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Vom Containerschiff auf die Elbfähre

Früher fuhr Katharina Grimm beruflich nach Südamerika, Neuseeland, Singapur. Heute fährt sie von Niederlommatzsch nach Diesbar-Seußlitz.

Statt auf großer Fahrt nun auf kleiner Fahrt: Katharina Grimm war jahrelang zur See unterwegs. Nun wird sie Fährfrau in Niederlommatzsch.
Statt auf großer Fahrt nun auf kleiner Fahrt: Katharina Grimm war jahrelang zur See unterwegs. Nun wird sie Fährfrau in Niederlommatzsch. © Sebastian Schultz

Elbland. Der neue Arbeitsplatz von Katharina Grimm ist überschaubar: vorn das Steuerhaus mit Drehstuhl, Steuerrad und Ölradiator; in der Mitte das Deck für Fahrgäste und Fahrräder, hinten eine winzige Toilette. Zwölf Meter lang ist die Fähre Stolzenfels, wo die 34-Jährige noch bis Ende des Jahres ein Praktikum ableistet. Die Schiffe, mit denen sie vorher unterwegs war, waren rund 30 Mal so lang: Die angehende Fährfrau bei der Verkehrsgesellschaft Meißen (VGM) ist jahrelang mit Containerschiffen um den Globus gefahren.

Dabei stammt sie eigentlich aus Sachsen: Geboren in Löbau, ging die Frau mit den langen blonden Haaren direkt nach der Mittelschule nach Cuxhaven. "Dort habe ich eine Ausbildung als Schiffsbetriebstechnikerin gemacht." Was macht man denn da? "Eigentlich alles an Bord", sagt sie mit einem Lächeln. Reparaturen an der Maschine gehören dazu, die Sicherung der Ladung, Dienst auf der Brücke oder mit dem Bootsmann an Deck. "Man lernt, wie ein Schiff auf das Steuer reagiert, wie man manövriert, wie ein Radar funktioniert."

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Mit Containerschiffen bis 350 Meter Länge fuhr sie nach Amerika, Asien oder Australien. Um beruflich voranzukommen, hängte die Sächsin noch ein zweijähriges Fachschul-Studium dran. "So wurde ich Nautische Offizierin", sagt Katharina Grimm. Korrekt heißt das "Staatlich geprüfter Techniker, Fachrichtung Nautik". An Bord fing sie als 4. Offizier an und diente sich Jahr für Jahr hoch, bis sie zur 2. Offizierin befördert wurde.

Aber ein wirklich familientaugliches Leben ist das nicht. "An vier Monate auf Fahrt haben sich zweieinhalb Monate zuhause angeschlossen", sagt Katharina Grimm. Oft ging es von Europa durch den Suezkanal nach Asien oder nach Amerika. Wenn man zwei solche Rundreisen macht, sind die vier Monate rum.

Einer der früheren Arbeitsplätze von Katharina Grimm: die "Hanjin Vienna", ein fast 300 Meter langes Schiff, das 5.700 20-Fuß-Container mitnehmen kann.
Einer der früheren Arbeitsplätze von Katharina Grimm: die "Hanjin Vienna", ein fast 300 Meter langes Schiff, das 5.700 20-Fuß-Container mitnehmen kann. © Katharina Grimm

Eine Fahrt jetzt geht über eine Distanz von ziemlich genau 130 Meter: So breit ist die Elbe zwischen Niederlommatzsch und Diesbar-Seußlitz, wo sie jetzt schichtweise einen erfahrenen Fährmann begleitet. Das Praktikum gehört dazu, wenn man selbst ein Fährpatent ablegen will. Bis Endes des Jahres wird die Frau hier sein, dann noch einmal bis März in Coswig. Eigentlich müssen angehende Fährleute 180 Tage Praktikum ableisten - plus theoretischer Ausbildung und Prüfung.

Weil die 34-Jährige aber schon viele Vorkenntnisse mitbringt, wurde ihre Praktikumsdauer auf Antrag vom zuständigen Amt auf 90 Tage halbiert. Jetzt setzt sie vor allem Radausflügler über. Hier begegnen sich Ausflügler aus Riesa, Meißen oder Großenhain, die an dieser Stelle über die Elbe wollen. Da kann es gerade am Wochenende schon mal hektisch werden, wenn an den Ufern Warteschlangen entstehen. "Auf See dagegen vergehen auch mal Wochen, ohne dass man ein anderes Schiff sieht", sagt Katharina Grimm. Langweilig werde es trotzdem nicht, etwa, wenn Stürme die See hochgehen lassen.

Zur Abwechslung durch Hafenstädte in aller Welt zu bummeln - das sei heute aber kaum noch drin. Dafür liegen moderne Containerschiffe zu kurz im Hafen. "Und die Containerhäfen sind meist so weit vor der Stadt, dass man noch eine Stunde Taxi fährt", sagt Katharina Grimm. Da überlege man sich schon, ob man die sechs Stunden Freiwache nicht lieber doch zum Ausschlafen nimmt. Während der Ausbildung blieb eher noch etwas Freizeit für den Landgang übrig, als Offizier kaum.

Für manche ist das ein Beruf fürs Leben, für Katharina eher nicht. "Ich habe Sachsen schon vermisst, die Wälder und die Berge", sagt sie. Doch zunächst wechselte sie dorthin, wo Wälder und Berge eher rar sind: nach Norddeutschland. Als "Marine Coordinator" ging es für sie in eine Leitwarte, die den Schiffsverkehr für den Bau von Offshore-Windparks koordiniert. "Ein interessanter Job, damals ganz neu", sagt Katharina Grimm.

