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Neue Schweinepest-Regel: Jäger sind sauer

Zur Bekämpfung der Seuche gibt es vom Freistaat neue Auflagen, die das Schweine-Schießen unattraktiver machen. Dabei ist das gerade jetzt so wichtig.

Jetzt haben die Wildschweine Nachwuchs. Bachen mit Frischlingen dürfen Jäger deshalb ohnehin nicht schießen.
Jetzt haben die Wildschweine Nachwuchs. Bachen mit Frischlingen dürfen Jäger deshalb ohnehin nicht schießen. © Arvid Müller (Archiv)

Würden Sie ein Wildschwein jagen, wenn sie dann mehrere Proben verschicken und die nicht genutzten Bestandteile des Kadavers kilometerweit zum Entsorgen bringen müssten? Und warum überhaupt sollte man das tun, wenn Wildschweinfleisch mangels geöffneter Gaststätten kaum Abnehmer findet und der Preis pro Kilo zum Teil bei knapp einem Euro rumdümpelt? Den Jägern im Landkreis Görlitz ist die Lust auf die Schwarzkitteljagd jedenfalls vergangen - und Landrat Bernd Lange auch.

Beim Thema Afrikanische Schweinepest (ASP) bewölkt sich die Stirn des Christdemokraten und seine Stimme wird scharf. Denn ein rascheres und beherzteres Handeln hat er vom Freistaat im vergangenen Herbst immer wieder gefordert - als andere Bundesländer längst Schutzzäune errichteten. Der Schutzzaun steht nun und funktioniert auch. Die Schweinepest kommt aber trotzdem näher - zuletzt bis auf zehn Kilometer an die Grenze. Das ist auch der Grund für die neue Allgemeinverfügung, die seit Mitte April gilt. Die ist in den Augen von Bernd Lange und der Jägerschaft im Landkreis jedoch vor allem eines: eine Sauerei. Und deshalb hat Lange die Rücknahme dieser Vorschriften gefordert.

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Zehn Euro für viel Fahrerei

Wo genau liegt das Problem? Bei den zusätzlichen Aufgaben, die von den Jägern erfüllt werden müssen: So schreibt der Freistaat für die grenznahen Kreise Görlitz und auch Bautzen vor, nicht nur bei Unfallwild, sowie tot aufgefundenen Tieren (Fallwild) und kranken erlegten Wildschweinen eine Probe in die Landesuntersuchungsanstalt zu schicken und sie in einer Tierkörperbeseitigungsanlage zu "entsorgen". Gleiches gilt auch für gesunde erlegte Tiere und den Aufbruch - also Innereien und Schwarte - den der Jäger entnimmt. Für diesen zusätzlichen Aufwand erhält er zehn Euro Entschädigung.

Wie das in der Praxis aussieht, erklärt Detlef Eckert, Chef des Jagdverbandes Oberlausitz im Süden des Landkreises: "Wenn ich ein Schwein geschossen habe, muss ich einmal die Trichinenprobe und einmal die ASP-Probe entnehmen", sagt er. Die schafft der Oderwitzer dann direkt zum Veterinäramt des Kreises oder schickt sie über einen speziellen Briefkasten, wie es ihn in Herrnhut gibt, ein. Innereien und Schwarte fährt Eckert außerdem zu einer Sammelstelle - wahlweise nach Zittau oder in Lawalde.

Das erlegte Tier kühlt er derweil zu Hause, weil die Laborauswertung für die Schweinepest und die Information dazu etwa 72 Stunden dauert, erklärt der Jäger. Ist der Befund negativ, kann er das Fleisch teilen und verkaufen. Reste wie das Fell muss er erneut über eine Sammelstelle entsorgen. "Wir setzen dabei definitiv mehr zu als bislang - finanziell und zeitlich", betont Eckert. Denn der Wildschweinpreis ist derzeit im Keller: Statt wie üblich 3 bis 3,5 Euro pro Kilo bekommen die Jäger es jetzt teilweise nur los, wenn sie Preise von 50 Cent bis einen Euro das Kilo ansetzen.

Jäger fordern Prämien

Eckerts Kollege Hans-Dietmar Dohrmann, Chef des Jagdverband Niederschlesische Oberlausitz im Nordkreis, pflichtet ihm bei: "Für die meisten Jäger machen diese Regeln die Wildschweinjagd deutlich aufwändiger und umständlicher, da geht schnell mal eine Stunde Fahrtzeit nur für das Entsorgen des Aufbruchs drauf", sagt er. Ein Unding vor allem für diejenigen, die berufstätig sind, findet er. Dohrmann und Eckert fordern statt neuer Hürden eher neue Anreize für die Wildschweinjagd: In Bayern gibt es Prämien von 100 Euro pro Wildschwein. In Mecklenburg-Vorpommern zahlt das Land inzwischen 50 Euro pro Schwein - seit 2017 gibt es hier Prämien, um zur Vorsorge gegen die Afrikanische Schweinepest den Abschussanreiz zu erhöhen.

Der Freistaat Sachsen hingegen zahlt keine Prämien, sondern lediglich für den zusätzlichen Aufwand pauschal jene zehn Euro pro Schwein. Ein Anreiz ist das kaum, denn das Geld deckt die Unkosten nicht, argumentieren Jäger und Landkreis. Sie haben ohnehin andere Vorstellungen, wie ein besserer Schutz funktionieren kann. So fordert Landrat Lange die Rücknahme der Allgemeinverfügung, um dann gemeinsam an pragmatischeren Regeln zu arbeiten. Außerdem schlägt er vor, die Betriebe mit Schweinehaltung im Landkreis extra zu schützen - beispielsweise mit Barrieren wie sie an der Grenze errichtet sind: "Die Jäger sagen uns, dass es funktioniert und die Tiere sich zurückziehen", sagt Lange.

Freistaat sucht mit Kreis eine Lösung

Doch der Freistaat ist nicht gewillt, die Allgemeinverfügung zurückzunehmen. Es handele sich um Früherkennungsmaßnahmen und für diese gebe es gewichtige Gründe, betont eine Sprecherin des zuständigen Sozialministeriums. Gesprächsbereit sei man jedoch. Sowohl mit dem Landkreis Bautzen, aus dem keine derartige Kritik kam, als auch mit dem Landkreis Görlitz laufen Gespräche. Dabei gehe es darum, die Regeln in der Praxis besser zu etablieren und zu organisieren. Dazu werde mit den Veterinärämtern und den Jägern ein System erarbeitet: "Die bisher im Zusammenhang aufgetretenen Hindernisse sind vielfach logistischer Natur und lösbar", heißt es dazu vom Ministerium.

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Wegen fehlender Informationen sei unklar, wie nah die Seuche inzwischen an die sächsische Grenze herangerückt sei.

Beim Landkreis macht man sich derweil Sorgen, dass der Elan an der Wildschweinjagd erlahmt. Dabei hatte man mit den Jägern wegen der ASP eine Vereinbarung zu intensiverer Bejagung verabredet. Mit einigem Erfolg: Von April 2019 bis Ende März 2020 zählte man laut Landkreis samt Fall- und Unfallwild 5.912 tote Wildschweine. In den Jahren davor waren es 3.986 beziehungsweise 5.139 Tiere. Das Engagement der Jäger ist erkennbar - und weiterhin nötig. Denn der Winter war mild - ideal für die Vermehrung der Tiere. Die Landwirte und auch so mancher Sportverein, dessen Platz von den Schwarzkitteln zuletzt umgegraben wurde, sehen das mit Grausen.

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