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Görlitz: Sie haben Abi mit Bestnoten geschafft

Sieben Abiturienten des Joliot-Curie-Gymnasiums Görlitz gehören zu den besten Sachsens. Wie sie das schafften und wie es ihnen in der Krise erging.

Mara Jung, Carl Seifert, Benedikt Hoche, Julia Meistring, Vanessa Drazewski und Clemens Fleischer vom Joliot-Curie-Gymnasium.
Mara Jung, Carl Seifert, Benedikt Hoche, Julia Meistring, Vanessa Drazewski und Clemens Fleischer vom Joliot-Curie-Gymnasium. © Martin Schneider

Bis Ende voriger Woche musste Carl Seifert sich entscheiden. Will er künftig an der TU Dresden Physik oder Informatik studieren? Sein Abi-Schnitt: eine glatte 1,0.

Die Schüler, die jetzt ihr Abi absolvierten, haben fast zwei Jahre des Lernens unter Ausnahmebedingungen hinter sich. Das erste Halbjahr der elften Klasse lief für sie noch normal. Kurz nach Start des zweiten Halbjahres, Mitte März 2020, schlossen zum ersten Mal die Schulen, begann der erste Lockdown. In Sachsen gehörten die Abschlussklassen zu den ersten, die zumindest für die Prüfungsfächer zurück in den Präsenzunterricht konnten. Aber auch für sie bedeutete die Pandemie zum großen Teil Homeschooling.

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Lernen im eigenen Rhythmus

Was am meisten gefehlt hat, "das ist bestimmt die Standard-Antwort, aber das waren die sozialen Kontakte", sagt Carl Seifert.
Was am meisten gefehlt hat, "das ist bestimmt die Standard-Antwort, aber das waren die sozialen Kontakte", sagt Carl Seifert. © Martin Schneider

„Leicht war es nicht, das muss man klar so sagen“, erzählt Carl Seifert. „Sich auf eine Prüfung vorzubereiten, ist immer schwer. Auf der einen Seite hatten wir sicherlich mehr Vorbereitungszeit“, weil es den normalen Stundenplan nicht gab, der Fokus auf den Prüfungsfächern lag. „Auf der anderen Seite mussten wir auch mehr selber erarbeiten.“ Gerade die erste Zeit im ersten Lockdown – als plötzlich alle frei hatten – sei es schwer gefallen, sich zu motivieren. Seine Leistungskurse waren Mathe und Physik. Fächer, in denen es aber relativ bald „richtigen“ Online-Unterricht gab, also mit Videokonferenzen zu festen Zeitpunkten, erklärt Carl Seifert. Das habe geholfen, strukturiert durch den Tag zu kommen. „Ich muss aber auch sagen, ich habe es schon genossen, morgens aufzustehen, wann ich wollte. Und dass man viele Sachen in seinem eigenen Rhythmus lernen konnte.“ Was am meisten gefehlt hat? „Das ist wahrscheinlich die Standard-Antwort, aber das waren sie sozialen Kontakte. Zum Teil waren die ja möglich.“ Aber wenn es die Lage zugelassen hätte: Er hätte lieber zwei Themen mehr gelernt und dafür ein paar Festivitäten mehr mitgenommen.

„Dann hat man doch durchgelernt“

Mara Jung und ihre Zwillingsschwester haben gemeinsam gelernt, gerade in den Pflichtfächern Deutsch und Mathe, die sie beide hatten. Nochmal mit allen zusammenkommen zum Abiball, das war ihr besonders wichtig.
Mara Jung und ihre Zwillingsschwester haben gemeinsam gelernt, gerade in den Pflichtfächern Deutsch und Mathe, die sie beide hatten. Nochmal mit allen zusammenkommen zum Abiball, das war ihr besonders wichtig. © Martin Schneider

Wie Mara Jung es zu der 1,1 auf ihrem Abi-Zeugnis geschafft hat – „ich kann es gar nicht sagen. Ich war echt überrascht, dass die Prüfungen für mich so gut liefen.“ Sie hat eine Zwillingsschwester, mit der sie viel gemeinsam gelernt hat. „Wir haben uns gegenseitig gepusht.“ Am schwierigsten? Pausen einzulegen, sagt Mara Jung. „Das Problem war eben auch, dass man seinen Hobbys nicht so nachgehen konnte“, und damit ein mentaler Ausgleich fehlte. Mara Jung tanzt eigentlich regelmäßig. „So haben wird dann doch durchgelernt, zum Teil übers Wochenende.“ Die Nerven aber haben die Schwestern behalten, beide haben sein sehr gutes Abi hingelegt. „Die Mehrheit der Lehrer hat uns gut unterstützt.“ Trotz der Noten, ein bisschen Traurigkeit bleibt. „Ich finde schon, uns ist vieles verloren gegangen. Deshalb bin ich so dankbar, dass es mit unserem Abiball trotzdem noch geklappt hat.“ Die Joliot-Curie-Absolventen feierten in den Zwei Linden. Mara Jung geht jetzt für ein FSJ an die Scultetus-Oberschule Görlitz.

