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Görlitz

Die Welt der Neiße im Kaisertrutz

Noch nie wurde das Leben an diesem Fluss so intensiv beleuchtet wie in der neuen Ausstellung. Sie ist Teil eines Vorhabens, das bald bei Senckenberg weitergeht.

Der Historiker Jan Bergmann-Ahlswede (li.) und Museumsdirektor Jasper von Richthofen in der Ausstellung "Abenteuer Neiße – Geschichten am Fluss" , die ab sofort im Görlitzer Kaisertrutz zu sehen ist.
Der Historiker Jan Bergmann-Ahlswede (li.) und Museumsdirektor Jasper von Richthofen in der Ausstellung "Abenteuer Neiße – Geschichten am Fluss" , die ab sofort im Görlitzer Kaisertrutz zu sehen ist. © Nikolai Schmidt

Was muss die Neiße früher für ein Naturerlebnis gewesen sein! Noch weit mehr, als sie es heute bietet. Besonders zwischen Hirschfelde und Zittau mäanderte der Fluss noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts in Schlingen und Windungen durch die Landschaft, wie man es sich kaum noch vorstellen kann. 

Die neue Sonderausstellung im Görlitzer Kaisertrutz "Abenteuer Neiße – Geschichten am Fluss" erzählt unter anderem davon. Zahlreiche Karten – historische wie neue, extra angefertigte – geben über den früheren Verlauf der Lausitzer Neiße im Vergleich zum heutigen Aufschluss: zwischen der Quelle in Nová Ves (Neudorf) bei Jablonec nad Nisou in Tschechien und der Mündung in die Oder hinter Guben in Brandenburg. Zeichnungen und Stiche aus dem 18. Jahrhundert vermitteln einen Eindruck von der natürlichen Flusslandschaft, zum Beispiel unterhalb des Görlitzer Weinbergs.

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Propaganda: So wollten die DDR und Polen die Grenze zu sozialistischen Zeiten sehen. © Nikolai Schmidt

Neiße wurde begradigt

Fotos aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts zeigen dann, wie damals Dampflok und Bagger zum Einsatz kamen, um die Neiße zu begradigen und den gewundenen Fluss berechenbar und für die moderne Welt nutzbar zu machen. In Ostritz wurde sogar ein Stück des Flusses abgetrennt, damit das Wasser westlich der Schienen fließen konnte und man keine zusätzlichen Brücken bauen musste. Würde die Neiße heute noch ihrem ursprünglichen Verlauf folgen, läge der Bahnhof auf deutscher Seite.

Die Ausstellung im Kaisertrutz beschäftigt sich aber mit weitaus mehr als nur der Gestalt der Neiße. Sie macht erlebbar, dass der Fluss seit der Steinzeit von Menschen genutzt wurde und gute Gründe dafür bot, sich hier anzusiedeln. In Deschka wurden Ende des 19. Jahrhunderts Tonscherben gefunden, die auf eine frühe Besiedelung hinweisen. Schon vor 3.000 Jahren haben Menschen an der Neiße gelebt. 

Wertvolle Perlen und slawische Boote

Eine blaue Glasperle aus Mesopotamien, die bei Jänkendorf gefunden wurde, zeugt davon, dass schon 1200 vor Christus Handel zwischen Ostsee und Orient getrieben wurde. "Die Flussauen waren damals die einzigen offenen Landschaften inmitten dichten Waldes in Europa", sagt Museumsdirektor Jasper von Richthofen, der den archäologischen Teil der Ausstellung vorbereitet hat. "Damals wurde in beide Richtungen an Oder und Neiße Glas und Bernstein gehandelt." 

