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Proteste bei Lisa-Eckhart-Auftritt in Dresden

Lisa Eckhart reißt keine Witze, sie zelebriert die Satire. Das war auch in der Jungen Garde so. Die einzige Albernheit gab es außerhalb.

Die Kabarettistin Lisa Eckhart stand in den vergangenen Wochen in den Schlagzeilen. Am Donnerstag stand sie in Dresden auf der Bühne.
Die Kabarettistin Lisa Eckhart stand in den vergangenen Wochen in den Schlagzeilen. Am Donnerstag stand sie in Dresden auf der Bühne. © Matthias Rietschel

Dresden. Die einzige Albernheit des Abends kam von außen. Zwei Dutzend junge Menschen, die Lisa Eckhart für rassistisch und antisemitisch halten, hatten sich am Rande des Großen Gartens samt etwas schwachbrüstiger Tonanlage postiert, um gegen den Auftritt der Kabarettistin zu protestieren. Nur kam vom schier endlosen Redeschwall nichts wirklich in der „Jungen Garde“ an. Weder die knapp 1.000 Menschen in der ausverkauften Dresdner Freilichtbühne noch Eckhart selbst fühlten sich davon gestört, nicht mal der letzte Aufbäumversuch mit scherbelnden Punkrock-Klängen bewirkte irgendwas. 

Rund zwei Dutzend junge Menschen, die Lisa Eckhart für rassistisch und antisemitisch halten, protestierten vor dem Auftritt der Künstlerin am Rande des Großen Gartens.
Rund zwei Dutzend junge Menschen, die Lisa Eckhart für rassistisch und antisemitisch halten, protestierten vor dem Auftritt der Künstlerin am Rande des Großen Gartens. © Matthias Rietschel

Albern eben und damit das Gegenteil von dem, was die in Leipzig lebende Österreicherin servierte. Die Grenzen des guten Geschmacks und der politischen Korrektheit lustvoll überfahrend, fitschelte sie einem mit dem fein ziselierten Wort-Florett so lange vor der Nase rum, bis der finale Gag wie ein völlig unerwarteter Fausthieb in den Magen klatschte. Lisa Eckhart reißt eben keine Witze, sie zelebriert die Satire auf sprachlich höchstem Niveau, traut sich dabei, tiefste Abgründe mit unverhohlener Freude auszuloten. Dem Lachen folgt so meist ein kurzes Zucken, ein heimlicher Moment der Selbstvergewisserung. So wird der Gang in ihre Show zur Art Katharsis mit allerhöchstem Unterhaltungswert. 

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Billiges Ranwanzen ans Publikum? Nicht mit ihr. Sie will bitteschön auch nie geduzt werden. Zudem stellte sie fix klar: „Ich werde an diesem Abend alle Ethnien, Religionen und Geschlechter erwähnen. Aber Vorurteile bedienen? Das tue ich einfach nicht.“ Kurze Pause. „Ich könnte natürlich, damit man sieht, wie sehr ich das nicht tue, jeden Witz erklären. Aber wenn ich jeden Witz erkläre, dann bediene ich ein anderes Vorurteil. Nämlich das, dass Sie strunzdumm sind. Verzeihen Sie mir meinen Optimismus, wenn ich davon nicht ausgehe.“

Das vielschichtig zusammengesetzte Publikum reagiert stets prompt, aber fein abgestuft. Der Vierzigjährige mit den langen Rasta-Zöpfen schüttelt sich stets vor Lachen, während das Rentnerpaar hinter ihm lächelnd applaudiert. Ein spätjugendlicher Metal-Fan verschüttet vor Begeisterung sein Bier, die wohlsituiert wirkende Dame anderthalb Meter neben ihm zeigt Verständnis und lacht überraschend rustikal.

Etwa 1.000 Gäste kamen in die Junge Garde, um Lisa Eckhart zu sehen.
Etwa 1.000 Gäste kamen in die Junge Garde, um Lisa Eckhart zu sehen. © Matthias Rietschel

Wer gar nicht lacht, könnte zu den Protestieren gehören. Die hat Lisa Eckhart explizit eingeladen, sich ihre Show, die am Ende weit über zwei Stunden dauert und grobthematisch die sieben Todsünden abhandelt, anzusehen. „An all diese Leute: Ich finde es gut, dass Sie sich einsetzen gegen Rassismus und Antisemitismus“, erklärt sie. „Aber doch nicht hier!“ Ihr sei es zutiefst peinlich, zum ersten Mal in ihrem Leben mit Polizeischutz spielen zu müssen. „Das ist mir so peinlich für die Polizisten, weil wir wissen ja: Polizisten sind alles rechtsradikale Rassisten. So wie ich. Und so wie Sie. Und die hatten natürlich Karten für heute Abend.“

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Zum Trost hätte sie die Polizisten, die tatsächlich in Zweiergruppen vor der „Garde“ patrouillierten, für nachher in den Backstagebereich eingeladen. „Wir werden ein bisschen mit Schweineköpfen werfen und tun, was uns sonst noch so einfällt.“ Als Zugabe reichte sie einen speziellen Cocktail, der so nur im Osten funktioniert. Dass sie als Österreicherin nach Leipzig gezogen sei, wirke für Menschen im Westen so, als sei sie aus dem Sudan nach Syrien geflüchtet. Ösis und Ossis wiederum verstünden einander doch so gut, dass man eine ganz neue Allianz schmieden könne. Ein neues k.u.k. Reich, kaiserlich und kommunistisch, mit ihr als Herrscherin, die eine Mischung aus Stalin und Sissi abgebe – also Stasi, die Erste. Ein tatsächlich verlockender Gedanke.

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