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Arme Familien: Wenn das Schulessen fehlt

Normalerweise ist für Kinder aus bedürftigen Familien das Essen in der Schule kostenfrei. Aber jetzt ist keine Schule. Die Linke fordert einen Ausgleich.

Symbolbild: Nicht wenige Familien im Keis sind auf Unterstützung angewiesen - auch aufs Schulessen für die Kinder.
Symbolbild: Nicht wenige Familien im Keis sind auf Unterstützung angewiesen - auch aufs Schulessen für die Kinder. © Nikolai Schmidt

Pellkartoffeln mit Bohnen für zwei Tage, einige Käsescheiben, Karotten und Schokokugeln, Äpfel für drei Tage. Das Foto eines Essenspaketes in Großbritannien hat für Wirbel auf der Insel gesorgt. Die Essenspakete für Schüler aus bedürftigen Familien während des Lockdowns sollten eigentlich für zehn Tage reichen, einem Wert von 30 Pfund entsprechen. Das klappte nicht ganz wie gedacht.

Schwierigkeiten soll es beim Thema Mittagessen für Kinder aus armen Familien auch im Kreis Görlitz geben. „Eigentlich besagt die aktuelle Regelung zur Mittagsversorgung, dass bei Ausfall des Präsenzunterrichts die Schüler ihr Mittagessen nach Hause geliefert bekommen sollen“, teilt Mirko Schultze, für die Linke im Landtag, mit. Allerdings hätten Eltern an ihn herangetragen, das funktioniere nicht. Für bedürftige Familien bedeute das eine noch größere Belastung in der Corona-Krise.

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Kein Schulessen: Mehr Kosten für bedürftige Familien

„Dass für die Kinder, wenn sie nicht in der Schule sind, zu Hause gekocht wird, ist für die meisten Normalität, sollte es ja auch sein“, sagt Schultze. Aber für bedürftige Familien würden die Kosten dafür gerade jetzt letztlich doch merklich sein. „Zusätzlich zu dem wegfallenden Mittagessen kommen noch coronabedingt Mehrkosten dazu.“ So seien Obst- und Gemüsepreise voriges Jahr gestiegen, „Schutzartikel wie Mund-Nasen-Masken oder Desinfektionsmittel kosten Geld. Auch viele weitere Hilfsangebote sind coronabedingt weggefallen.“ Die Linke fordert deshalb, für bedürftige Familien einen finanziellen Ausgleich für den Wegfall der Mahlzeiten in der Schule zu schaffen.

Kinder aus Familien mit wenig Geld - wenn die Eltern auf Hartz IV, Kinderzuschlag oder Wohngeld angewiesen sind - haben Anspruch auf Bildungs- und Teilhabeleistungen, erklärt der Kreis Görlitz. Ein Teil dieses Bildungspaketes „ist die Übernahme von Kosten einer gemeinschaftlichen Mittagsverpflegung in der Kita, Schule und der Kindertagespflege“, erklärt Franziska Glaubitz. Eigentlich seien die Kosten einer regelmäßigen Mittagsversorgung bereits in den monatlichen Regelbedarfen berücksichtigt. Mit der Übernahme der Schulessen-Kosten solle sichergestellt werden, dass „kein Kind oder Jugendlicher vom gemeinschaftlichen Mittag mit seinen Freunden in der Kita oder Schule ausgeschlossen wird.“

Lieferung: Sonderregelung im Lockdown

Dafür erhalten die Kinder eine Bildungskarte des Kreises, über die die Essensanbieter den Betrag für das Schulessen direkt abbuchen. Wie viele Familien das betrifft, kann der Kreis nicht genau sagen, weil die Zuständigkeiten für die Bildungs- und Teilhabeleistungen bei verschiedenen Ämtern liegen. Das Jobcenter des Kreises habe im August für 1.882 Personen die Kosten für Mittagessen bewilligt.

Während der Schulschließungen im Lockdown nun gilt eine Sonderregelung. Auch wenn nicht gemeinsam in der Schule gegessen werden kann, sondern das Essen für Kinder finanzschwacher Haushalte nach Hause geliefert wird, können die Essensanbieter es über die Bildungskarte abrechnen. Das werde so auch seit März umgesetzt im Kreis. Eine Änderung - etwa durch einen finanziellen Ausgleich - sei aus Kreissicht daher nicht erforderlich, „da die Mittagsversorgung weiterhin durch den Essensanbieter erfolgen und dieser die Abrechnung über die Bildungskarte weiterhin vornehmen kann“.

Aber das scheint kein Automatismus zu sein. Und wäre logistisch auch kaum machbar, würden viele der betroffenen Familien eine Lieferung in Anspruch nehmen.

Dass die Essensanbieter jetzt allen Kindern, die sonst über die Bildungskarte Schulessen erhalten, dieses jetzt liefern sollten, „davon habe ich noch nichts gehört“, sagt Judith Geißler. Sie und ihr Mann betreiben unter anderem die Mensaküche im Berufsschulzentrum Görlitz.

Ob die Essensanbieter eine Lieferung des Mittagessens den Kindern und Jugendlichen anbieten, darauf habe der Kreis keinen Einfluss, teilt er mit. Judith Geißler würde es machen. Einzelne Eltern hätten sich deshalb gemeldet. „Das machen wir auch gern. Wenn es geht, wollen wir Familien gerade jetzt jede mögliche Erleichterung im Alltag schaffen. Und jede Maus soll was zu Essen haben“, sagt Judith Geißler. „Solange es logistisch machbar ist, sind wir für alles bereit.“ Denn das ist schon eine Frage: Bis zu welchen Schülerzahlen wären solche Lieferungen zu schaffen.

Problem: Wie das Essen zu vielen Haushalten liefern?

Eine Frage, die sich auch der MS Menüservice in Hagenwerder stellt. Ganz generell läuft bei ihnen die Schulessen-Abrechnung für bedürftige Familien über die Rückerstattung. Ansonsten schildern Kerstin Thiere und Kerstin Ulbrich den Sachverhalt ähnlich: Eine Aussage, dass bedürftigen Kindern das Essen nach Hause statt in die Schule geliefert werden soll, gebe es nicht. Vereinzelt beliefert der Menüservice derzeit Familien, allerdings zu den normalen Konditionen. Das seien zum Beispiel Familien, wo die Eltern derzeit im Homeoffice arbeiten und auch die Kinder zu Hause sind. Das in deutlich größerer Zahl - würde nicht nur viel mehr Fahrtwege, sondern auch viel mehr Verpackungsmaterial und -arbeit bedeuten, einen enormen Aufwand.

Dass es logistisch schwer umsetzbar ist, kann Mirko Schultze nachvollziehen. Aber, auch wenn viele bedürftige Familien keine Lieferung in Anspruch nehmen, „den Mehraufwand haben sie und die finanzielle Leistung dafür steht ihnen eigentlich zu.“

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