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Sachsens Arbeitsagentur-Chef Hansen sieht die Wirtschaft unter Druck geraten

Die gewohnte Frühjahrsbelebung bleibt aus, Sachsens Arbeitsagentur-Chef Klaus-Peter Hansen ist enttäuscht. Was er nun für dieses Jahr erwartet.

Von Georg Moeritz
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Der im Frühling übliche Aufschwung in Sachsens Arbeitsmarkt bleibt dieses Jahr aus. Gewohnte Zahlen geraten ins Wackeln.
Der im Frühling übliche Aufschwung in Sachsens Arbeitsmarkt bleibt dieses Jahr aus. Gewohnte Zahlen geraten ins Wackeln. © Sebastian Schultz

Chemnitz. Sachsens Arbeitsagentur-Chef Klaus-Peter Hansen rechnet mit einem „schwierigen Jahr“ auf dem Arbeitsmarkt. Vor der Corona-Pandemie ging die Zahl der Erwerbslosen in Sachsen kontinuierlich und kräftig zurück. „Das werden wir in diesem Jahr nicht erleben“, sagte Hansen am Freitag in Chemnitz.

Voraussichtlich werde die Arbeitslosenquote im Jahresdurchschnitt etwas höher sein als voriges Jahr. Hansen stützt sich bei seiner Prognose auf Voraussagen der Wissenschaftler seiner Behörde, im Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Deren Tabellen sind zwar nicht sehr aussagekräftig, weil sie Unter- und Obergrenzen für die Entwicklung mit einer großen Spanne angeben. Doch sie nennen auch einen Mittelwert: Falls die Wirtschaft nicht wächst (0 Prozent Wirtschaftswachstum), wird die Zahl der Arbeitslosen in Sachsen um 4,9 Prozent auf 124.000 im Jahresdurchschnitt steigen.

Derzeit ist jedenfalls auf dem Arbeitsmarkt laut Hansen „weniger los als erhofft“. Die gewohnte Frühjahrsbelebung war schon im März kaum zu spüren, nun rechnet Hansen kaum noch damit. „Sie lässt auf sich warten oder fällt aus.“ Das enttäusche ihn. Nach der Winterpause in manchen Bau- und Gartenbauberufen müsste jetzt eigentlich die Nachfrage nach Arbeitskräften steigen.

Zahl der freien Stellen hoch, aber laut Hansen wacklig

Laut Hansen meldeten die Unternehmen im April rund 7.300 freie Stellen neu an. Doch vor einem Jahr war diese Zahl noch um gut 1.300 höher, trotz Corona. Freilich stehen in den Computern der sächsischen Arbeitsagenturen und Jobcenter mehr als 39.000 freie Stellen. „Das ist ein sehr starker Wert, doch auch der wackelt“, sagte Hansen. Man merke allmählich, dass die Wirtschaft „immer mehr unter Druck kommt“.

Die jüngste Umfrage des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung zum Geschäftsklima in Ostdeutschland hat ergeben, dass die Unternehmen ihre Lage als schlechter bewerten als vor einem Monat. Zu den Aussichten gab es unterschiedliche Aussagen: Aus Sicht von Industrie und Handel hat sich die Zukunft aufgehellt, die Chefs der Baufirmen dagegen sind noch pessimistischer geworden.

Die Zahl der Beschäftigten im sächsischen Baugewerbe ist laut jüngster Hochrechnung von Februar gesunken, auch Leiharbeitsfirmen und Händler bauten Stellen ab. Die Zahl der Beschäftigten mit Sozialversicherung stieg trotzdem insgesamt weiter: im Jahresvergleich um 3.400 auf 1,6385 Millionen.