Schon vor 100 Jahren wurde an der Neiße Wassersport getrieben. Der gelbe Kanadier aus den 1920er Jahren wurde vom NSV Gelb-Weiß Görlitz saniert und dient den Kanusportlern heute als Spiel- und Paddelboot.
Schon vor 100 Jahren wurde an der Neiße Wassersport getrieben. Der gelbe Kanadier aus den 1920er Jahren wurde vom NSV Gelb-Weiß Görlitz saniert und dient den Kanusportlern heute als Spiel- und Paddelboot. © Nikolai Schmidt

Der Nachbau eines slawischen Einbaums, in den man sich auch hineinsetzen kann, ist ein Beispiel dafür, wie sich Menschen im frühen Mittelalter auf dem Fluss bewegten und darauf Waren transportierten. Auch vom Landesausbau im Mittelalter, auf den die Entstehung der meisten Oberlausitzer Dörfer zurückgeht, wird erzählt und von den Rechten, die Klöster und Rittergüter an der Neiße hatten. "Als Grenze kennen die Menschen den Fluss ja erst seit 1945", sagt der Historiker Jan Bergmann-Ahlswede, der aus Markersdorf stammt und die Ausstellung als Projektkoordinator zusammen mit dem Museumsteam entwickelt hat.

Fischerei, Tuche und Fabriken

Bis der Fluss zwei Staaten trennte, gab er den Menschen vor allem Wasser, Fische und als Energielieferant beste Voraussetzungen für Fabrikgründungen. So sind einige Fischereigeräte ausgestellt. Eine Hammerwalke aus dem 19. Jahrhundert ist zu sehen, die einst in der Nähe der Görlitzer Vierradenmühle zur Tuchveredelung diente. Per Wasserkraft angetrieben, konnte man damit Tuche reinigen, filzen und verdichten. 

Die Kunstmühle Ludwigsdorf hat einige Gegenstände zur Verfügung gestellt, die vom regen Mühlenbetrieb an der Neiße zeugen. Und ein Bild von um 1900 zeigt die Stadt Forst mit zahlreichen Schornsteinen als Beispiel für eine aufstrebende Fabrikstadt am Fluss. Kurz vor Guben wurde auf der Neiße sogar Schifffahrt betrieben. Der Hafen, den man dort anlegte, wurde jedoch kaum noch genutzt, da der Ausbau der Eisenbahn schnell voranschritt. 

Flutgeschichten

Zu den "Geschichten", die sich Menschen vieler Generationen als Abenteuer an der Neiße erlebt haben, gehören die großen Hochwasser, bei denen oft Nebengewässer schwere Zerstörungen anrichteten. Dazu gibt es Zeichnungen, auf denen Menschen um ihr Leben schwimmen, frühe Fotos von Leuten in Anzügen und hochgekrempelten Hosen auf den Straßen und Bezüge zu den jüngeren Überschwemmungen, vor allem 2010.

"Abenteuer Neiße – Geschichten am Fluss" ist als Wanderausstellung gedacht, die an allen Orten entlang der Neiße, sogar im Freien gezeigt werden kann. Im Görlitzer Kaisertrutz ist sie als Teil eines größeren Interreg-Projekts bis zum 22. November dieses Jahres zu sehen.

Und auch das ist in der Ausstellung zu sehen: Das Hamburger Magazin "Spiegel" widmete der Oder-Neiße-Grenze eine Titelgeschichte.
Und auch das ist in der Ausstellung zu sehen: Das Hamburger Magazin "Spiegel" widmete der Oder-Neiße-Grenze eine Titelgeschichte. © Nikolai Schmidt

Flug durch 2.000 Jahre

Sobald auch die zum gleichen Thema gehörende Ausstellung "Abenteuer Neiße – Leben am Fluss" im Senckenberg Museum für Naturkunde zu sehen ist, soll es auch einen Film geben, der einen Flug in 3D über die Neiße simuliert: im Jahr null, als Wald die Landschaft prägte, um 1550, als die Städte schon erblüht waren, um 1900, zur Zeit der Industrialisierung, und heute. Die Ausstellung bei Senckenberg eröffnet voraussichtlich im Juni.

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