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Die neue Generation von Roboter-Ärzten kommt

OP-Kollege Versius hat im April Deutschlandpremiere in Chemnitz. Warum Operationen mit dem neuen Roboter noch schonender werden.

Eine Trockenübung noch ohne Patient: Die mobilen Arme des neuen Versius OP-Roboters im Klinikum Chemnitz müssen von Professor Lutz Mirow, Chefarzt der Klinik für Viszeralchirurgie, noch in die richtige Position gebracht werden.
Eine Trockenübung noch ohne Patient: Die mobilen Arme des neuen Versius OP-Roboters im Klinikum Chemnitz müssen von Professor Lutz Mirow, Chefarzt der Klinik für Viszeralchirurgie, noch in die richtige Position gebracht werden. © D. Hanus/Klinikum Chemnitz

Vier rollende Geräte mit je einem Roboterarm und ein fahrbarer Bildschirm mit Tastatur und Konsole werden um den OP-Tisch platziert. Noch ist der Tisch leer, denn es handelt sich um eine Demonstration des neuen OP-Roboters Versius. Ab April soll er als bundesweit erster seiner Art im Klinikum Chemnitz seinen Dienst antreten. Für Professor Lutz Mirow, Chefarzt der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie, und Dr. Sven Seifert, Chefarzt der Klinik für Thorax- und Gefäßchirurgie, geht damit ein Traum in Erfüllung. „Die Geschäftsleitung war zunächst sehr zurückhaltend mit der Einführung der Robotik im Klinikum Chemnitz – hauptsächlich wegen der hohen Kosten“, sagt Seifert. Doch die Vorteile des neuen britischen Versius-Systems hätten überwogen und damit letztlich überzeugt.

OP-Roboter gibt es etwa seit der Jahrtausendwende in deutschen Kliniken. Der da Vinci war der erste und ist immer noch der bekannteste Vertreter dieser modernen OP-Technologie. Es ist ein komplexes Gerät, das ähnlich wie ein Krake über dem Patienten steht. Der Chirurg sitzt abseits und bedient die Instrumente an einer Konsole, den Bildschirm immer im Blick. Etwa 2,5 Millionen Eingriffe erfolgten damit weltweit an chirurgischen Kliniken. Vorrangig wurden sie in den Bereichen Gynäkologie, Urologie und Bauchchirurgie, zum Beispiel zur Tumoroperation eingesetzt. Erst in den letzten Jahren hat sich das Spektrum für da Vinci erweitert – auch dank der mittlerweile rund 170 verschiedenen Ausführungen des Gerätes.

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Individuell anpassbar

In diesem Jahr ist sein Patentschutz abgelaufen, andere Firmen strömen auf den Markt. Das drückt die Kosten, und es gibt immer neue Systeme. „Es ist gut, dass der da Vinci jetzt Konkurrenz bekommt. Doch ein Vergleich der unterschiedlichen Fabrikate ist sehr schwer. Jedes hat Vor- und Nachteile“, sagt Professor Jürgen Weitz, Direktor der Klinik für Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie am Universitätsklinikum Dresden. Er arbeitet bereits acht Jahre mit dem da Vinci, gibt aber zu, dass sich nicht alle seiner anfangs hohen Erwartungen mit dem Gerät erfüllt haben. So fehlten trotz zahlreicher klinisch beobachteter Vorteile noch immer die wissenschaftlichen Nachweise, ob und bei welchen Eingriffen OP-Roboter überlegen sind.

Für die beiden Chemnitzer Chefärzte wurde beim System Versius einiges verbessert und anders gedacht – es ist ein anderes System als da Vinci: „Die mobilen, einzelnen Roboterarme lassen sich so positionieren, dass Anästhesist und Chirurg direkt am Patienten stehen oder sitzen können“, so Mirow. Man sei dadurch flexibler und könne individueller auf den Patienten eingehen. „Die Zugänge, die wir für die Instrumente und die Kameras beim Patienten legen, müssen nicht mehr dem Roboter angepasst werden“, sagt Lutz Mirow. Auch Umlagerungen des Patienten, die sich im OP-Verlauf kurzfristig ergeben können, seien mit einem mobilen System einfacher.

