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Große Oper in der Semperoper wohl ab Mai

Intendant Peter Theiler spricht über zig Szenarien der Wiedereröffnung und wie er trotz Corona das Haus am Laufen hält.

Derzeit wird hier nur geprobt: in der Semperoper mit ihrem Zuschauersaal. Doch bald sollen wieder Vorstellungen stattfinden.
Derzeit wird hier nur geprobt: in der Semperoper mit ihrem Zuschauersaal. Doch bald sollen wieder Vorstellungen stattfinden. © Ronald Bonß

Große Pläne, starker Anfang – dann von Corona jäh ausgebremst. So sieht Peter Theiler seinen Job als Intendant der Semperoper. Trotzdem ist er bekennender Optimist und Kämpfer, ist intellektueller Grübler und lernt dazu. Ein Gespräch mit dem 64-Jährigen über Erwartungen und Enttäuschungen, unangebrachte Häme und Dresdens Attraktivität.

Herr Theiler, wie hält man trotz Corona die Semperoper am Laufen?

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In diesen Zeiten in die Offensive zu gehen, das ist schon eine sportliche Übung, die viel Leidenschaft, aber auch Demut abfordert. Wir planen und planen um. Wie alle sind auch wir von den RKI-Zahlen und der Corona-Schutzverordnung abhängig und können am Anfang der Woche nicht voraussehen, was am Ende der Woche noch gilt. Also machen wir immer neue Pläne – und müssen manches dann wieder verwerfen.

Jeder nicht eingelöste Plan löst Enttäuschungen aus – wie steuern Sie gegen?

Als einer von über 800 Menschen in diesem Betrieb, die alle darauf brennen, wieder zu spielen, kann ich nur für Verständnis werben und Mut machen. So verständlich die unterschiedlichen Meinungen sind, ich bin bereit, jede anzuhören. Und wir proben ja schon lange wieder. Denn wir wollen und müssen unser sängerisches, musikalisches und tänzerisches Niveau unbedingt halten. Wir sind schließlich als Semperoper Dresden eines der ersten Musiktheater und haben mit der Staatskapelle eines der besten Orchester der Welt bei uns.

Wie motivieren Sie sich selbst?

Ich lese viel und gern und versuche ansonsten, möglichst besonnen zu bleiben. Aber das gelingt nicht immer, denn seit einem Jahr fühle ich mich wie in einem Raum ohne feste Wände, in dem man trotzdem unerwartet an Grenzen stößt. Aber mich motivieren immer wieder aufs Neue die Menschen um mich herum und natürlich meine Ideen für die Weiterentwicklung der Semperoper. Die möchte ich umgesetzt sehen. Daran arbeite ich unermüdlich mit meinem Team. Spielpläne, künstlerische Möglichkeiten und Inhalte: Das ist wie ein großes Puzzle, bei dem sich derzeit allerdings keine Schlussteile einfügen lassen.

Der gebürtige Baseler Peter Theiler leitet für vorerst fünf Jahre die Semperoper seit der Saison 2018/2019.
Der gebürtige Baseler Peter Theiler leitet für vorerst fünf Jahre die Semperoper seit der Saison 2018/2019. © Ronald Bonß

Wie sehr zehrt das?

Sehr. Weil unsere Arbeit immer wieder durch die Pandemie ausgebremst wird. Vieles, was das Leben lebenswert macht, was man braucht, um aufzutanken wie soziale Kontakte, Kunsterlebnisse und kulinarische Genüsse, alles ist ja nicht oder nur eingeschränkt möglich. Als neugierige Menschen sind meine Frau und ich immer gern gereist. Auch das geht halt momentan nicht. Ein neues fantastisches Fotobuch zeigt übrigens das derzeit fast menschenleere Venedig – unglaublich angesichts der sonstigen Besuchermassen...

Wie hat sich Ihre Vision von Oper in Dresden durch Corona verändert?

Gar nicht. Ich hatte ja eine relativ lange Vorbereitungszeit, um ein Team zu formen, Spielpläne zu erarbeiten und Leitlinien zu entwickeln. „Gesellschaftliche Relevanz“ ist mein Leitmotiv, verbunden mit weltanschaulichen, religiösen, ethischen und ideologischen Fragen. Entsprechend fanden sich bereits in meiner ersten Spielzeit Werke, die das ganz zentral behandeln, wie „Moses und Aron“ und die „Hugenotten“. Das will ich auch in den folgenden Spielzeiten weitertransportieren. Diese Saison wäre die der starken Frauenfiguren gewesen. Sicher, irgendwann werden wir diese teils fertig produzierten Inszenierungen nachholen. Aber so kann die Programmatik momentan nur „Patchwork“ sein, was ich sehr bedauere. Denn als Intendant an einem Haus mit einem solchen Riesenrepertoire zeigen in erster Linie die Neuproduktionen, welches meine Ziele sind.

Welche Auswirkungen hat diese Patchwork-Arbeit für den Alltag im Haus?

Dieses Umsetzen von Produktionen stellt neue Fragen: Wann sind die von uns gewünschten Topsänger und welche davon wieder frei? Haben die Regisseure, Choreografen und Dirigenten wieder Zeit? Reichen die künstlerischen und die Werkstatt-Kapazitäten, passt es technisch? Stets muss man die Premieren im Umfeld der anderen Stücke sehen, weil so ein täglich spielendes Haus eine gute Balance zwischen großdimensionierten und kleineren Produktionen braucht. Was auch deshalb schwierig ist, weil davon wichtige internationale Koproduktionen wie zum Beispiel die „Butterfly“ mit Tokio betroffen sind.

