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Zittau

Protest von Zittau bis Oppach

Der 1. Mai ist traditionell der Tag, um auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren. Daran ändert auch Corona nichts. Nicht alle Demonstranten blieben friedlich.

Wie diese Familie fanden sich Hunderte am Freitagvormittag zum stillen Protest an der B 96 von Zittau bis Oppach ein.
Wie diese Familie fanden sich Hunderte am Freitagvormittag zum stillen Protest an der B 96 von Zittau bis Oppach ein. © Rafael Sampedro

Frank Hamann hat kaum zwei Minuten gesprochen, da gibt es plötzlich Geschrei und Gerangel. Ein Mann, der sich offensichtlich zum linken Lager zählt, versucht die Kundgebung der Alternative für Deutschland (AfD) auf dem Zittauer Markt am Freitagmittag zu stören. 

Die Regionalgruppe Zittau hat die Kundgebung angemeldet  - und eine Genehmigung für eine Versammlung unter freiem Himmel mit 15 Teilnehmern erhalten, wie Hamann erklärt. Unter Berücksichtigung von Hygieneauflagen. Das heißt, die Redner müssen Mundschutz tragen, die Zuhörer Abstand halten, es muss Desinfektionsmittel bereitstehen. Auf eine halbe Stunde ist die Veranstaltung begrenzt. 

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Wippel, Kumpf und Chrupalla zu Gast

Eine Stunde zuvor hat sich die Linke ein paar hundert Meter weiter auf der Neustadt versammelt und ebenfalls zu einer Kundgebung aufgerufen. Anders als bei der AfD-Versammlung gab es dort keine Zwischenfälle. Auch da hat der Störenfried schon eine DDR-Fahne geschwungen. 

Die bringt er auch auf den Marktplatz mit. Er brüllt rum, attackiert scheinbar grundlos einen älteren Mann mit Fahrrad, der sich die Kundgebung anhört. Der stürzt, andere stürmen hinzu, das Handgemenge ist perfekt. Ehe die Polizisten, die die Kundgebung absichern, an Ort und Stelle sind, hat sich die Lage schon halbwegs geklärt. Sie nehmen den Störer beiseite und führen ihn um die Rathausecke. Verstärkung wird angefordert. Die naht mit einem zweiten Streifenwagen. Der Mann bekommt die Fahne abgenommen und pöbelt unter Aufsicht der Polizisten um die Ecke weiter. 

Die AfD-Prominenz des Landkreises hat sich unters Publikum gemischt: Landtagsabgeordneter Mario Kumpf ist mit Frau und Kind gekommen, Sebastian Wippel aus Görlitz ist da und Bundestagsabgeordneter Tino Chrupalla hat einen Redebeitrag. 

Gerade, als Veranstaltungsleiter Frank Hamann die Demo beenden und mit den Besuchern die Nationalhymne anstimmen will, erneut ein Zwischenfall: Ein Autofahrer fährt laut und ausdauernd hupend über den Markt, sodass man Hamann nicht mehr versteht. Ein Kundgebungsteilnehmer hackt ihm gegen den Wagen, wieder muss die Polizei eingreifen. 

So liefen die Demos in Zittau am 1. Mai:

Abgesehen von den beiden kleinen Zwischenfällen bei der AfD-Kundgebung, fordern die Redner beider Parteien in etwa dasselbe: keine Impfpflicht, echte Hilfe für Bürger und Wirtschaft, weniger Einschränkungen. "Wir müssen die Freiheit, die wir uns 1989 erkämpft haben, verteidigen", fasst einer der AfD-Redner zusammen. Was beide ebenso kritisieren: Zittaus Politik zur Durchführung des Wochenmarktes. Durch die weit auseinandergezogenen Stände würden die Leute doppelt so lange durch die Stadt laufen, kritisiert Gemüsehändler und Linken-Stadtrat Michael Schostek. "Und dann gehen sie noch in den Discounter." Das würde alles keinen Sinn machen, die Menschen wären dadurch viel mehr Ansteckungsgefahren ausgesetzt. Und vielen vergehe die Freude am Wochenmarkt. Das wiederum tut den Händlern Abbruch. "Andere Städte kriegen es doch auch hin, Löbau zum Beispiel", so Schostek. Auch Stadtrat Jörg Domsgen von der AfD sagt: "So macht das keinen Spaß mehr, Einkaufen zu gehen." Der Schutz der Menschen sei richtig und wichtig, aber es dürften nicht die einfachsten Dinge des Lebens derart eingeschränkt werden.

Einwohner protestieren entlang der B 96

Während die Redner in der Zittauer Innenstadt an diesem 1. Mai ihren Protest gegen die scharfen Corona-Regeln und Einschränkungen mit Mikrofon und Megafon äußern, tun es viele hundert Menschen entlang der Bundesstraße 96 still. Sie waren dem Aufruf gefolgt, eine Menschenkette entlang der B 96 zu bilden von Zittau bis Sassnitz auf Rügen. Auf dem Gehweg und zum allergrößten Teil mit vorgeschriebenem Mindestabstand hatten sich tatsächlich in allen Gemeinden entlang der Bundesstraße von Zittau bis Oppach Einwohner zu diesem stillen Protest eingefunden. Teils kamen sie mit Kind und Kegel, teilweise mit Plakaten, manche mit einem Klappstuhl und viele mit einem Bier in der Hand. Sie nutzten die Gelegenheit auch zum Plausch mit den Nachbarn. 

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