Geringeres Risiko

Doch ganz gleich, ob Versius oder da Vinci – für die Patienten hat es sich bei bestimmten Erkrankungen als Vorteil erwiesen, wenn sie mit dem Roboter operiert werden können. „Wir gelangen damit minimalinvasiv, also durchs Schlüsselloch, in Regionen des Körpers, die wir vorher nicht erreicht haben, zum Beispiel den Mageneingang beim Zwerchfellbruch oder bei der Entfernung von Lymphknoten im Zusammenhang mit Tumorerkrankungen“, so Lutz Mirow. Die Instrumente des Versius seien Sven Seifert zufolge auch viel feiner als herkömmliche für die Schlüsselloch-Chirurgie. „Bei Operationen im Brustkorb, zum Beispiel bei Tumoren der Lunge oder im Zwischenfellraum, müssen die Rippen nicht mehr aufgedehnt werden. Der Patient hat danach viel weniger Schmerzen und ist schneller wieder fit.“ Vor allem ältere Patienten mit Vorerkrankungen profitierten davon. Das Operationsrisiko sei damit dank Robotik geringer.

Professor Jürgen Weitz nennt die Speiseröhren-OP als weiteres Beispiel, das die Vorteile des OP-Roboters unterstreicht. „Tumore dort mussten früher offen, mithilfe großer Schnitte am Brustkorb operiert werden. Mit dem Roboter genügt ein kleiner Zugang.“ Die Rate an Lungenentzündungen nach diesen Eingriffen sei extrem zurückgegangen, die Patienten erholten sich rascher.

Knackpunkt Kosten

Der Knackpunkt der Robotik im Klinikalltag seien aber die Kosten. „Denn die Krankenkassen vergüten eine Roboter-OP wie jede andere Operation. Sie zahlen sogenannte Fallpauschalen“, sagt Weitz. Der Roboter sei also meist ein Zuschussgeschäft, denn nicht nur die Anschaffungskosten wären hoch, auch die Verbrauchsmaterialien und das Zubehör kosten viel Geld. In diesem Punkt mache sich den Chemnitzer Chefärzten zufolge aber der abgelaufene Patentschutz und die Konkurrenz auf dem Medizintechnikmarkt bemerkbar. „Wenn auch die Anschaffungskosten bei beiden Systemen nahezu gleich sind, punktet der Versius mit günstigerem Zubehör. Und die Kosten werden im Laufe der Jahre sicher weiter sinken. So macht das Klinikum trotz der Abrechnung über Fallpauschalen kein Minus“, sagt Seifert.

Nach einer Trainingsphase startet das Klinikum Chemnitz ab April zuerst mit einfacheren Eingriffen, zum Beispiel Gallenblasenentfernungen oder der OP kleinerer Lungentumore. „Wir müssen uns das Potenzial dieses Gerätes erst erarbeiten“, so die Chefärzte. Software-Erweiterungen machten es dann einmal möglich, dass zum Beispiel in der Leberchirurgie 3-D-Modelle des Organs erzeugt würden, die die Lage der Blutgefäße, der Nerven und des Tumors zeigten. Auch Operationen innerhalb knöcherner Hüllen, zum Beispiel im Brustkorb bei Tumoren, seien dann risikoärmer möglich. Ziel sei es, über die rein mechanische Unterstützung hinaus, den Roboter zum Wohle des Patienten einzusetzen.

Roboter haben Grenzen

Die Informatikerin Professor Stefanie Speidel vom Nationalen Centrum für Tumorkrankheiten am Uniklinikum Dresden erforscht die Möglichkeiten von OP-Robotern. „Wir arbeiten daran, die Daten des Patienten vor, während und nach der Operation mit Künstlicher Intelligenz zu verarbeiten und damit Risikostrukturen besser zu erkennen oder Komplikationen vorherzusagen.“ Ein weiteres Forschungsobjekt sei das sogenannte haptische Feedback. Speidel: „Derzeit ist es noch nicht möglich, bei Roboter-OPs den Tastsinn der eigenen Hand einzusetzen.“ Das haptische Feedback könne das ermöglichen.

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Weltweit wird zudem an der Miniaturisierung geforscht, um kleinste Systeme zu entwickeln, die über Gefäße eingeführt werden können, sogenannte Mikro- und Nanoroboter. „Gekoppelt mit einem Therapeutikum könnte so ein Tumor direkt am Ort des Geschehens behandelt werden.“ Umliegende Organe oder Gewebe würden damit geschont. Doch wichtig sei es, all das in klinischen Studien zu evaluieren. Der Roboter, so ausgeklügelt die Systeme auch sind, werde aber niemals chirurgisches Können ersetzen. „Denn ein Roboter, egal, ob da Vinci oder Versius, ist nur so gut, wie die Hand, die ihn führt“, so die Ärzte übereinstimmend.

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