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Die wichtigste Nebensache der Welt

Feuilleton – können Sie das bitte mal buchstabieren? Ein Rückblick auf 75 Jahre SZ-Kulturteil im Spiegel der Zeit.

Schon im Gründungsjahr der Sächsischen Zeitung hieß der Kulturteil „Feuilleton“, hier ein Ausschnitt vom 14. Juni 1946. Die Zeiten waren zum Glück nicht immer nur hart.
Schon im Gründungsjahr der Sächsischen Zeitung hieß der Kulturteil „Feuilleton“, hier ein Ausschnitt vom 14. Juni 1946. Die Zeiten waren zum Glück nicht immer nur hart. © SZ Archiv

Am Anfang war Aristophanes. „Mit scharfem Witz hat der vor unserer Zeitrechnung lebende griechische Dichter die Schwächen seiner Zeitgenossen bekämpft. Leichtgläubigkeit, Wankelmut, Neigung zu Spitzfindigkeiten und Lügen, Vorliebe für kriegerische Prahlhänse und Volksverführer …“ So beginnt der SZ-Kritiker seine Rezension der Komödie „Lysistrata“ an den Städtischen Bühnen in Dresden. Der Text erschien am 20. Mai 1946. Es ist das erste Mal, dass die Kultur-Berichte in der gerade neu gegründeten Zeitung unter dem Titel „Feuilleton“ gedruckt werden. 75 Jahre später wirkt Aristophanes immer noch zeitgemäß.

Als die SZ vor fünf Jahren das Ressort „Kultur“ wieder in „Feuilleton“ umbenannte, gab es einige irritierte Reaktionen. Ob die SZ denn noch eine deutsche Zeitung sei, hieß es spitzfindig. Ein Leserbriefschreiber verstieg sich gar zu der Bemerkung, es reiche nun mit diesen „neumodischen Anglizismen“. Und überhaupt: Können Sie das bitte mal buchstabieren?

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Dabei stammt Feuilleton genauso aus dem Französischen wie die Begriffe Journalismus oder Redakteur – weil Französisch im 18. und 19. Jahrhundert, der ersten Blütezeit der Zeitungen, die europäische Sprache der Gebildeten war. Und „Kultur“ ist, nebenbei bemerkt, auch kein germanisches Wort, sondern stammt aus dem Lateinischen.

Unterhaltsam und belehrend

Allerdings bleibt der Begriff Feuilleton bis heute tatsächlich etwas schillernd – und passt vielleicht gerade deshalb ganz gut. Denn das Feuilleton ist oft eine Mischung aus allen möglichen Themen und Textsorten. Die meisten Wörterbücher definieren es als den „literarischen“, „kulturellen“ und „unterhaltsamen“ Teil einer Zeitung. Gelegentlich findet sich auch das Attribut „belehrend“.

Der französische Ausdruck bedeutet wörtlich übersetzt so viel wie „Beiblättchen“. Die Herkunft geht zurück auf die Zeit der Französischen Revolution, als in einem Pariser Debattenjournal eine Seite mit Buch- und Theaterkritiken beigelegt wurde. Später wanderte dieses Feuilleton in den Hauptteil. Es bekam den Platz auf einem unteren Seitendrittel, abgetrennt mit einem dicken Strich von den wirklich wichtigen Themen aus aller Welt.

Genauso – Kulturelles unterm Strich – sah das Feuilleton in den ersten Jahren der Sächsischen Zeitung aus. Auf der Seite 2, unter den politischen Nachrichten, fanden sich Konzertbesprechungen, Buchkritiken, Kulturmeldungen aller Art, gelegentlich auch Kalendersprüche aus China oder Russland. Auf der Seite daneben, ebenfalls unterm Strich, waren damals oft Fortsetzungsgeschichten zu lesen, in den ersten Ausgaben 1946 zum Beispiel die Erzählung „Der Kauz“.

So diente das Feuilleton in den Nachkriegsjahren auch der geistigen Erbauung in einer Zeit der Trümmer und der Trauer um die Toten. Der Platz unterm Strich erscheint aus heutiger Sicht klein. Aber wenn man bedenkt, dass die ersten Ausgaben der SZ meist insgesamt nur vier Seiten hatten, dann nahm die Kultur damals schon einen ziemlich großen Teil davon ein.