Nichts für Seekranke: Ein Blick vom Containerschiff auf hoher See und "Schlechtwetter", wie es Katharina Grimm nennt.
Nichts für Seekranke: Ein Blick vom Containerschiff auf hoher See und "Schlechtwetter", wie es Katharina Grimm nennt. © Katharina Grimm
Hier fährt die "Maersk Duffield" in die den Hafen von Tauranga ein, eine Stadt ganz im Norden von Neuseeland.
Hier fährt die "Maersk Duffield" in die den Hafen von Tauranga ein, eine Stadt ganz im Norden von Neuseeland. © Katharina Grimm
Eingeteilt zur Ladungswache: Katharina Grimm auf der "MSC Carouge" im Hafen von Colombo, der Hauptstadt von Sri Lanka.
Eingeteilt zur Ladungswache: Katharina Grimm auf der "MSC Carouge" im Hafen von Colombo, der Hauptstadt von Sri Lanka. © Katharina Grimm

Sieben Tage die Woche, rund um die Uhr galt es, im Schichtdienst von Land aus dafür zu sorgen, dass die Schiffe sicher auf die Baustellen auf dem Meer und zurück gelangen. Sechs Jahre verbrachte die Frau damit, vier in Saßnitz auf Rügen, eins in Hamburg, eins in Emden. Und was ist schöner: Nord- oder Ostsee?

"Ostsee natürlich", sagt sie lachend. "Bei der Nordsee ist ja das Wasser nie da, wenn man's braucht", spielt sie auf den Wechsel von Ebbe und Flut an. Und Wasser brauchte es auch für den Schein, den sie so nebenbei ablegte: ein "kleines" Maschinenpatent für Schiffe mit einer Leistung von 750 Kilowatt. "Das reicht etwa für einen kleinen Hafenschlepper", sagt sie.

Auf einem Containerschiff würde diese Leistung gerade mal für den Notstromdiesel reichen. Und auf der Fähre Stolzenfels? Da muss die Praktikantin erst mal selbst auf das Typenschild schauen: Die ist auf ganze 75 Kilowatt gedrosselt. Für sparsamen Verbrauch und lange Haltbarkeit, sagt Fährmann Steffen Zeuner.

See- und Binnenschifffahrt seien ohnehin zwei paar Schuhe, sagt der 53-Jährige. Wer zwischen den beiden Welten wechsle, fange immer ganz unten an - egal, wie viel Erfahrungen er schon von der anderen Seite mitbringe. Zeuner muss es wissen: Er hat schon vor 30 Jahren Binnenschiffe die Elbe runter bugsiert. Und zu DDR-Zeiten hätten häufiger Seemänner zur Binnenschifffahrt gewechselt, weil sie etwa nach einer Scheidung plötzlich als potenzielle Republikflüchtlinge galten und ihr Seeschifffahrtsbuch einbüßten.

Immerhin: "Die Knoten und das Spleißen sind dasselbe", sagt der Fährmann. Und auch die Fachbegriffe seien ähnlich. Aber sonst? Alles anders. Auf See etwa fährt man Autopilot, vor dem Hafen kommt der Lotse an Bord. Auf der Elbe dagegen: Handarbeit am Steuer statt Elektronik, mal schnelle, mal langsame Strömung, mal Winde von hier und dort. "Allein innerhalb von einer Woche ist der Wasserstand jetzt um 1,50 Meter gefallen", sagt Zeuner. "Das fährt sich jeden Tag anders bei uns." Und wenn der Schwung beim Anlegen am anderen Ufer zu groß sei, merken das die Fahrgäste. "Dann knallt's."

Alles Handarbeit: das Steuer in der Fähre Stolzenfels, die von Niederlommatzsch nach Diesbar-Seußlitz fährt - auch im Winter.
Alles Handarbeit: das Steuer in der Fähre Stolzenfels, die von Niederlommatzsch nach Diesbar-Seußlitz fährt - auch im Winter. © Sebastian Schultz

Aber die Unterschiede hin oder her: Für Katharina Grimm ist es wichtig, auch nach der Rückkehr nach Sachsen wieder auf dem Wasser arbeiten zu dürfen. "Das wollte ich nicht verlieren." Mit den Stammgästen hat sie sich schon bekannt gemacht - und keiner habe komisch geguckt, weil da jetzt eine Frau mit ans Steuer darf. Vor Jahren gab es das schon mal, jetzt bei der VGM ist sie allerdings eine Ausnahme in der Domäne.

Viele der jetzt neu angelernten Fährleute sind Busfahrer, die mal auf dem Schiff, mal im normalen Nahverkehr Dienst machen. Steffen Zeuner ist dagegen froh, ausschließlich auf der Fähre zu arbeiten. "Hier sind die Fahrgäste entspannter." Die meisten, die von Niederlommatzsch nach Diesbar-Seußlitz übersetzen, seien ohnehin Ausflügler. Aber auch da merke man im Corona-Jahr, dass die Leute gestresster seien: Ganz viele hätten sich neue E-Bikes gekauft - und da sei die Furcht groß, dass mal ein Kratzer entstehen könnte, wenn man die an Bord dicht aneinander lehnen muss.

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Doch auch damit will Katharina Grimm zurechtkommen. "Ich wollte unbedingt nach Sachsen zurück, das ist meine Heimat." Jetzt wohnt sie auf einem Dorf bei Nossen. Da muss sie nicht mehr mit dem Flieger auf Arbeit. Wenn alles läuft wie vom Landkreis geplant und die VGM alle vier Elbfähren im Landkreis übernimmt, möchte sie auch für alle vier Fährstellen das Patent machen. Einen Job mit mehr Wasser wird es wohl im ganzen Elbland nicht geben.

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