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Jubel

Wie aus SZ-Online Sächsische.de wurde

So wuchs aus einer eintönigen Website ein vielfältiges Newsportal der SZ. Zwei Online-Pioniere erinnern sich an den Aufstieg im Schatten des Printprodukts.

2007 bekommt die Seite einen neuen Anstrich und ein eigenes Immobilienportal.
2007 bekommt die Seite einen neuen Anstrich und ein eigenes Immobilienportal. © Screenshot

Es gab weder Google, MySpace oder Wikipedia, dafür Yahoo, AOL und schließlich SZ-Online. Im November 1996 ging die Sächsische Zeitung, die gerade 50 Jahre alt geworden war, ins Internet und startete ihr erstes Online-Angebot. „Aus heutiger Sicht wirkt das Design furchtbar schnarchig und sehr zeitungsnah“, erinnert sich Falk Herrmann, der die Zeitung ins Netz brachte und die Domain sz-online.de sicherte – lange bevor der große süddeutsche Namensvetter auch nur daran gedacht hätte.

Ein Digitalstart, der für Achtungserfolge sorgte: „In der Branche hatte jeder schon mal über eine Online-Plattform gesprochen, doch die meisten haben darüber gelacht. Bei uns gab es den Anspruch an ein stringentes Design ohne grauen Hintergrund und Briefmarkenbildchen.“ Bei der Konkurrenz ließ sich das damals nicht abschauen – dafür war sie viel zu rar gesät.

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Im Herbst 1994 geht Spiegel Online als weltweit erstes Nachrichtenportal an den Start. Im nächsten Jahr folgen deutsche Tageszeitungen. „Für uns gab es keinerlei Vorbilder“, erklärt der studierte Journalist Herrmann, der als Informatiker sein Hobby zum Beruf gemacht hat. Vier Jahre lang entwickelt er die Webseite nach seinen Vorstellungen und fast unbemerkt weiter. Das ändert sich erst, als 2000 das Online-Anzeigen-System ausgerollt wird: „Das hat die Wahrnehmung im Verlag maßgeblich verändert. Auf einmal ließ sich mit unserem Engagement Geld verdienen.“

Silber-Jubiläum: Am 11. November 1996 erblickt SZ-Online das Licht der Welt.
Silber-Jubiläum: Am 11. November 1996 erblickt SZ-Online das Licht der Welt. © Screenshot

Im gleichen Jahr wird die magische Zahl von einer Million Aufrufen durchbrochen. Das Online-Team wächst auf drei Mitarbeiter. Schon damals mit dabei: Onlineredakteur Mirko Jakubowsky, dessen Arbeit sich in den vergangenen 20 Jahren stetig weiterentwickelt hat: „Am Anfang war es etwas eintöniger. Faktisch haben wir nur ein paar Texte aus der Zeitung online gestellt und Bilder dazu rausgesucht.“

Seither ist die Webseite deutlich gewachsen und sein Beruf ein bisschen stressiger geworden. „Aber das ist okay. Heute sind wir ein viel größeres Team und können größere Zeiträume des Tages abdecken.“ Mittlerweile produzieren alle SZ-Journalisten vorrangig fürs Internet. Dahinter steht ein zwölfköpfiges Online-Spezialistenteam.

Einer der ersten Beiträge auf SZ-Online
Einer der ersten Beiträge auf SZ-Online © Screenshot

Anfang 2002 trifft die Sächsische Zeitung eine für damalige Verhältnisse äußerst ungewöhnliche Entscheidung. Sie stellt Artikel hinter eine Bezahlschranke. „Paywall hat das damals noch keiner genannt. Das Wort war noch gar nicht erfunden“, sagt Herrmann. „Ich kenne auch kein deutsches Angebot, das sich das seinerzeit getraut hätte.“ Die Logik dahinter ist simpel: Wieso im Internet etwas verschenken, das auf dem Papier Geld kostet? Die klassischen Abonnement-Modelle, welche Zeitungsverlage selbst erfunden hatten, galt es nun ins Internet zu übertragen.

Im Jahr 2009 gibt es einen großen optischen Relaunch. Im gleichen Jahr beginnt die Eroberung der sozialen Netzwerke – zuerst auf Twitter, ein Jahr später auf dem damals populären StudiVZ. Seit 2014 wird das Onlineangebot direkt aus den Regionalredaktionen bespielt.

