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Ohne PC ist es schwer im Homeschooling

Schüler lernen wieder zu Hause, benötigen PC oder Tablet. Das ist trotz vieler Bemühungen weiter ein Problem. Vor allem für sozial schwache Familien.

Sofia Abdullahi, Jawad Abdullahi und Heike Gelke (von links) in der Görlitzer Lebensschule.
Sofia Abdullahi, Jawad Abdullahi und Heike Gelke (von links) in der Görlitzer Lebensschule. © André Schulze

Sofia Abdullahi ist verzweifelt. Der 34-jährigen Görlitzerin tut es sehr weh, dass sie ihrem Sohn Jawad weder einen PC noch ein Tablet für das Homeschooling zur Verfügung stellen kann. Der neunjährige Schüler besucht die dritte Klasse der Grundschule Königshufen. Die ist derzeit coronabedingt geschlossen.

Also muss Jawad sehen, wie er klarkommt. Dabei hatte Sofia Abdullahi beim Jobcenter einen Antrag auf Unterstützung gestellt. Das Jobcenter sollte helfen, ein mobiles Endgerät - also einen PC oder ein Tablet - für die Familie anzuschaffen. Die Familie, zu der noch der sechsjährige Sajad und der Ehemann gehören, lebt von staatlichen Leistungen, dem ALG II. Doch der Antrag wurde abgelehnt, mehrere Widersprüche auch.

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Jobcenter sollte helfen

Seit 2013 lebt die afghanische Familie in Görlitz. Der jüngste Sohn ist ein Görlitzer, er wurde hier geboren. Vor wenigen Monaten machte der Vater den Führerschein. Dafür hatte die Familie lange gespart und jetzt alle Ersparnisse dafür ausgegeben. Die Familie verbindet mit dem Führerschein für den Vater die Hoffnung, dass er so besser Arbeit findet.

Da das Ersparte aufgebraucht ist, ist nichts mehr da für ein Tablet. Ein mobiles Endgerät, wie es amtsdeutsch heißt, besitzt Familie Abdullahi nicht. Deshalb der Antrag beim Jobcenter. Das Bundesarbeitsministerium hatte im Februar angekündigt, sozial schwachen Familien bei der Beschaffung mobiler Endgeräte zu helfen. Ziel dabei ist es, allen Schülern im Distanzunterricht einen Online-Zugang zu ermöglichen, entweder über ein Leihgerät von der Schule oder ein eigenes.

Sajad (links) staunt, was sein großer Bruder Jawad rechnen kann. Ihre Mutter Sofia Abdullahi ist stolz auf ihren großen Sohn, der gerne lernt. Heike Gelke (rechts) unterstützt die Familie bei Behördendingen.
Sajad (links) staunt, was sein großer Bruder Jawad rechnen kann. Ihre Mutter Sofia Abdullahi ist stolz auf ihren großen Sohn, der gerne lernt. Heike Gelke (rechts) unterstützt die Familie bei Behördendingen. © André Schulze

Antrag abgelehnt

Zunächst stellte Frau Abdullahi am 26. Februar einen formlosen Antrag beim Jobcenter, da es noch keine Formulare gab. Jawads Schule hatte damals bestätigt, dass sie nicht genügend Leihgeräte zur Verfügung hat. Am 5. März kam die erste Ablehnung vom Jobcenter. Frau Abdullahi bekam am 9. März die Aufforderung, das richtige Formular auszufüllen, weil jetzt Vordrucke vorhanden seien. Das tat Frau Abdullahi mithilfe von Heike Gelke. Sie engagiert sich als Leiterin der Lebensschule im Verein Advent-Wohlfahrtswerk und dort im Helferkreis „Hand und Fuß“.

Frau Abdullahi stellte nun den Antrag erneut. Auf eine wiederholte Einholung der Bestätigung von der Schule verzichtete sie, da diese mit Stempel und Unterschrift des Schulleiters beim Jobcenter bereits vorlag. Am 13. April wurde vom Jobcenter der Antrag auf ein mobiles Endgerät schließlich abgelehnt.

Manches gibt Rätsel auf

Das Jobcenter betont auf SZ-Nachfrage, dass digitale Endgeräte grundsätzlich aus dem Regelbedarf zu beschaffen sind. "Der Gesetzgeber hat vorgesehen, dass für unabweisbaren, laufenden, nicht nur einmaligen, besonderen Bedarf ein besonderer Leistungsanspruch besteht", erklärt Landkreissprecherin Franziska Glaubitz. Das heißt, die Anschaffung eines digitalen Endgerätes könnte unter bestimmten Bedingungen unter diese Regelung fallen, einen Anspruch gibt es aber nicht.

Für Jawad wäre ein Tablet eine sehr große Hilfe. Er könnte am Online-Unterricht teilnehmen, könnte Lern-Plattformen nutzen, seine Aufgaben per E-Mail erhalten und verschicken, im Internet recherchieren und vieles mehr. All das kann er nicht. Der Junge besitzt noch nicht mal ein Handy.

Warum das Jobcenter gerade für Jawad ein mobiles Endgerät ablehnt, bleibt ein Rätsel. Vor allem, weil das Jobcenter für den Schüler auch Nachhilfe fördert, die derzeit nur online möglich ist. Noch rätselhafter wird die Ablehnung, wenn man weiß, dass Jawad aus dem Teilhabe-Paket eine Förderung für Unterricht an einer Musikschule erhält. Der Neunjährige spielt Schlagzeug, online-Unterricht wäre möglich.

Diese Förderung für Familien ist relativ unbekannt

Auch die Anschaffung eines Druckers kann das Jobcenter fördern, wenn die Voraussetzungen dafür gegeben sind. Allerdings geht der Gesetzgeber davon aus, dass ein Drucker pro Haushalt ausreicht. Die Finanzierung von WLAN-fähigem Internet ist hingegen nicht vorgesehen. "Die laufenden Kosten für Telekommunikation sind bereits Bestandteil der Regelleistung und demnach über den Regelbedarf zu decken", erklärt die Sprecherin.

Für Heike Gelke ist das Problem der Familie Abdullahi kein Einzelfall. Sie betreut insgesamt 13 Görlitzer Familien mit Migrationshintergrund. Für mehrere von ihnen engagierte sie sich bei der Antragstellung für mobile Endgeräte beim Jobcenter. Einige waren erfolgreich, andere wurden abgelehnt. Das bekümmert sie sehr, denn nicht umsonst habe der Gesetzgeber diese Hilfe für sozial schwache Familien eingerichtet, "übrigens längst nicht nur für Familien mit Migrationshintergrund", betont Frau Gelke. Aber offensichtlich wissen nicht viele dieser Familien von dem Angebot.

Ende gut - fast

Mittlerweile gibt es eine ganz neue Entwicklung: Ein Anruf der SZ bei Schulleiter Steffen Hanke ergab, dass die Schule mittlerweile Leihgeräte zur Verfügung stellen kann. "Jawads Mutter kann sofort in die Schule kommen und ein Gerät ausleihen", sagt der Schulleiter. Er freut sich, dass es für Jawad nun doch eine Lösung geben wird, denn der Drittklässler sei "ein Schüler, der wirklich lernen möchte", erklärt Steffen Hanke.

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Auch Heike Gelke ist froh. "Jetzt gehen wir aber trotzdem in Widerspruch zum Bescheid des Jobcenters, denn noch ist ein Drucker für die Familie erforderlich", sagt sie kämpferisch.

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