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So reagiert der Sport auf Russlands Einmarsch

Kein Champions-League-Finale in St. Petersburg, Schalke 04 spielt ohne Trikot-Sponsor, Athleten verzichten auf Starts – Verbände, Vereine und Sportler protestieren gegen den Krieg in der Ukraine.

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Der FC Schalke 04 hat angekündigt, vorerst nicht mehr mit dem Schriftzug seines Trikotsponsors, dem russischen Energieunternehmen Gazprom, aufzulaufen. Es wird stattdessen der Vereinsname auf auf der Vorderseite des Trikots aufgedruckt sein.
Der FC Schalke 04 hat angekündigt, vorerst nicht mehr mit dem Schriftzug seines Trikotsponsors, dem russischen Energieunternehmen Gazprom, aufzulaufen. Es wird stattdessen der Vereinsname auf auf der Vorderseite des Trikots aufgedruckt sein. © dpa/Caroline Seidel-Dißmann

Von Marco Krummel, Jonas Wagner und Christoph Stukenbrock

Der Angriff von Wladimir Putin auf die Ukraine hat auch den internationalen Sport in eine tiefe Krise gestürzt – und führt zu weitreichenden Konsequenzen. Ein Überblick:

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Gazprom-Vertreter hört im Schalker Aufsichtsrat auf

Während auf der Sponsorenwand im Hintergrund noch in gewohnter Manier das Gazprom-Logo prangte, wurde es von der Trainingsjacke von Dimitrios Grammozis bereits verbannt: Die umstrittene Partnerschaft des Fußball-Zweitligisten Schalke 04 mit seinem finanziell kaum verzichtbaren Hauptsponsor bröckelt nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine mehr denn je.

Der im Juli 2019 von Gazprom als kooptiertes Mitglied in den Aufsichtsrat entsandte Matthias Warnig legte sein Mandat am Donnerstag mit sofortiger Wirkung nieder. Der gebürtige Lausitzer ist CEO der Nord Stream 2 AG und steht in dieser Funktion unter Sanktionen der USA. Zudem gilt er als enger Vertrauter des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Sein Rücktritt könnte der Anfang vom Ende der langjährigen Partnerschaft zwischen Schalke und Gazprom sein, im Verein laufen mitten im Aufstiegskampf die Diskussionen auf Hochtouren.

Klar ist schon jetzt: Die Profis werden nicht mehr mit dem Schriftzug des Hauptsponsors Gazprom auf dem Trikot auflaufen. "Mit Blick auf die Ereignisse, Entwicklung und Zuspitzung der vergangenen Tage" habe sich der Klub dazu entschieden, hieß es in einer Mitteilung. Der Schritt erfolge nach Gesprächen mit Gazprom Germania. "Stattdessen wird Schalke 04 auf der Brust der Königsblauen stehen", teilte der Verein mit.

Der russische Präsident Wladimir Putin und Clemens Tönnies, damaliger Aussichtsratsvorsitzender des Bundesligavereins Schalke 04, halten ein Schalke-Trikot mit der Aufschrift des neuen Sponsors Gazprom. Tönnies holte Gazprom Germania als Sponsor zu Schalk
Der russische Präsident Wladimir Putin und Clemens Tönnies, damaliger Aussichtsratsvorsitzender des Bundesligavereins Schalke 04, halten ein Schalke-Trikot mit der Aufschrift des neuen Sponsors Gazprom. Tönnies holte Gazprom Germania als Sponsor zu Schalk © dpa

"Auch wir sind von den Bildern schockiert gewesen, die sich da abspielen", sagte Pressesprecher Marc Siekmann: "Aber ich muss um Verständnis bitten, dass das Ganze am Donnerstagmorgen noch mal eine neue Wendung genommen hat, und wir Zeit brauchen, um das zu beraten und zu schauen, was das für Schalke 04 bedeutet."

Die Vereinsführung werde sich "zu gegebener Zeit dazu äußern", führte Siekmann weiter aus: "Wann genau das ist, kann ich an der Stelle nicht abschätzen. Auch wir brauchen Zeit, um verschiedene Dinge zu prüfen und zu beraten."

Der Vertrag der finanziell klammen Knappen mit Gazprom läuft noch bis 2025. In der zweiten Liga sollen vom russischen Gaslieferanten neun Millionen jährlich fließen, bei einem Aufstieg würde die Summe wohl auf 15 Millionen Euro pro Saison ansteigen.

Uefa entzieht St. Petersburg das Champions-League-Finale

Am Freitag trifft sich das Exekutivkomitee der Europäischen Fußball-Union zu einer Sondersitzung, "um die Situation zu bewerten und alle notwendigen Entscheidungen zu treffen", teilte der Kontinentalverband mit. Demnach wird St. Petersburg das Champions-League-Finale, das dort am 28. Mai ausgetragen werden sollte, entzogen. Ob bereits ein neuer Finalort bekannt gegeben wird, ist allerdings offen.