Die Feuilleton-Redaktion der SZ mit Marcus Thielking, Birgit Weise, Johanna Lemke, Birgit Grimm, Christina Wittig-Tausch, Bernd Klempnow (hinten v.li.n.re.) Andy Dallmann, Oliver Reinhard (sitzend, vorn)
Die Feuilleton-Redaktion der SZ mit Marcus Thielking, Birgit Weise, Johanna Lemke, Birgit Grimm, Christina Wittig-Tausch, Bernd Klempnow (hinten v.li.n.re.) Andy Dallmann, Oliver Reinhard (sitzend, vorn) © Ronald Bonß

In der DDR hatte die Kultur, und damit auch die Kulturberichterstattung, einen hohen Stellenwert, nicht zuletzt als Teil der sozialistischen Propaganda. In einem internen Redaktionskonzept aus dem Jahr 1963 heißt es: „Die ,Sächsische Zeitung‘ muss helfen, die kulturellen Bedürfnisse des werktätigen Volkes auf dem höchsten erreichbaren Niveau zu befriedigen, die Verstandes- und Gefühlskräfte der Werktätigen zu bilden, die Verbindung der Künstler mit dem Leben des Volkes zu festigen.“ In dem Papier wird auch auf den „Niedergang der Kultur im Bonner Staat“ verwiesen: „Gerade in der Gegenüberstellung wird deutlich, daß sich nur in der DDR, im Sozialismus also, die deutsche Nationalkultur entwickelt.“

Von dem Titel „Feuilleton“ hatte man sich damals schon verabschiedet, weil er wohl doch einen zu bourgeoisen Klang hatte. Zugleich entstand mit der Wochenend-Beilage „WIR“ ein modernes Produkt, das auf acht Seiten nicht nur Neues über Buch, Bühne und Bildschirm brachte, sondern auch gesellschaftliche Themen – ein Vorläufer für das „Magazin“, das heute jeden Samstag erscheint.

Systemrelevante Kultur

Man kann der SED-Diktatur jedenfalls vieles vorwerfen, aber nicht, dass sie die schönen Künste vernachlässigt hätte. Wie systemrelevant Kultur sein kann, zeigt sich zum Beispiel auch darin, dass das Kulturressort der SZ zu DDR-Zeiten besonders im Fokus der Stasi war. Das beschrieb in den 1990er-Jahren eine Studie unter der Leitung des Sozialhistorikers Ulrich Kluge von der TU Dresden. Mehrfach gab es demnach Anwerbeversuche für Inoffizielle Mitarbeiter vor allem in der Kulturredaktion.

Gelegentlich blitzte die Stasi hier aber auch ab, nicht zuletzt bei den Abteilungsleitern, die sich weigerten, ihre Mitarbeiter zu bespitzeln. Laut der Studie hatte der „VEB Horch und Guck“ weniger die Redaktion an sich im Visier als vielmehr die Kunst- und Kulturszene Dresdens. Über die Journalisten erhoffte sich der Geheimdienst Kontakte in diesen Bereich.

Nach dem Ende der DDR war die Kultur, gerade in Dresden, eine wichtige Konstante in Zeiten radikaler Umbrüche. Von einem Niedergang des Kulturlebens nach Bonner Art kann jedenfalls in den 1990er-Jahren keine Rede sein. Semperoper und Gemäldegalerie blieben wichtige Koordinaten für das kulturelle Selbstverständnis auch der SZ-Leserschaft.

Um die Jahrtausendwende wurde der Kulturteil bewusst etwas bunter und populärer, um sich jüngeren Schichten zu öffnen – und auch solchen, die nicht nur an Hochkultur interessiert sind. Es war die Zeit der „Spaßgesellschaft“, die deutschen Feuilletons liebten Figuren wie Harald Schmidt, der die Kunst des Nonsens’ auf hohem Niveau beherrschte. Man nahm sich selbst und die Nationalkultur nicht mehr ganz so wichtig. Auch die Semperoper bot nun mehr als Wagner und Strauss: Von 2006 an stieg mit dem Semperopernball jährlich ein rauschendes, buntes Fest für Stars und Sternchen.

Da war der Spaß vorbei

Und wieder haben sich die Zeiten geändert. Die Hartz-Reformen von 2002 als Antwort auf hohe Arbeitslosigkeit, 2008 die Finanzkrise, schließlich die Flüchtlingskrise 2015 und der Zulauf für Populisten und Extremisten – da war der Spaß vorbei. Neue Konflikte prägten das Land, nicht zuletzt in Sachsen.

Seit 2016 heißt der Kulturteil der SZ wieder Feuilleton, um deutlich zu machen, dass es hier nicht nur um Kunst, Bühne und Unterhaltung geht, sondern auch um gesellschaftliche Debatten. Die Reihe „Perspektiven“, die zuvor im Politikteil zu finden war, steht seitdem im Feuilleton. Gastbeiträge von Feministinnen oder Öko-Aktivisten finden ebenso ihren Platz wie solche von Kritikern der Flüchtlings- oder Corona-Politik. Aber auch in Interviews oder Streitgesprächen kommen Stimmen zu Wort, die ganz unterschiedliche Meinungen vertreten.

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In der Corona-Krise war die Feuilleton-Redaktion der SZ, anders als in manch anderen Zeitungshäusern, bislang nicht von Kurzarbeit betroffen. In Ermangelung von Konzerten, Theateraufführungen und Ausstellungen gab es noch mehr Porträts, Interviews und Essays. Doch nach einem Jahr Kultur-Lockdown müssen wohl selbst die größten Theatermuffel einsehen: Ein Leben ohne Aristophanes ist möglich, aber sinnlos.

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