Geduld durch Geigenspiel

Seit ihrem fünften Lebenjahr spielt Maike Immer Geige. Eine Erfahrung, die ihr im Lockdown geholfen habe.
Seit ihrem fünften Lebenjahr spielt Maike Immer Geige. Eine Erfahrung, die ihr im Lockdown geholfen habe. © Martin Schneider

Der Abiball war möglich. Anderes wie das Benefizkonzert der Schüler zum Geldsammeln für den Abiball wurde in den digitalen Raum verlegt, „und einiges fiel eben auch ins Wasser“, sagt auch Maike Immer. „Dinge, um uns in Erinnerung zu behalten. Und dass uns auch die Schule in Erinnerung behält.“ Geschafft hat sie ihr Abi mit 1,4. Auch sie sieht zwei Seiten: „Wir hatten viel Zeit, uns auf die Prüfungen vorzubereiten. Die Lehrer haben uns da auch durchgeboxt.“ Aber während der zweiten Schulschließung ab Dezember sei auch ihr irgendwann die Puste ausgegangen. Geholfen habe ihr der Ehergeiz, auch die Geduld, die die Geige verlangt. Seit 13 Jahren spielt Maike Immer das Instrument, das sie auch durch den Lockdown begleitet habe. „Man will rausgehen, was unternehmen, klar.“ Zum Ausgleich probierte sich die 18-Jährige an neuen Instrumenten: Gitarre, Querflöte, Klavier. „Im ersten Lockdown habe ich mit meiner Mutter Masken genäht.“ Die zweite Schulschließung ab Dezember fiel teils mit den Prüfungsvorbereitungen zusammen, „da habe ich es nicht mehr so stark gemerkt, dass die Kontakte fehlen, einfach, weil man so beschäftigt war.“ Bald beginnt für sie ihr FSJ am Görlitzer Mira-Lobe-Förderzentrum, „ich möchte in die pädagogische Richtung gehen“.

Weg zum Küchentisch statt Schulweg

Niemand weiß, was der Herbst bringt. Sollte es noch mal Wechselunterricht sein: Am besten nicht im eigenen Zimmer, sonders woanders lernen, sagt Clemens Fleischer.
Niemand weiß, was der Herbst bringt. Sollte es noch mal Wechselunterricht sein: Am besten nicht im eigenen Zimmer, sonders woanders lernen, sagt Clemens Fleischer. © Martin Schneider

Für Maschinenbau in Dresden hat sich Clemens Fleischer entschieden. „Ich war immer ein guter Schüler, vielleicht nicht der Beste – aber ich habe immer mein Bestes gegeben“, fasst er zusammen, wie er die 1,5 schaffte. Nicht nur die Schüler, auch zum Beispiel Joliot-Curie-Schulleiter Wolfgang Mayer sagt: Leichter sei das Abi dieses Jahr nicht gewesen. „Aber die Vorbereitung war natürlich eine ganz andere“, sagt Clemens Fleischer. Von zu Hause aus lernen – „für mich waren vor allem die ersten zwei Monate ungewohnt. Man musste sich erst mal in diesen Modus einfinden. Aber man lernt auf jeden Fall, zu priorisieren“, was ist wichtig, was kann warten. Letztlich habe Homeschooling auch die Möglichkeit gegeben, stärker nach der eigenen Leistung zu lernen. „Mir hat es geholfen, nicht in meinem Zimmer zu lernen“, sondern etwa in der Küche. „Es hilft, sich mental umzustellen.“ Anderes, um den Schulalltag abzugrenzen, „kam ja ein bisschen zum Erliegen.“ Über Whatsapp oder andere Messenger-Dienste unterhielt er sich mit Freunden. „Aber es ist eben nicht das Gleiche, wie etwas zu unternehmen.“