Als Favorit ist das Wembley-Stadion in London – trotz einer möglichen Terminkollision mit dem Play-off-Finale der zweiten englischen Liga – im Gespräch. Eine Verlegung des Endspiels hatte die Uefa am Dienstag nach der Zuspitzung in der Ukraine zunächst offen gelassen.

Hier sollte das Champions-League-Finale am 28. Mai stattfinden. Doch die UEFA will St. Petersburg das Endspiel der Fußball-Königsklasse entziehen.
Hier sollte das Champions-League-Finale am 28. Mai stattfinden. Doch die UEFA will St. Petersburg das Endspiel der Fußball-Königsklasse entziehen. © dpa-Zentralbild

Gazprom gehört zu den größten Sponsoren des Verbandes. Weitere Informationen zum Vorgehen "werden nach der Sitzung des Uefa-Exekutivkomitees bekannt gegeben", hieß es in einem Statement am Donnerstag. Mit DFB-Interimspräsident Rainer Koch und Karl-Heinz Rummenigge, dem früheren Vorstandschef von Bayern München, sitzen auch zwei deutsche Vertreter im Exekutivkomitee.

Bei den Partien in der Europa League mit Beteiligung russischer Mannschaften waren zunächst keine Änderungen vorgesehen. Es würden alle Spiele wie geplant stattfinden, hieß es am Dienstag. Mit Zenit St. Petersburg und Spartak Moskau sind zwei russische Teams weiterhin im Wettbewerb vertreten.

WM-Qualifikation in Russland: Verbände weigern sich

Die Fußballverbände aus Polen, Schweden und Tschechien haben ihre Weigerung zur Austragung der WM-Play-offs Ende März in Russland angekündigt. "Die Unterzeichner dieses Appells ziehen es nicht in Betracht, nach Russland zu reisen und dort Fußballspiele zu spielen", steht in einem Brief an die Generalsekretärin des Weltverbands Fifa, Fatma Samoura, den der polnische Verband bei Twitter veröffentlichte. Fifa-Präsident Gianni Infantino verkündete wenig später aber, dass es trotz der "tragischen" und "besorgniserregenden" Lage noch nichts zu verkünden gebe.

Am 24. März soll Polen in Moskau gegen Russland antreten, "ich hoffe, dass die Situation bis dahin gelöst ist", sagte Infantino. Kämen die Russen ins Finale, wären am 29. März Schweden oder Tschechien der Gegner. Die Ukraine spielt in ihrem Halbfinale am 24. März in Schottland.

Ukrainische Premier League setzt Spielbetrieb aus

Die höchste Fußball-Liga in der Ukraine unterbricht ihren Spielbetrieb. "Aufgrund der Verhängung des Kriegsrechts wurde die Meisterschaft der Ukraine ausgesetzt", hieß es in einem kurzen Statement auf der Website der Premier League. Zunächst soll die Unterbrechung laut Medienberichten für 30 Tage gelten. Für das Wochenende waren nach einer zweimonatigen Winterpause die ersten Partien des Jahres angesetzt worden. Bislang wurden 18 von 30 Spieltagen absolviert.

Formel 1: Vettel will Russland-Rennen boykottieren

Für den viermaligen Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel kommt ein Start beim Großen Preis von Russland in diesem Jahr nicht infrage. "Meine Meinung ist, dass ich dort nicht hin sollte, und ich werde es auch nicht. Ich finde es falsch, in diesem Land zu fahren", sagte der 34-Jährige am Rande der Testfahrten in Barcelona und bekräftigte: "Meine Entscheidung steht schon fest."

Am 25. September ist der Grand Prix von Russland in Sotschi geplant. Dort anzutreten, ist für Vettel aber keine Option. "Es tut mir sehr leid für die Unschuldigen, die ihr Leben verlieren und aus dummen Gründen und wegen einer komischen und verrückten Führung getötet werden", sagte der Aston-Martin-Fahrer.

Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel hat angekündigt in diesem Jahr beim Großen Preis von Russland in Sotschi nicht anzutreten.
Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel hat angekündigt in diesem Jahr beim Großen Preis von Russland in Sotschi nicht anzutreten. © Andre Penner/AP/dpa (Archiv)

Noch ist unklar, wie mit dem Großen Preis am Schwarzen Meer verfahren wird. Die Formel 1 hatte bereits mitgeteilt, "zum jetzigen Zeitpunkt keinen weiteren Kommentar zu dem für September geplanten Rennen" abzugeben. "Wir werden die Situation weiterhin sehr genau beobachten."

Auch Weltmeister Max Verstappen zeigte sich wenig begeistert vom Grand Prix, schloss seine Teilnahme aber nicht sofort aus: "Wir sollten nicht in einem Land fahren, das Krieg führt, aber das gesamte Fahrerlager sollte darüber entscheiden."

