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Görlitzer Top-Hotel verlor ein Drittel der Belegschaft

Im Corona-Lockdown suchten sich Mitarbeiter des Hotels "Tuchmacher" in Görlitz einen neuen Job. Gutes Personal zu finden, gleicht jetzt einem Lottogewinn.

Martin Vits ist Geschäftsführer des Romantik-Hotels „Tuchmacher“ in Görlitz. Händeringend sucht er Personal.
Martin Vits ist Geschäftsführer des Romantik-Hotels „Tuchmacher“ in Görlitz. Händeringend sucht er Personal. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Das Restaurant im Romantik-Hotel "Tuchmacher" in Görlitz ist geschlossen. Nicht etwa, weil keine Gäste kommen, sondern weil kein Personal da ist, die Gäste zu bewirten. Martin Vits, der Geschäftsführer des familiengeführten Vier-Sterne-Hotels in bester Görlitzer Altstadtlage, blieb kein anderer Ausweg: Acht Mitarbeiter von insgesamt 25 Beschäftigten in beiden restaurierten und zum Hotel umgebauten Renaissance-Patrizierhäusern suchten sich neue Jobs.

Gastgewerbe zum Nichtstun verdammt

Das heißt, dass Gäste zwar im Hotel "Tuchmacher" übernachten können und auch ein Frühstück bekommen, aber am Abend müssen sie außerhalb des Hotels speisen. "Momentan haben unsere Gäste Verständnis für die Situation", sagt Martin Vits. Es sei derzeit noch unproblematisch, in Restaurants der Stadt einen Platz zu finden. "Denn Görlitz ist längst nicht so voll mit Touristen wie sonst um diese Zeit", erklärt der Hotelchef.

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Schuld am jetzt akuten Personalmangel ist die achtmonatige Schließzeit während des Corona-Lockdowns. Hotels und Gaststätten waren zum Nichtstun verdammt. Vits vergleicht das mit einem Berufsverbot. Mitarbeiter erhielten Kurzarbeitergeld, Aushilfen gar nichts, wenn sie keinen sozialversicherungspflichtigen Lohn bekamen.

Während das Hotel die Schließung im ersten Lockdown von März bis Mai 2020 noch gut wegstecken konnte, sah das jetzt anders aus. Nicht nur, dass jegliche Einnahmen fehlten, sondern fast ein Drittel der Beschäftigten im "Tuchmacher" suchte sich eine krisenfeste Arbeit.

Jetzt mit Makel der unsicheren Krisenbranche

Denn das Gastgewerbe kämpft seit Pandemiebeginn mit dem Makel der unsicheren Krisenbranche, nachdem es zuvor noch geheißen hatte, Gastronomie und Hotellerie seien krisenfest und ein Jobmotor. Immerhin erwirtschaftete das deutsche Gastgewerbe im Jahr 2018 einen Umsatz von 98,3 Milliarden Euro, zwei Drittel entfielen dabei auf die Gastronomie, ein Drittel auf das Beherbergungswesen. Gastronomie und Hotellerie verloren dagegen im ersten und zweiten Lockdown rund 62 Milliarden Euro Umsatz.

Doch zur Wahrheit gehört eben auch, dass zwei Drittel der Beschäftigten im Gastgewerbe einen Lohn unterhalb der Niedriglohngrenze erhalten. Während der Pandemie lockten andere Branchen mit besserer Bezahlung und sicheren Arbeitsplätzen, darunter im Lebensmitteleinzelhandel, in der Logistik-Branche und in den Corona-Test- und Impfzentren.

Ingrid Hartges vom Bundesverband DEHOGA zeigt Verständnis, wenn Mitarbeiter in Kurzarbeit sich kurzfristig nach Alternativen umschauen, um finanziell besser und krisensicherer durch die Pandemie zu kommen. Doch auch sie weiß, dass diese Mitarbeiter meist nicht an ihren alten Arbeitsplatz zurückkehren. Im Vergleich zum Jahr 2019 verlor das Gastgewerbe 2020 nach DEHOGA-Angaben mehr als 325.000 Mitarbeiter.

