großfamilie

Eine Trennung kann auch der Anfang von etwas Besserem sein. Das beweisen zwei Patchworkfamilien aus Chemnitz.

Das ist die Großfamilie Schreiter–Liebing–Huckewitz–Pitsch aus Grüna bei Chemnitz. Dazu gehören: Bela Pitsch, Denise Schreiter mit Lino und Cecilia Schreiter (vorn), hinten Stephan Liebing mit Joko Liebing, Sebastian Schreiter und Steffi Huckewitz-Pitsch
Das ist die Großfamilie Schreiter–Liebing–Huckewitz–Pitsch aus Grüna bei Chemnitz. Dazu gehören: Bela Pitsch, Denise Schreiter mit Lino und Cecilia Schreiter (vorn), hinten Stephan Liebing mit Joko Liebing, Sebastian Schreiter und Steffi Huckewitz-Pitsch © Andreas Seidel

Das Wort „Stiefvater“ kennen der 13-jährige Bela Pitsch und die 12-jährige Cecilia Schreiter aus Chemnitz gar nicht. Für sie heißen die neuen Partner ihrer Mütter einfach nur Stephan und Sebastian. Beide Kinder haben auch noch jüngere Geschwister – Joko (5) und Lino (3) – es sind die leiblichen Kinder der neu entstandenen Paare. Solche Patchwork-Konstellationen sind nicht selten in Sachsen. Jedes vierte Kind wächst hier nur bei einem leiblichen Elternteil auf.

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„Das bringt oft Konflikte mit sich“, sagt Doreen Asbrock von der Erziehungs- und Familienberatungsstelle der Stadt Chemnitz. Dort werden Familien in Trennungssituationen beraten. Oftmals seien die Kinder im Loyalitätskonflikt, weil sie beide Eltern lieben und mit ihnen zusammen sein wollen. „Doch sie sehen auch die Traurigkeit bei Mutter oder Vater, wenn sie beim anderen Elternteil sind, und fühlen sich schuldig“, sagt sie. Eine Patchworkfamilie scheint für viele dann die Lösung zu sein. Neuer Partner, neue Familie, neues Glück. Doch so einfach sei das nicht. „Probleme gibt es vor allem dann, wenn von einer Beziehung in die nächste gewechselt wird, ohne die alte richtig hinter sich gelassen zu haben.“ Die Kinder sehen den neuen Partner dann oft als Eindringling und empfinden es als Verrat am anderen Elternteil. „Das lassen sie den neuen Partner auch spüren.“ Kinder in diesen Situationen zeigten oft auffälliges Verhalten, zögen sich zurück oder hätten schlechtere Leistungen in der Schule.

Denise Schreiter und Stephan Liebing wollten ihrer Tochter Cecilia das ersparen und wagten das Experiment Großfamilie. Seit sechs Jahren leben sie – jeder in neuer Partnerschaft – unter einem Dach. Im Erdgeschoss des Zweifamilienhauses mit großem Garten wohnt Familie Schreiter. Dazu gehören Denise, ihr Mann Sebastian, Tochter Cecilia und Sohn Lino. Die Etage darüber gehört Stephan Liebing, seiner Partnerin Steffi Huckewitz-Pitsch, Steffis Sohn Bela und ihrem gemeinsamen Sohn Joko. Sie feiern zusammen Geburtstage, haben einen gemeinsamen Freundeskreis, zu dem auch Steffis Ex-Mann Mike gehört, die Großeltern und Ex-Großeltern sind regelmäßig zu Gast, sodass das Haus zu Weihnachten aus den Nähten zu platzen droht. „Unsere großen Kinder sind in den sechs Jahren, in denen wir so zusammenleben, richtig aufgeblüht“, sagt Stephan Liebing. „Wir wussten, dass es auch schiefgehen kann. Doch wir haben unsere Befindlichkeiten und Enttäuschungen aus den vorherigen Partnerschaften bewusst für unsere Kinder zurückgestellt.“ Sie sollten nicht unter einer Situation leiden müssen, für die sie nichts können, so Cecilias Vater.

Aus Einzelkindern wurden Geschwister

Cecilia kann jederzeit zu ihm gehen. „Mit seiner Partnerin Steffi versteht sie sich sehr gut, denn sie war früher ihre Kindergärtnerin“, sagt Denise Schreiter. „Ein glücklicher Zufall, das ist uns klar. Doch es gibt noch mehr davon.“ So seien Sebastian und Steffi Kollegen. Sie arbeiten zusammen in einer Kindereinrichtung, Denise im örtlichen Hort. Im gemeinsamen Haus pendeln die Kinder zwischen beiden Elternhäusern. „Mal gibt es bei dem einen etwas Leckeres zum Essen, oder der andere hat einen Ausflug vor, wo alle Kinder mit von der Partie sind. Das ist recht ungezwungen, und wir freuen uns, dass es so gut klappt“, sagt Denise Schreiter.