Ukrainer: rund 11.000 arbeitslos, mehr als 5.000 in Arbeit

Arbeitslos gemeldet sind nun 130.930 Menschen in Sachsen, davon fast 45.000 länger als ein Jahr. Das sind 705 Arbeitslose weniger als im März, aber 18.267 mehr als im April vorigen Jahres. Zu diesem Anstieg hat vor allem beigetragen, dass Ukrainerinnen sich zunehmend arbeitslos melden durften. 10.884 Menschen aus der Ukraine sind in Sachsen arbeitslos gemeldet. Hansen sagte, viele kämen jetzt aus ihren Sprachkursen, „da ist viel Optimismus“. Mehr als 5.000 Menschen aus der Ukraine seien inzwischen in Sachsen beschäftigt.

Die sächsische Arbeitslosenquote zum Stichtag der Erhebung am 13. April wurde mit 6,2 Prozent angegeben, nach 6,3 im Monat zuvor. Bundesweit beträgt die Quote 5,7 Prozent. Innerhalb Sachsens bleiben die Unterschiede groß: Die kreisfreie Stadt Chemnitz meldet nun die höchste Arbeitslosenquote von 8,4 Prozent, gefolgt vom Kreis Görlitz mit 8,3. Die niedrigsten Quoten beim Kreisvergleich innerhalb Sachsens meldeten mit je fünf Prozent der Erzgebirgskreis und Mittelsachsen.

Hansen betonte, auf dem Arbeitsmarkt sei weiterhin viel Bewegung. Zum Teil hätten Arbeitsagenturen und Jobcenter dazu beigetragen - mit Beschäftigungsprojekten und Weiterbildung. Insgesamt 38.200 Menschen in Sachsen zählten im April zwar nicht als arbeitslos, waren aber auch nicht angestellt - sondern in Weiterbildung, beruflichen Eingliederungsmaßnahmen oder auch krankgemeldet. Im April meldeten sich rund 9.700 Menschen arbeitslos, die vorher erwerbstätig waren. Zugleich kamen 10.400 Menschen aus Arbeitslosigkeit in eine Stellung.

Dulig sieht "neue Macht der Beschäftigten"

Sachsens Arbeitsminister Martin Dulig (SPD) wies anlässlich des Tags der Arbeit auf den Mangel an Arbeitskräften hin. Er sagte, Arbeitgeber müssten ihre Beschäftigten gut bezahlen, wertschätzen und mitbestimmen lassen. Die "neue Macht der Beschäftigten" sei ihre Chance, für höhere Löhne, mehr Mitbestimmung und gute Arbeitsbedingungen in den Unternehmen zu kämpfen.

Dulig sagte, Versuche, die hart erkämpften Rechte der Beschäftigten wieder zu streichen, Teilzeit zu erschweren oder das Streikrecht einzuschränken, "werden wir gemeinsam verhindern". Dulig hatte vorige Woche mit der Wirtschaft einen Pakt zur Gewinnung internationaler Fach- und Arbeitskräfte für Sachsen unterschrieben.

Handwerkskammer erinnert an Lehrstellenbörse online

In Deutschland insgesamt fiel die Frühjahrsbelebung auch schwach aus. 2,586 Millionen Menschen sind arbeitslos gemeldet. Auch ohne ukrainische Flüchtlinge wäre die Zahl im Vergleich mit dem vorigen Jahr gestiegen. Bundesagentur-Chefin Andrea Nahles sagte in Nürnberg, die träge Konjunktur habe dazu beigetragen. Insgesamt sei der Arbeitsmarkt aber in einer stabilen Verfassung, sagten Nahles und Hansen.

Die Handwerkskammer Dresden berichtete am Freitag, in ihrem ostsächsischen Gebiet seien bisher 504 Lehrverträge für das kommende Ausbildungsjahr unterschrieben worden. Das seien 25 mehr als zur gleichen Zeit im vorigen Jahr. Hauptgeschäftsführer Andreas Brzezinski sagte, dass im vorigen Herbst 2.154 Auszubildende eine Lehre im ostsächsischen Handwerk begonnen hätten. Diese Größenordnung "oder vielleicht auch ein paar mehr junge Menschen" gelte es zu erreichen. Mehr als 500 freie Ausbildungs- oder Praktikumsstellen seien in der Online-Lehrstellenbörse zu finden, in mehr als 80 Berufen.