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72-Jähriger schwimmt täglich in der Elbe

Der Meißner Eberhard Wolf schwimmt jeden Tag mehrere Kilometer durch die Elbe. Ein Hobby, das für ungläubige Blicke sorgt - auch bei der Wasserschutzpolizei.

Meistens schwimmt Eberhard Wolf sogar mehrmals täglich in der Elbe.
Meistens schwimmt Eberhard Wolf sogar mehrmals täglich in der Elbe. © Claudia Hübschmann

Mit sechs Jahren steht Eberhard Wolf mit den Füßen in der Elbe, blickt sehnsüchtig zum anderen Ufer; irgendwann möchte er da rüber schwimmen können. Damals ist er noch zu klein, kleiner als der Elbpegel, um genau zu sein und zu DDR-Zeiten steigt Wolf auch nicht in die Elbe. Er muss erst 56 Jahre alt werden, um die Leidenschaft zu entdecken, die schon immer in ihm schlummerte.

Sein neues Hobby entdeckte Wolf 2005 bei einer Elbüberquerung, abgesichert durchs DRK. Seitdem haben ihn die Fluten in seinen Bann gezogen. Der Gang flussaufwärts auf dem Elberadweg ist zur täglichen Routine geworden, meistens geht er sogar mehrmals täglich los: rotes T-Shirt, weiße Bademütze und ein Paar Wasserschuhe in der Hand. Eine Montur, die neugierige Blicke und die immer gleiche Diskussion anzieht:

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"Die meisten denken, die Elbe ist schmutzig, aber das stimmt nicht", sagt Wolf. Das Bild von der schmutzigen Elbe habe sich aus DDR-Zeiten bis heute gehalten: "Damals wurde wirklich noch aller möglicher Schund in die Elbe geleitet." Mit dem Bau von Kläranlagen und dem Wegfall veralteter Industrieanlagen hat sich die Wasserqualität der Elbe, im Abschnitt von Dresden-Pillnitz bis Meißen, nach der Wende deutlich verbessert.

Kaum zu glauben, aber so klar kann Elbwasser sein.
Kaum zu glauben, aber so klar kann Elbwasser sein. © Claudia Hübschmann

Wolf hat sogar ein Einmachglas mit Wasser aus der Elbe mitgebracht und lässt es sich zum Beweis über seine Hände laufen: Kristallklar. Abgesehen von kleinen braunen Schwebstoffen, hätte genauso gut aus dem Wasserhahn kommen können. Doch klares Wasser ist kein verlässlicher Indikator. Eine vierjährige Studie der TU Dresden konnte an Sommertagen 70 Kilogramm an Mikroschadstoffen in der Elbe nachweisen – die Hälfte davon waren Medikamente. Wolf habe das nicht geschadet, wie er in verschiedensten Selbstversuchen herausfand: "Ich hab vor kurzem einen Schluck Elbwasser in den Mund bekommen – der ist auch richtig heruntergegangen. Aber passiert ist nichts, auch nicht auf der Haut." Beim Brombeeren pflücken hat er sich einmal beide Beine aufgerissen. Statt zu warten, bis die Wunden abheilten, geht Wolf extra baden – selbst mit den offenen Wunden habe das Elbwasser nicht reagiert.

Schuhe stecken in der Badehose

Von Mai bis September schwimmt teilweise mehrfach täglich ein kleiner weißer Kopf die Elbe entlang, vorbei an den großen Felsen, dann an den Weinbergen: "Das fühlt sich jedes Mal an wie Urlaub, vor allem in den ruhigen Morgenstunden, wenn die Natur langsam erwacht."

Sobald das Wasser eine Temperatur von 14 Grad unterschreitet, geht Wolf in die Winterpause. Schon an diesem sonnigen Augustmittag - an dem sich die Elbe so breit wie selten verläuft - hat das Wasser bereits eine unkomfortable Temperatur von 20,3 Grad erreicht: "Das ist für mich schon ein bisschen kalt, ich bin eben eine kleine Frostbeule", sagt Wolf, der wenige Minuten später durchs schlammig, schmatzende Flussbett watet und dann ohne mit der Wimper zu zucken in die kalte Elbe steigt.

Sein Schwimmspaziergang startet immer in seinem Kleingarten am Meißner Stadtrand, dort legt er sich ein Handtuch zurecht und läuft dann drei bis fünf Kilometer den Elberadweg stromaufwärts: "Wenn die Sonne richtig knallt, reichen auch mal nur zwei Kilometer und ich starte von Sörnewitz aus." Mit dabei hat er nur das Nötigste, schließlich muss er alles die Elbe auch wieder nach unten transportieren. Aquaschuhe sind trotzdem unverzichtbar – sonst würde er sich im Wasser die Füße aufreißen. Doch für den Radweg unbrauchbar weshalb er immer ein zweites Paar Schlappen dabeihat. Damit Wolf die Schuhe beim Schwimmen nicht verliert, steckt er sie sich in die Badehose.

Unachtsamkeit kann tödlich sein

Viele könnten seine Begeisterung fürs Elbschwimmen zumindest nachvollziehen. Mitschwimmer findet Wolf nur selten, vielen sei es einfach zu gefährlich. "Aber was ist schon gefährlich?", wiederholt Wolf immer wieder, wenn er auf das Thema angesprochen wird, schließlich gebe es auf dem idyllischen Abschnitt zwischen Kötitz und Meißen weder Brücken noch Strudel. Trotzdem darf nicht vergessen werden, dass die Elbe eigentlich ein Schiffsgewässer ist: Unachtsamkeit kann da tödlich enden.

Die Tatsache, dass hier nicht die gesamte weiße Flotte durchfährt, mache das Baden eigentlich noch viel gefährlicher als in Dresden, weil man sich schnell in einer trügerischen Sicherheit wiegen kann: "Meine größte Angst ist immer, dass ich es verpasse rechtzeitig zurückzuschauen und von hinten kommt ein Motorboot und sieht dich nicht", sagt Wolf. "Das heißt, du musst ständig nach hinten schauen." Treibgut kommt dem 72-Jährigen nicht in die Quere, schließlich schwimme er schneller als die Strömung.

Damit er nicht zu weit schwimmt, hat sich Eberhard Wolf seine Ausstiegsstelle markiert.
Damit er nicht zu weit schwimmt, hat sich Eberhard Wolf seine Ausstiegsstelle markiert. © Claudia Hübschmann

Sein ungewöhnliches Hobby wird auch von der Wasserschutzpolizei kritisch beäugt. Die hat ihn schon zweimal gestoppt, auf die Gefahren aufmerksam gemacht, ihm zugutegehalten, dass er eine auffällige weiße Mütze trägt und ihn weiter schwimmen lassen.

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Lange hat Wolf nach einer idealen Ausstiegsstelle gesucht und schließlich eine gefunden, die sich dadurch auszeichnet, dass die vielen Steine auf dem Grund ein bequemes Rauskommen aus der Elbe ermöglichen. Seitdem hält er sie sauber und frei von Hundekot und Brennnesseln – solange sie nicht vom Hochwasser überspült wird: "Ich bin vor kurzem ein bisschen abgetrieben und auf einmal hat alles angefangen zu brennen." Schuld ist ein Riesenstrauch Brennnesseln, der sich ein paar Tage davor noch auf dem Festland befand. Eine gute Bilanz, wenn nach 16 Jahren Elbschwimmen nichts Schlimmeres passiert ist.

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