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Cremen und duschen ohne schädliche Stoffe

Zwar boomt Naturkosmetik, doch nicht alles, was sich „natürlich“ nennt, ist es auch. Teil 4 unserer Serie "Klima retten, wie geht das?"

Marcus Kampe aus Dresden: "Seit vier Jahren waschen und duschen wir uns nur noch mit Bioseife – vor allem, um Verpackungsmüll und Mikroplastik in den Gewässern zu verhindern. Meine Kinder waschen sich damit auch ihre Haare, und ich rasiere mich damit."
Marcus Kampe aus Dresden: "Seit vier Jahren waschen und duschen wir uns nur noch mit Bioseife – vor allem, um Verpackungsmüll und Mikroplastik in den Gewässern zu verhindern. Meine Kinder waschen sich damit auch ihre Haare, und ich rasiere mich damit." © Jürgen Lösel

Herkömmliche Pflege- und Kosmetikprodukte stecken oft voller Schadstoffe: Paraffine im Lipgloss, Silikone in der Creme, Allergien auslösende Duftstoffe in der Lotion, Formaldehyd im Duschgel, Mikroplastik im Shampoo oder das Leichtmetall Aluminium im Deo. Vor allem Mikroplastik kommt zunehmend in Verruf. „Es findet sich in Ausspül-Ware wie Shampoos ebenso wie in Auftrag-Ware wie Cremes, Peelings oder Kosmetik“, sagt Viola Wohlgemuth von Greenpeace Deutschland. Festes wie auch flüssiges Mikroplastik sorgt dafür, dass das Peeling rubbelt, das Shampoo fließt, die Creme UV-beständig ist. Das Problem: Rund 330.000 Tonnen primäres Mikroplastik kommen allein in Deutschland jährlich aus diversen Quellen in die Umwelt. Das entspricht etwa vier Kilogramm pro Person, schätzt das Fraunhofer Umsicht Institut. Ein nicht geringer Teil davon stammt aus Pflegeprodukten.

Hersteller setzen darüber hinaus speziell in Kosmetik- und Körperpflegeprodukten jede Menge flüssige, gelöste, wachs- oder gelartige synthetischer Polymere ein: Die Liste der Internationalen Nomenklatur für kosmetische Inhaltsstoffe (INCI) umfasst zwischen 16.000 und 21.000 Stoffe.

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Kläranlagen filtern die Partikel und flüssigen Plastik-Polymere kaum heraus. Sie landen in Flüssen und im Meer sowie über Klärschlamm auf dem Acker – „und über Fische und Nahrungsmittel in unseren Körpern“, sagt Wohlgemuth. Denn: „Mikroplastik in Kosmetik und Drogerieprodukten ist bei uns, anders als etwa in Großbritannien, leider nicht verboten.“ Auch deswegen müsse die Bundesregierung „diese leicht vermeidbaren und oftmals bewusst hingenommenen Einträge in die Umwelt verbieten“.

Angesichts dieser Missstände ist es kein Wunder, dass Naturkosmetik boomt: 1,4 Milliarden Euro gaben die Deutschen 2019 für Naturkosmetik und -pflegeprodukte aus, neun Prozent mehr als im Vorjahr. Naturkosmetik kommt damit auf einen Marktanteil von zehn Prozent. An diesem Boom wollen immer mehr Unternehmen teilhaben. Sie haben erkannt, dass Plastik und Schadstoffe im Produkt nicht gut beim Verbraucher ankommen.

„Natürlich“ ist nicht immer grün und harmlos

Und sie werben massiv für die neuen Produkte: Manche Hersteller gaukeln Käufern mit fantasievollen „grünen“ Slogans oder Bildern auf Tuben und Flaschen Natur vor. Andere greifen zum „Ohne“-Trick: Sie betonen, was in ihren Produkten nicht enthalten ist – etwa Duft- und Konservierungsstoffe – und setzen auf pflanzliche Stoffe. Allerdings schreibt kein Gesetz vor, wie viel davon eine Creme oder ein Shampoo enthalten muss, um „natürlich“ zu sein. Denn Naturkosmetik ist kein geschützter Begriff. Die Folge: Auch Produkte mit dem Wort „Natur“ im Namen können Duft- und Konservierungsstoffe enthalten.

Dass „natürlich“ und „pflanzlich“ nicht immer grün und harmlos ist, hat auch Sabine Holzäpfel von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg beobachtet. „Auch in diesem Bereich kann es Allergien geben.“ Hinzu kommt, dass etliche Hersteller mit Nachhaltigkeit werben, sich aber nicht unabhängig prüfen lassen. Auch deswegen fordert Holzäpfel „ein gesetzlich festgelegtes Kennzeichen mit verbindlichen Kriterien“ – ähnlich dem EU-Bio-Siegel bei Lebensmitteln. Solange dies nicht der Fall ist, haben Verbraucher zwei Möglichkeiten: sich an seriösen Siegeln und Labeln sowie alternativen Verpackungen orientieren oder ihre Pflegeprodukte selbst herstellen.

