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Sport

Die Chemnitzer Turn-Affäre und ihre Folgen

Der deutsche Verband hält die Schikane-Vorwürfe gegen Trainerin Gabriele Frehse für erwiesen und fordert vom Olympia-Stützpunkt Sachsen die Trennung von ihr.

Die Chemnitzer Turntrainerin Gabriele Frehse spricht weiter von haltlosen Anschuldigungen und Unwahrheiten.
Die Chemnitzer Turntrainerin Gabriele Frehse spricht weiter von haltlosen Anschuldigungen und Unwahrheiten. © picture alliance/Catalin Soare/dpa (Archiv)

Von Christian Hollmann

Frankfurt/Main. Die Enthüllungen über psychische Gewalt am Olympia-Stützpunkt Sachsen sollen weitreichende Konsequenzen haben. Nach einer Untersuchung der Vorwürfe fordert der Deutsche Turner-Bund das Ende des Arbeitsverhältnisses der Chemnitzer Trainerin Gabriele Frehse. Außerdem will er Strukturreformen und einen Kulturwandel einleiten. "Wir müssen uns als Gesellschaft die Frage stellen, welchen Spitzensport wollen wir überhaupt", sagte DTB-Präsident Alfons Hölzl am Freitag. "Die Fehler und Unzulänglichkeiten der Vergangenheit dürfen sich nicht wiederholen", teilte der Verband mit.

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"Der Vorstand des OSP setzt sich mit den neu gewonnenen Erkenntnissen auseinander und beschließt in Kürze das weitere Vorgehen. Das beinhaltet insbesondere den Umgang mit der angestellten Trainerin Gabriele Frehse", steht in einer Stellungnahme des OSP Sachsen. Gleichzeitig bekräftigte er, für einen sauberen, gewaltfreien Sport zu stehen. "Wir verurteilen jegliches Fehlverhalten und entschuldigen uns bei Betroffenen für entstandenes Leid. Darüber hinaus hinterfragen wir uns kritisch. Ziel des OSP Sachsen muss es sein, Versäumnisse von unserer Seite aufzuarbeiten und alles dafür zu tun, dass sich diese in Zukunft nicht wiederholen", teilte der OSP mit.

Eine vom DTB beauftragte Kanzlei aus Frankfurt am Main hatte bei ihren Ermittlungen zu den vom Nachrichtenmagazin Der Spiegel enthüllten Vorfällen „schwerwiegende Pflichtverletzungen“ am OSP Sachsen festgestellt. Es sei "richtig und wichtig, dass der DTB die Vorwürfe professionell und unter externer Begleitung mit einem Gutachten hat untersuchen lassen", sagte Alfons Hörmann. Der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes ergänzte: "Ich begrüße auch, dass das DTB-Präsidium daraus wichtige Ableitungen und das richtige Fazit gezogen hat." Seitens des DOSB führe man eine eigene, unabhängige Untersuchung durch, um zu klären, ob "es weitere strukturelle, organisatorische oder personelle Schwachpunkte am OSP gibt".

Einige Sportlerinnen, beispielsweise die ehemalige Schwebebalken-Weltmeisterin Pauline Schäfer, hatten Frehse vorgeworfen, sie im Training schikaniert, Medikamente ohne ärztliche Verordnung verabreicht und keinen Widerspruch zugelassen zu haben.

Die Trainerin bestritt mehrfach und auch bei einer Befragung im Rahmen der Untersuchung diese Vorwürfe. Es handele sich um haltlose Anschuldigungen und Unwahrheiten. Dagegen kommt das jetzt dem DTB vorliegende Gutachten nach der Befragung von 32 Personen unter anderem zu dem Ergebnis, dass „in 17 Fällen hinreichende tatsächliche Anhaltspunkte für die Anwendung psychischer Gewalt durch die Trainerin vorliegen“.

Hölzl sagte: „Es ist keine einmalige Entgleisung. Es sind gravierende Pflichtverstöße.“ Als es 2018 erstmals Vorwürfe gegeben hatte, seien die eingeleiteten Maßnahmen „unzureichend“ gewesen. „Stellvertretend für den Turnsport entschuldigen wir uns bei den Athletinnen für das Leid, das sie erfahren haben“, sagte er. „Eine Goldmedaille bei Olympischen Spielen hat langfristig keinen Wert, wenn ein Turner nachher beschreibt, welches Leid er erfahren und welches fürchterliche Leben er gehabt hat.“

Verbandsboss Alfons Hölzl räumt Fehler ein und entschuldigt sich bei den Athletinnen.
Verbandsboss Alfons Hölzl räumt Fehler ein und entschuldigt sich bei den Athletinnen. © dpa/Rainer Jensen

Doch dabei will es der DTB nicht bewenden lassen. Geschehen und Gutachten böten Anlass, „den Turnsport in Deutschland mit seinen Strukturen zu hinterfragen und zu reformieren“. Eine entsprechende Tiefenbetrachtung dürfte auch das Bundesinnenministerium (BMI) erwarten, das jährlich einige Millionen Euro Fördergeld an den DTB überweist. „Wir möchten einen Struktur- und Kulturprozess aufsetzen, damit der Spitzensport unter Einhaltung des Kindeswohls möglich ist“, sagte Hölzl.

So will der Verband auf internationaler Ebene darauf hinwirken, das Startalter für Wettkämpfe bei den Senioren von derzeit 16 auf 18 Jahre zu erhöhen. Auch das Wertungssystem solle mehr Rücksicht auf Wachstumsprozesse bei Kindern nehmen. Wenn weniger Schrauben und Salti bei den Junioren zulässig sind, sinke auch die Trainingsbelastung, so die Argumentation. „Da geht es ans Eingemachte“, sagte Hölzl, der schwierige Debatten mit anderen Nationen wie China über das Regelwerk erwartet.

Außerdem strebt der DTB eine Reform seines Stützpunkt-Systems an, damit künftig junge Sportlerinnen und Sportler näher an ihrem Zuhause trainieren können. Das könne auch ein Vorbild für andere Sportarten sein. „Wir beginnen nicht bei Null, aber es gibt Schwachstellen, und es ist Verbesserungsbedarf festzustellen“, sagte Hölzl. Man müsse „große Überzeugungsarbeit leisten“.

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Das BMI wollte sich am Freitag noch nicht zum DTB-Bericht äußern. Der Report sei am Vortag eingegangen und werde nun geprüft, bevor über "eventuelle eigene Schritte und Maßnahmen" entschieden werde, sagte eine Sprecherin. "Die Vorkommnisse am Olympiastützpunkt Sachsen geben darüber hinaus Anlass, neben sexualisierter Gewalt auch psychische und physische Gewaltanwendung im Spitzensport beziehungsweise brutale Trainingsmethoden verstärkt in den Blick zu nehmen, mögliche systemische oder strukturelle Ursachen zu hinterfragen und grundsätzlich die Grenzen des Erlaubten im Leistungssport zu definieren", sagte die Sprecherin. (dpa)

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