2009 gibt es einen großen optischen Relaunch, mit exklusiven Artikeln und Kommentarfunktion.
2009 gibt es einen großen optischen Relaunch, mit exklusiven Artikeln und Kommentarfunktion. © Screenshot

In den vergangenen 25 Jahren hat sich die Webseite grundlegend verändert. 2018 bekam sie nicht nur ein neues Gesicht, sondern auch einen neuen Namen und eine neue Ausrichtung. Auf Sächsische.de gilt nun die Devise „Online first“. Fortan erscheinen immer mehr Artikel zuerst im Internet, bevor sie in die Zeitung kommen. Der Relaunch wird von einem symbolträchtigen Umzug in den neuen Newsroom im Erdgeschoss begleitet – ein offener Raum mit großen Scheiben zur Ostra-Allee und moderner Coffeeshop-Atmosphäre.

Wie schon 1996 wird nicht einfach bei der Konkurrenz abgeschaut, sondern das neue Redaktionssystem im eigenen Haus entwickelt. Die neue Benutzeroberfläche orientiert sich nicht mehr an den Nutzern hinter den Computern, sondern an jenen, die auf dem Smartphone lesen. Bei der Gründung 1996 waren noch Klapphandys der neueste Schrei, doch ließ es sich damals kaum vorstellen, mit diesen Handhelden irgendwann im Internet zu surfen.

Heute wird Sächsische.de hauptsächlich auf Smartphones gelesen, und die meisten Klicks kommen über Facebook oder Google. „Wir müssen da vorkommen, wo sich die Menschen aufhalten“, erklärt Marc Hippler, Head of Digital Storytelling von Sächsische.de und Mitglied der Chefredaktion. Es geht darum, Artikel zum richtigen Zeitpunkt über die richtigen Kanäle an die richtigen Nutzer zu verteilen. „Daran hat sich nichts geändert. Früher mussten wir die Leser mit der gedruckten Ausgabe am Bahnhofskiosk überzeugen. Grundsätzlich sehe ich Facebook heute in der gleichen Funktion“, meint er.

Neuer Name, neues Design, neuer Anspruch: So sieht die Webseite von Sächsische.de heute aus.
Neuer Name, neues Design, neuer Anspruch: So sieht die Webseite von Sächsische.de heute aus. © Screenshot

Das heißt zum Beispiel auch, auf Sprachassistenten zu setzen. „Wir haben mit Podcasts angefangen und sind nun mit Alexa, der Amazon-Anwendung, und auf Google-Geräten zu hören. Ich könnte mir gut vorstellen, bald noch viel mehr mit Audio zu arbeiten“, sagt Hippler. Dafür muss das Haus der Presse nicht zu einem Radiostudio umgebaut werden. Viel wichtiger sei es, authentische Sendungen zu produzieren. Die sind dann sehr viel näher und deutlich lokaler als bei vielen Radiosendern: „Unser großer Vorteil aber ist: Wir sind wirklich vor Ort. Wir sprechen nicht in Berlin über Zittau, sondern wir sind in Zittau, und das ist der entscheidende Unterschied.“

Stück für Stück wächst so eine vielfältige Plattform, die den Leser mit unterschiedlichsten Darstellungsformen durch den Tag begleitet. Schon jetzt werden kontinuierlich personalisierte Push-Mitteilungen verschickt. Der abendliche Newsletter fasst den Tag im eigenen E-Mail-Postfach zusammen. „Wir möchten unsere Leser dort erreichen, wo es ihnen am besten passt: im Auto, unterwegs, daheim, am Küchentisch, auf dem Sofa oder im Bett.“

Das Team der Online-Redaktion: Philipp Siebert, Mirko Jakubowsky, Anja Sohrmann, Marc Hippler, Jens Pabst, Maximilian Helm, Fabian Deicke, Claudia Schade, Henriette Jedicke, Tobias Winzer und Franziska Anders.
Das Team der Online-Redaktion: Philipp Siebert, Mirko Jakubowsky, Anja Sohrmann, Marc Hippler, Jens Pabst, Maximilian Helm, Fabian Deicke, Claudia Schade, Henriette Jedicke, Tobias Winzer und Franziska Anders. © SZ

Durch das Internet ist außerdem ein journalistischer Aspekt stärker in den Mittelpunkt gerückt. „Wir können viel besser auswerten, was unsere Leser interessiert. In Zukunft wollen wir auf die Fragen unserer Leser noch sehr viel konkreter eingehen und den Rückkanal viel stärker ausbauen“, erklärt Hippler.

Eine Einbahnstraße war die Webseite übrigens noch nie. Sehr schnell konnten sich die Leser in einem Gästebuch austauschen. „Das war ein buntes Durcheinander“, sagt Herrmann heute. „Zumindest ganz ohne Hasskommentare. Damals war das Internet noch weitgehend gut.“

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