IOC verurteilt Bruchdes "Olympischen Friedens"

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat "mit Nachdruck" den Bruch des Olympischen Friedens "durch die russische Regierung" verurteilt. Der "Olympic Truce" habe sieben Tage vor Beginn der Olympischen Spiele begonnen, er ende sieben Tage nach der Schlussfeier der Paralympics (4. bis 13. März), betonte das IOC. Eine entsprechende UN-Resolution sei von der UN-Generalversammlung am 2. Dezember 2021 im Konsens aller 193 Mitgliedstaaten angenommen worden.

Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine zeigte sich das IOC "tief besorgt über die Sicherheit der Olympischen Gemeinschaft in der Ukraine". Es sei eine Task Force eingerichtet worden, "um die Situation genau zu beobachten und die humanitäre Hilfe für die Mitglieder der Olympischen Gemeinschaft in der Ukraine nach Möglichkeit zu koordinieren".

IOC-Präsident Thomas Bach betonte bei der Abschlussfeier der Olympischen Winterspiele in Peking, wie wichtig der Frieden in der Welt sei.
IOC-Präsident Thomas Bach betonte bei der Abschlussfeier der Olympischen Winterspiele in Peking, wie wichtig der Frieden in der Welt sei. © dpa

IOC-Präsident Thomas Bach bekräftige seinen Aufruf zum Frieden, den er bereits in seinen Reden bei der Eröffnungsfeier und der Abschlussfeier der Spiele in Peking zum Ausdruck gebracht hatte: "Beachten Sie Ihr Engagement für diesen Olympischen Frieden, geben Sie dem Frieden eine Chance."

Bereits nach den Winterspielen in Sotschi 2014 hatte Russland den Olympischen Frieden missachtet. Unmittelbar nach der Schlussfeier (23. Februar) begannen auf Anweisung von Staatspräsident Putin die Vorbereitungen zur Annexion der Krim.

Deutsche Verbände: Wettkämpfe aussetzen

Auch der deutsche Sport zeigte klare Kante. In einer gemeinsamen Stellungnahme mit dem Deutschen Behindertensportverband (DBS) empfahl DOSB-Präsident Thomas Weikert "unseren Mitgliedsorganisationen, die Teilnahme an Wettkämpfen und Trainingsmaßnahmen in Russland und den Kriegsgebieten auszusetzen". Auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die Deutsche Fußball-Liga (DFL) verurteilten den russischen Angriff "auf das Schärfste". Der Ligaverband ist "in dieser Angelegenheit mit den nationalen und internationalen Verbänden in Kontakt".

Die Welt dürfe "dem nicht tatenlos zusehen, die Ukraine bedarf unser aller Solidarität", sagten die DFB-Interimspräsidenten Rainer Koch und Hans-Joachim Watzke unisono. DOSB und DBS forderten Russland auf, "die kriegerischen Handlungen einzustellen". Dass Russland aufgrund seines Vorgehens "sanktioniert werden muss mit den für solche Fälle vorgesehenen Strafen", so DBS-Präsident Friedhelm Julius Beucher, "halte ich für zwingend geboten".

Deutscher Skiverband holt Athleten aus Russland zurück

Athletinnen und Athleten des Deutschen Skiverbandes (DSV) werden bis auf Weiteres nicht mehr an internationalen Wettbewerben in Russland und der Ukraine teilnehmen. Die Entscheidung sei gemeinsam mit dem DOSB getroffen worden, hieß es. Die deutsche Skicross-Nationalmannschaft, die bereits zu einem Weltcup nach Russland angereist ist, "werden wir so schnell wie möglich nach Deutschland zurückholen", sagte DSV-Vorstand Stefan Schwarzbach.

Der DSV sei sich "der Verantwortung gegenüber unseren Athletinnen und Athleten sowie unseren Trainern und Betreuern vollkommen bewusst", betonte Schwarzbach: "Deshalb prüfen wir in jedem Einzelfall, ob eine Beschickung von internationalen Wettbewerben aktuell sinnvoll und für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer gefahrlos möglich ist." Hierzu gebe es auch einen engen Austausch mit internationalen Weltverbänden und dem DOSB. "Darüber hinaus halten wir direkten Kontakt mit dem Auswärtigen Amt", so Schwarzbach.

Der internationale Skiverband (Fis) zögert offensichtlich mit einer Absage der Weltcup-Wettbewerbe in Russland. Wie die Fis auf Anfrage mitteilte, seien die Standorte in Sunny Valley und Jaroslawl von dem Konflikt nicht betroffen, die Situation werde aber "mit allen Beteiligten" beobachtet, "um die Sicherheit der Teilnehmer zu gewährleisten". Offenbar wollen aber weitere Verbände ihre Mannschaften aus Russland abziehen.

Im Verlauf des Winters sind eigentlich noch zwei weitere Weltcups in Russland geplant. Am 5. März soll ein Aerials-Wettbewerb in Moskau stattfinden, vom 18. bis zum 20. März sollen die Langläufer in Tjumen starten. (sid, mit dpa)

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