Es gibt ein paar Siegel, bei denen sich Verbraucher nach Angaben des Rats für Nachhaltige Entwicklung durchaus sicher sein können, dass es sich um Naturkosmetik handelt. Dazu zählt:

Kontrollierte Naturkosmetik:

© BDIH

Das Siegel zeichnet tierversuchsfreie Naturkosmetika ohne synthetische Farb-, Duft- und naturfremde Konservierungsstoffe aus. Vergeben wird es vom Bundesverband der Industrie- und Handelsunternehmen für Arzneimittel, Reformwaren, Nahrungsergänzungsmittel und kosmetische Mittel, kurz BDIH. Die pflanzlichen Rohstoffen stammen so weit wie möglich aus kontrolliert biologischem Anbau. Neben natürlichen sind auch naturidentische Konservierungsmittel erlaubt, sie müssen aber gekennzeichnet sein. 

www.bdih.de

Fairtrade-Siegel:

© Fairtrade

Es wird nur an Kosmetik vergeben, deren Inhaltsstoffe als Fairtrade-Rohstoffe von der Organisation zertifiziert wurden. 

www.fairtrade-deutschland.de

Ecocert-Label

Beim Ecocert-Label müssen die Inhaltsstoffe aus erneuerbaren Ressourcen gewonnen und durch umweltschonende Verfahrenstechniken hergestellt werden. Mindestens 95 Prozent aller Inhaltsstoffe sind natürlichen Ursprungs. 

www.ecocert-imo.ch

NaTrue:

© NaTrue

NaTrue ist ein internationaler Standard. Das Siegel gibt es in drei Varianten: für Naturkosmetik (muss nicht Bio sein), für Naturkosmetik mit mindestens 70 Prozent Bio-Anteil und für Biokosmetik (mindestens 95 Prozent Bio). Künstliche Inhaltsstoffe wie synthetische Duft- oder Farbstoffe und Inhaltsstoffe aus der Erdölchemie sind verboten. Die mit dem Demeter-Label ausgelobte Kosmetik muss mindestens 90 Prozent Demeter-Rohstoffe enthalten. Das schließt Nanopartikel, Mineralöle und Gentechnik aus. 

www.natrue.org

Allerdings können auch einige Inhaltsstoffe von echter Naturkosmetik Allergien auslösen. Die meisten Unverträglichkeiten gibt es gegen natürliche Substanzen.

Hinzu kommt, dass Naturkosmetik nicht automatisch vegan ist. Sie kann laut Verbraucher Initiative Rohstoffe von lebenden Tieren enthalten, etwa abgetötete Cochenille-Läuse sowie Seidenraupen. Vegan ist das Produkt jedoch, wenn das Europäische V-Label und der Zusatz „vegan“ drauf sind. Auch das Label Veganblume oder das Zeichen „Vegan Neuform Qualität“ zeichnet entsprechende Kosmetikprodukte aus.

Auch die Naturkosmetikbranche hat der Plastikflut den Kampf angesagt – zum Beispiel mit Zahnpasta als Tabs oder Pulver, Haarseifen, festen Shampoos. „Durch Shampoo & Co. entsteht unglaublich viel Plastik- und Verpackungsmüll“, sagt Greenpeace-Expertin Viola Wohlgemuth. „13 Prozent unseres Treibhausgas-Budgets verbrauchen wir allein durch die Herstellung von Plastik.“ Sie rät zum Kauf in Unverpackt-Läden; 14 davon gibt es in Sachsen. Auch in herkömmlichen Drogerien setzen einzelne Marken wie Frosch oder Handelsketten wie dm bei Kosmetik und Pflegeprodukten schon auf Rezyklat in der Verpackung. Das sei allerdings „noch viel zu wenig“, findet Wohlgemuth. Sie fordert: Hersteller müssten gesetzlich verpflichtet werden, Rezyklat einzusetzen. Außerdem müsse Mehrweg steuerlich gefördert werden – „und Kunden brauchen mehr Möglichkeiten, unverpackt einzukaufen“.

Eine Greenpeace-Karte zeigt, wo man unverpackt einkaufen kann

Was steckt in Kosmetik?

  • Kosmetika können Stoffe enthalten, die der Gesundheit und der Umwelt schaden. Welche, das zeigt die App ToxFox des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) oder die App Codecheck. Einfach Barcode scannen und Infos bekommen.
  • In ToxFox sind laut BUND mehr als 80.000 Körperpflegeprodukte und darin enthaltene Schadstoffe hinterlegt.
  • Codecheck beurteilt nach eigenen Angaben Kosmetika und Lebensmittel auf Basis unabhängiger Expertise – unter anderem von Greenpeace, WWF, Food Standard Agency, Verbraucher Initiative sowie BUND.
  • Die EU-Datenbank für kosmetische Inhaltsstoffe „CosIng“ verzeichnet über 28.000 Stoffe.

Drei Peelings zum Selbermachen:

  • Kaffeesatz kann als Peeling für die Haut verwendet werden – pur oder mit etwas Honig, Zucker oder Olivenöl. Den Mix in feuchte Gesichtshaut massieren, mit lauwarmem Wasser abspülen. Das Koffein soll die Durchblutung anregen und die Haut rosiger und etwas straffer wirken lassen. Zugefügtes Öl macht sie zart und geschmeidig.
  • Für raue Hautpartien wie Ellbogen und Knie kann man als Peeling auch Meersalz mit Olivenöl oder Milch mischen. Salz aber nie im Gesicht verwenden: Die Kristalle sind zu scharfkantig.
  • Zuckerpeeling mischt man aus zwei Esslöffeln feinem Rohrzucker, der mit etwas Sonnenblumenöl und einem Teelöffel Honig vermengt wird. (mh)

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