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Sachsen: Weniger Corona-Tote, dafür mehr Herzinfarkte

Bessere Therapien haben das Sterberisiko nach einer schweren Infektion verringert. Dafür bereiten andere Erkrankungen Sorge, wie ein neuer AOK-Report zeigt.

In Sachsen waren so gut wie alle 78 Krankenhäuser an der Versorgung von Corona-Patienten beteilig.
In Sachsen waren so gut wie alle 78 Krankenhäuser an der Versorgung von Corona-Patienten beteilig. © dpa

Seit einem Jahr ist die Corona-Pandemie zum Stresstest für das deutsche Gesundheitswesen geworden. „Dieser Stresstest wurde bisher bestanden. Wir haben noch kein Desaster erlebt“, sagte Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbands, bei der Vorstellung des aktuellen Krankenhausreports am Dienstag in Berlin. Dafür wurden rund 59.000 stationär behandelte Coronafälle in der Zeit von Februar bis Ende November 2020 analysiert.

Ausschlaggebend für die gute Patientenversorgung seien die vergleichsweise großen Intensivkapazitäten und die Zentralisierung der Behandlung auf Krankenhäuser mit hoher Bettenzahl. „Die Hälfte der Krankenhäuser in Deutschland hat 86 Prozent aller Covid-19-Fälle behandelt“, sagte der Autor des Reports, Jürgen Klauber vom Wissenschaftlichen Institut der AOK.

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Diese Aussage scheint aber nicht auf alle Bundesländer zuzutreffen „In Sachsen können wir das so nicht bestätigen. Bei uns waren so gut wie alle 78 Krankenhäuser an der Versorgung von Corona-Patienten beteiligt – koordiniert durch die drei größten Kliniken im Freistaat: das Uniklinikum Dresden, das Klinikum Chemnitz und das Uniklinikum Leipzig“, sagt Friedrich München, Sprecher der Krankenhausgesellschaft Sachsen. Gerade die Erfahrungen um Weihnachten hätten gezeigt, dass ohne Einbeziehung aller Krankenhäuser die Versorgung gefährdet gewesen wäre.

Angst vorm Krankenhaus

Schwere Covid-19-Erkrankungen haben immer noch eine hohe Sterblichkeit zur Folge, vor allem bei beatmeten Patienten. „Doch eine gute Nachricht ist, dass gegen Ende des Auswertungszeitraumes die Beatmungsquote und das Sterberisiko gesunken sind“, so Klauber. Bis November starb in Deutschland jeder zweite beatmete Corona-Patient. In Sachsen waren es sogar 58 Prozent, was mit einem höheren Durchschnittsalter der Patienten begründet wird. So waren nach Angaben der AOK Plus im Freistaat 61 Prozent der Beatmeten über 70 Jahre alt, im Bundesdurchschnitt nur 53 Prozent.

Inzwischen konnte die Sterblichkeit auf 39 Prozent gesenkt werden, so die Deutsche Gesellschaft für Anästhesie und Intensivmedizin. „Diese Rate ist immer noch sehr hoch, doch wir werden in der Versorgung der Patienten besser, weil wir über die Erkrankung immer mehr wissen – aus der Erfahrung mit den Krankheitsverläufen und aus medizinischen Studien“, sagte der Präsident der Fachgesellschaft, Professor Frank Wappler. So habe sich die Behandlung mit einem Cortison-Präparat und mit Blutverdünnern bewährt.

Laut AOK-Plus-Abrechnungsdaten für Sachsen war die Sterblichkeit höher, wenn die beatmeten Patienten Begleiterkrankungen hatten. So litten 78 Prozent zusätzlich an Bluthochdruck, 44 Prozent an Diabetes, 47 Prozent an Herzrhythmusstörungen und 40 Prozent an Herzschwäche. Deshalb sind die Autoren der Studie in Sorge, weil gerade die Behandlung dieser und anderer Erkrankungen aus Angst vor Ansteckung vernachlässigt wurde. Das legt ein Vergleich der stationären Fallzahlen während der ersten beiden Coronawellen nahe.

Mammografie-Screening zeitweilig ausgesetz

So wurden von März bis Mai 2020 in Sachsen 17 Prozent weniger Herzinfarkte stationär behandelt als im Vorjahreszeitraum. Zwischen Oktober 2020 und Januar 2021 waren es 14 Prozent weniger. Bei den Schlaganfällen betrug der Rückgang in der ersten Welle sechs Prozent, in der zweiten zehn Prozent. „Das anhaltende Zögern der Menschen, bei Notfällen die Notaufnahmen der Krankenhäuser aufzusuchen, ist ein Alarmzeichen für uns“, sagte Rainer Striebel, Vorstandsvorsitzender der AOK Plus.

Herzinfarktpatienten kämen häufig verspätet und mit fortgeschrittener Erkrankung des Herzens im Krankenhaus an, bestätigen Klinikärzte. Auch bei Schlaganfällen konnte man eine bedeutsame Steigerung der 30-Tage-Sterblichkeit feststellen. „Bei diesen Notfällen geht es um Minuten. Nur eine umgehende Behandlung kann langfristige gesundheitliche Schäden vermeiden“, so Striebel. Im Gegensatz zur ersten Coronawelle gibt es in Arztpraxen und Kliniken auch keinen Engpass an Schutzausrüstung und Desinfektionsmitteln mehr. „Die Kliniken sind jetzt sehr gut darauf eingerichtet, die Notfallversorgung neben der Covid-Behandlung zu organisieren“, sagte Jürgen Klauber.

Einen Rückgang verzeichnet die AOK auch bei häufigen Tumor-Operationen wie Brust- und Darmkrebs. Die Eingriffe an der Brust gingen in der ersten Welle um zehn Prozent zurück, weil auch das Mammografie-Screening zeitweilig ausgesetzt wurde. Zwischen März und Mai 2020 wurden 49 Prozent weniger Brustkrebsvorsorgeuntersuchungen abgerechnet als 2019. Nach Wiederaufnahme des Screenings gingen die Fallzahlen in der zweiten Welle weniger stark zurück – um fünf Prozent. Darmkrebsoperationen zeigten in der ersten Welle ein Minus von 17 Prozent, in der zweiten sogar 20 Prozent. Die anhaltende Reduzierung der Darmkrebsvorsorge kann den Autoren zufolge schwerere Krankheitsverläufe und schlechtere Prognosen für die Patienten nach sich ziehen.

Verschobene OPs nachgeholt

Ganz anders bewerten die Experten die deutliche Reduzierung der Fallzahlen bei der stationären Behandlung von Patienten mit einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD), die zu einer dauerhaften Verengung der Atemwege führt. Hier gingen in Sachsen die Krankenhausaufenthalte in der ersten Welle um 37 Prozent, in der zweiten Welle gar um 53 Prozent zurück. Möglicherweise deutet das auf eine Trendwende in der Behandlung hin, wie sie auch international etabliert ist. „Für diese Erkrankungen gelten Krankenhausaufenthalte als vermeidbar, wenn eine adäquate ambulante Versorgung gegeben ist“, sagte Jürgen Klauber.

Das Gleiche gelte für die Herzschwäche. Hier gingen die sächsischen Fallzahlen in der ersten Welle um 20 Prozent, in der zweiten Welle um 30 Prozent zurück. Diese Zahlen werfen für Klauber Fragen auf: „Waren es die vermutlich leichteren Beschwerdebilder, die während der Pandemiewellen nicht ins Krankenhaus gekommen sind? Bestätigt sich hier die These, dass in Deutschland eine stationäre Überversorgung besteht? Dazu gibt es noch viel Forschungsbedarf.“

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