Auch bei den Auszubildenden sind Rückgänge im Gastgewerbe zu verzeichnen. Schon im Vorjahr ging die Zahl der Bewerber um 16 Prozent zurück, bei Köchen sank die Zahl um 20 Prozent. Für dieses Jahr wird Ähnliches befürchtet.

Corona verschärfte die Personalprobleme

Martin Vits vom "Tuchmacher" sagt aber auch, dass der Personalmangel im Gastgewerbe kein neues Phänomen ist. Schon vorher hatten es Gastwirte und Hoteliers schwer, ausreichend und geschultes Personal zu bekommen. "Diese Herausforderung hatten wir schon, durch Corona wurde sie noch größer", sagt der Geschäftsführer.

Zwei der verlorenen acht Mitarbeiter konnte Martin Vits bislang ersetzen. Er ist weiter auf Personalsuche und nutzt dafür alle Kanäle, die er finden kann: Personal-Vermittlungen, Arbeitsagentur, Jobcenter, Jobbörsen, Rückkehrer-Aktionen, Social-Media-Kanäle, Mundpropaganda. Doch der Erfolg bleibt aus. "Nicht einmal Zeit- oder Leiharbeiter sind für meine Branche zu finden", bedauert der Geschäftsführer. Dennoch wirbt er weiter um Personal für Service und Küche sowie um Auszubildende.

Nur eins macht er nicht: Mitarbeiter von anderen Gastronomen und Hoteliers abwerben. "Das gehört sich nicht und ist langfristig auch nicht erfolgreich", sagt er. Denn ein einmal abgeworbener Mitarbeiter sei leicht empfänglich für den nächsten Wechsel.

Zu den Gästen im Romantik-Hotel "Tuchmacher" in Görlitz gehörte auch die Schauspielerin Kate Winslet, als sie für den Hollywood-Streifen "Der Vorleser" 2008 in Görlitz drehte.
Zu den Gästen im Romantik-Hotel "Tuchmacher" in Görlitz gehörte auch die Schauspielerin Kate Winslet, als sie für den Hollywood-Streifen "Der Vorleser" 2008 in Görlitz drehte. © SZ-Archiv/Trenkler

Alle Kanäle zur Personalsuche werden genutzt

Dabei weiß auch er, dass es immer Fluktuation beim Personal gibt. Die Gründe sind vielfältig. Vits unterstützt sogar das Bestreben von jungen Mitarbeitern, nach der Ausbildung in der Welt Erfahrungen zu sammeln. "Es gehört dazu, an den schönsten Orten zu lernen und sich weiterzubilden", sagt er. Dennoch hegt er den Wunsch, dass diese jungen Mitarbeiter der Branche erhalten bleiben. "Viele kommen sogar zurück und schätzen, was sie hier haben", sagt der Geschäftsführer.

Martin Vits will bei den Mitarbeitern mit Beständigkeit, unbefristeten Arbeitsverträgen, Vollbezahlung und einem sicheren Arbeitsplatz punkten. Dazu kommen die Verarbeitung hochwertiger Waren in der Küche und angenehmes Gäste-Klientel. Innerhalb der Romantikhotel-Kooperation könnten Mitarbeiter Vorteile in etwa 100 deutschen und gleich vielen Hotels im Ausland nutzen.

Der Geschäftsführer hat den Ehrgeiz, ins Jahr 2022 mit voller Mannschaft zu starten und die nächsten Jahre planbar zu gestalten - vorausgesetzt, es wartet nicht schon der nächste Lockdown mit Einschränkungen für das Gastgewerbe. Dass er möglichst schon bald neue Mitarbeiter einstellen kann, hofft Martin Vits sehr, denn September, Oktober und Dezember seien für ihn die umsatzstärksten Monate im Jahr. Das wird 2021 nicht anders sein, wenn es keine verordneten Einschränkungen gibt.

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