Sie haben lange Streaming abgelehnt, jetzt doch die „Zauberflöte“ aufgenommen. Wie kam’s zum Sinneswandel?

Ja, ich bevorzuge das Live-Theater, weil es das einmalige Erlebnis bietet, einen Abend voller Emotionen mit 1.300 anderen Besuchern im Saal zu teilen. Wir und die Künstler brauchen diese Interaktion mit dem Publikum. Bis wir aber wieder öffnen können, proben wir, arbeiten wir am Leistungserhalt. Das ist immens wichtig. Unsere Kunst ist extrem vom Training der Fertigkeiten und dem ständigen Zusammenspiel der Künstler abhängig. Die „Zauberflöte“ hatten wir ohnehin vor, mehrfach über Ostern zu spielen – vor getestetem Publikum. Das zerschlug sich. Also haben wir uns zu dem Stream entschlossen, obwohl wir für so aufwendige Aufnahmen, die unserem Haus und unserem Ensemble gerecht werden, eigentlich nicht die Mittel haben. Da ist man schnell bei Kosten von um die 150.000 Euro, Einnahmen aber hat man nicht. Wir hatten dank der Unterstützung unserer Semperoper-Förderstiftung für die Aufzeichnung der „Zauberflöte“ sieben Kameras und einen ganzen Trupp von Experten im Einsatz. Das Ergebnis ist toll gelungen.

Rene Pape brilliert im Stream der "Zauberflöten-Inszenierung der Semperoper als Sarastro.
Rene Pape brilliert im Stream der "Zauberflöten-Inszenierung der Semperoper als Sarastro. © Sächsische Staatsoper Dresden

Andere Häuser streamen regelmäßig und auch sehr gut.

Ja, weil sie teilweise anders finanziell ausgestattet sind, Großsponsoren haben oder sich schon länger in Kurzarbeit befinden, was andere Haushaltskapazitäten freisetzt. Außerdem muss man deutlich relativieren und sich die Besetzungen anschauen. Ob München mit dem „Rosenkavalier“ oder Berlin mit der „Jenufa“, dort waren die Orchester teils erheblich reduziert worden. Wir haben mit der Sächsischen Staatskapelle einen so wunderbaren Klangkörper. Den sollte man nicht teilamputieren. Zumindest haben wir diesen Anspruch. Wir werden hoffentlich im Mai unter den Ersten sein, die wieder große Oper bieten, dank Testung aller Beteiligten im 48-Stunden-Takt. Christian Thielemann wird das Strauss-Meisterwerk „Capriccio“ dann in originaler, voller Besetzung dirigieren.

Unlängst versuchten Musiker der Staatskapelle, ihr Recht auf Arbeit einzuklagen. Wie gehen Sie mit den Disharmonien in Ihrem Haus um?

Ich akzeptiere grundsätzlich unterschiedliche Auffassungen. Jedem Menschen steht es zu, im Zweifel die Gerichte anzurufen. Und ein Künstler will und soll seine Kunst ausüben. Das ist nachvollziehbar. In diesem Fall haben die Gerichte den Musikern nicht Recht gegeben, sondern die Haltung der Geschäftsführung bestätigt. Verwaltungsrecht folgt anderen Argumenten als persönlichen Empfindungen. Das ist nun kein Grund für unangebrachte Häme, und ich bin sicher, dass uns dies in unserer künftigen Zusammenarbeit nicht beeinträchtigen wird. Wir blicken voraus auf die schönen Projekte, die wir vor uns haben und für die wir gemeinsam unsere ganze Kraft, unser ganzes Können brauchen.

Will im Mai das Meisterwerk "Capriccio" von Richard Strauss in der Semperoper aufführen: Staatskapellen-Chefdirigent Christian Thielemann.
Will im Mai das Meisterwerk "Capriccio" von Richard Strauss in der Semperoper aufführen: Staatskapellen-Chefdirigent Christian Thielemann. © Matthias Creutzige

Sie verhandeln mit dem Land um eine Vertragsverlängerung. Wirklich noch Lust auf weitere Jahre, angesichts vieler Unsicherheiten zu Normalbetrieb und sicher drohenden Etat-Kürzungen?

Ich bin Optimist und sehe die Perspektiven. Jetzt nimmt das Impfen an Fahrt auf, und von Etatkürzungen ist derzeit nichts bekannt. Im Gegenteil, der Freistaat steht uns in dieser schwierigen Zeit sehr bei. Ich bin überzeugt, dass wir im Spätsommer eine normale Spielzeit vor noch nicht ganz vollem Haus starten können, und ich habe große Lust darauf, dann fortzusetzen, was jetzt unterbrochen worden ist.

Sie leben seit 2017 in Dresden. Wie hat sich Ihr Blick auf die Stadt verändert?

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Meine Frau und ich fühlen uns hier sehr zu Hause. Wir haben Dresden von Anfang an als eine positive Herausforderung betrachtet und uns ganz auf die Stadt eingelassen. Wir wohnen sehr schön, wir sind von der Natur begeistert, und wir haben Sachsen lieben gelernt. Der Dresdner ist ja sehr gesprächig und mitteilsam, das passt gut zu meinem Naturell. Ich kann nur wiederholen, wie schön es hier ist und wie großherzig die Menschen sind. Und nehmen Sie die kulturellen Angebote allein von Bühnen und Museen. Da hat das vergleichsweise kleine Dresden die Quantität und Qualität einer Millionenstadt zu bieten.


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