Jede Routine plötzlich auf Eis gelegt

Die meisten Lehrer haben gemerkt, wie schwer die Situation für die Schüler war, erzählt Julia Meistring. Die 17-Jährige schaffte trotzdem eine Top-Note und will Psychologie studieren.
Die meisten Lehrer haben gemerkt, wie schwer die Situation für die Schüler war, erzählt Julia Meistring. Die 17-Jährige schaffte trotzdem eine Top-Note und will Psychologie studieren. © Martin Schneider

Julia Meistring will Psychologie studieren. Einer der Studiengänge für die man sich zentral bewirbt. Wohin es für sie geht, weiß sie noch nicht. Aber mit einem Abischnitt von 1,3 dürfte es bestimmt klappen. „Ich war immer relativ ehrgeizig, das war für mich in der Corona-Krise sicherlich von Vorteil“, erzählt die 17-Jährige. Aber ohne die Hilfe von Mitschülern und Lehrern sei es nicht möglich gewesen. „Ich glaube, die meisten Lehrer haben gemerkt, wie schwer die Situation für uns war. Freizeit, die Routinen, die man so hatte, waren plötzlich auf Eis gelegt.“ Einige Lehrer, etwa Mathelehrer Andreas Müller, zogen Unterricht fast von Beginn an mit Videokonferenzen durch, erzählt sie. „Damit hat er uns ein Stück Normalität gegeben.“ Sie tanzte früher, eine der Freizeitaktivitäten, die schnell auf Eis lagen. „Mein Freund hat mir sehr geholfen und hat mir Halt gegeben. „Es war für uns alle der Endspurt, wir wollten uns das nicht vermiesen lassen.“

„Man muss lernen, Pausen zu setzen“

Anderen Freunde zu machen, habe ihm schon immer gelegen, sagt Benedikt Hoche. Er hat sich für ein Medizin-Studium beworben.
Anderen Freunde zu machen, habe ihm schon immer gelegen, sagt Benedikt Hoche. Er hat sich für ein Medizin-Studium beworben. © Martin Schneider

Ihr Freund ist Benedikt Hoche. Seine 1,3, die habe er teils sogar seiner Freundin zu verdanken, sagt er. „Wir haben uns wirklich gut ergänzt. Sie ist gut in den naturwissenschaftlichen Fächern, ich in den sprachlichen.“ Am wichtigsten beim Lernen zu Hause fand er, sich bewusst Auszeiten zu setzen. „Dass man zwischendurch wirklich was anderes macht.“ Benedikt Hoche spielte Gitarre, machte Sport, las. Vor der Corona-Pandemie war er in den USA zu einem Auslandsjahr. In North Carolina erlebte er zwei Hurrikans mit – und damit Evakuierungen, Ungewissheit, „dass man sich mit Dingen arrangieren muss, die man in dem Moment einfach nicht ändern kann.“ Das Aufsichgestelltsein – „mir zumindest hat das aber auch ein bisschen Grundvertrauen gegeben.“ Dass es trotzdem weitergeht. Benedikt Hoche hat sich für ein Medizinstudium beworben. Die Hoffnung: dass dieselbe Uni sie beide annimmt.

Weiter im Ausland

Die USA sind ihr Traumland, sagt Vanessa Drazewski.
Die USA sind ihr Traumland, sagt Vanessa Drazewski. © Martin Schneider

Für Vanessa Drazewski geht es auf jeden Fall ins Ausland. Sie will Medizin studieren. In Oxford oder in Breslau. Die 18-Jährige ist zweisprachig aufgewachsen, ihre Eltern stammen aus Polen. „Das Studium in Breslau wäre aber englischsprachig“, erklärt sie, und es wäre in den USA anerkannt. Das ist ihr Traum: Später in die USA zu gehen. „Ich war eine relativ gute Schülerin und hatte auch immer hoch gepokert“, sagt sie. „Aber die vergangenen zwei Schuljahre waren schon eine schwierige Zeit. Es kam viel zusammen.“ Nur negative Erfahrungen sammelte aber auch sie nicht. „Ein stückweit hat Homeschooling mir auch den Stress genommen“, sagt Vanessa Drazewski. „Ich habe versucht, einfach weiterzumachen wie in der Schule. Aber man kann sich auch besser Auszeiten einteilen.“ Vermisst hat sie wie so viele ihre Mitschüler und Freunde. „Deshalb bin ich auch so froh, dass es mit unserem Abiball geklappt hat und wir unsere Schulzeit einfach mit einer schönen Zeit abschließen können.“

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