Doch das war nicht immer so, wie die 43-Jährige erklärt. „Ich habe mich von Stephan getrennt, als ich mich in Sebastian verliebt habe. Da gab es natürlich Streit, Stephan fühlte sich verletzt.“ Beide hätten aber immer versucht, Cecilia damit nicht zu behelligen. Gespürt habe sie aber trotzdem, dass etwas nicht stimmte, obwohl sie erst drei Jahre alt war. Zusätzliches Konfliktpotenzial gab es, als Betreuungszeiten und Unterhalt geregelt werden mussten. „Wir wollten das Wechselmodell. Sechs Tage war Cecilia bei mir und zehn Tage bei Denise“, so Stephan Liebing. Als Stephan dann mit seiner neuen Partnerin zusammenzog, war das auch für die Kinder eine Umstellung. Aus Einzelkindern wurden plötzlich Geschwister, wenn Cecilia bei Stephan war. Stephan erinnert sich noch an den ersten Urlaub zu viert auf Teneriffa. „Die beiden haben sich nur angezickt, die Stimmung war am Kippen.“

„Wenn beide Eltern in solchen Situationen jeweils für ihre Kinder Partei ergreifen, kann schnell ein Streit entstehen, an dem Patchworkfamilien auch zerbrechen können“, sagt Doreen Asbrock.

Kinder haben doppelt Urlaub

„Stephan hat für sich den Weg gewählt, den Kindern ganz direkt zu sagen, dass sie jetzt hier miteinander auskommen müssen, weil sonst für alle der Urlaub hinfällig ist“, erzählt Steffi Huckewitz-Pitsch. Er habe Rücksicht auf den jeweils anderen eingefordert und die Bereitschaft, das Beste aus allem zu machen. Das habe gewirkt. „Die beiden Kinder haben sich dann gut verstanden. Wenn es auf dem Spielplatz Rangeleien mit anderen gab, hat einer den anderen verteidigt“, sagt sie. „Heute sind sie wirklich wie Bruder und Schwester.“

Als Cecilia sechs Jahre alt wurde, zogen sie in das Haus in Grüna. „Kurze Zeit später wurde auch die Wohnung über uns frei. Da Stephan und Steffi eine größere Bleibe suchten, machten wir den Vorschlag zusammenzuziehen. Von der Idee waren alle begeistert“, sagt Denise. Doch Stephan räumt ein, dass er sich nicht sicher war, ob es richtig ist. Wie in vielen Fällen habe er mit seiner Mutter darüber gesprochen. Sie meinte: „Das ist das Beste, was ihr für euer Kind tun könnt.“ Den Schulanfang von Cecilia feierten sie erstmals als Großfamilie. Auch die gemeinsamen Urlaube seien nun fast schon Tradition. Man plane so, dass sich die Familien am Ferienort ablösen und die Kinder damit doppelt Urlaub haben.

Auch Bela könne sich jederzeit mit seinem Vater treffen. Er holt sogar Joko aus der Kita, wenn Stephan und Steffi es mal nicht schaffen. „Wenn ich das Freunden erzähle, können sie sich gar nicht vorstellen, dass das funktioniert“, sagt Steffi. Sie findet, dass die Paare, die sich jetzt gefunden haben, auch zusammengehören. Stephan und sie seien lebhaft und emotional, Denise und Sebastian eher ruhig. Über den Unterhalt für die Kinder habe man sich einvernehmlich geeinigt. Belas Vater zahle unabhängig von der Unterhaltstabelle einen bestimmten Betrag, „der bleibt auch so, da wird nichts erhöht“, sagt Steffi. „Sind mal größere Ausgaben nötig, besprechen wir das.“ Ebenso bei Denise und Stephan. Cecilia besuche eine Privatschule, da teilen sich beide in das Schulgeld, auch in andere größere Posten wie das jährliche Skilager. Am wichtigsten sei allen aber, dass die vier Kinder wie Geschwister aufwachsen können. „Das Wohl unserer Kinder steht für uns alle an erster Stelle. Da geht nichts dazwischen“, sagt Steffi Huckewitz-Pitsch.

„Dass Trennungen der Eltern für die Kinder so positiv ausgehen, erleben wir in der Beratungsstelle selten“, sagt Doreen Asbrock. Es gehöre viel Respekt und Toleranz dazu, das so zu praktizieren.

Familienkompass 2020:

  • Was ist der Familienkompass? Der Familienkompass ist eine große sachsenweite Umfrage zur Kinder- und Familienfreundlichkeit im Freistaat. Er ist ein gemeinsames Projekt der Sächsischen Zeitung, der Freien Presse und der Leipziger Volkszeitung in Kooperation mit der Evangelischen Hochschule Dresden.

  • Wann? Die Befragung endet am 9. April 2020.

  • Wo? Leser der Sächsischen Zeitung finden den Fragebogen unter www.sächsische.de/familienkompass

  • Warum mitmachen? Mit jedem beantworteten Fragebogen helfen Sie mit, die Familien- und Kinderfreundlichkeit in Ihrer Stadt/Gemeinde zu verbessern. Nach der Auswertung konfrontieren wir Politik und Verwaltung mit den Ergebnissen und berichten in allen Ausgaben detailliert zur Situation in den Kommunen.

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