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Wie überzüchtete Hunde leiden

Fragwürdige Hundezüchter züchten Tiere nach Wunsch. Doch oft entwickeln sie Gebrechen, unter denen sie ein Leben lang leiden. Wer tut etwas dagegen?

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Süß, aber auch ein Resultat von Qualzucht: ein Chihuahua-Welpe.
Süß, aber auch ein Resultat von Qualzucht: ein Chihuahua-Welpe. © 123rf

Beim Surfen auf Social-Media-Plattformen stößt man schnell auf eines dieser häufig geklickten Tierbilder. Es zeigt das traurige Gesicht eines Chihuahuas. Seine Augen quillen aus den Höhlen. Unter all den Tausenden Kommentaren finden sich Reaktionen wie „Der sieht aber niedlich aus.“ und „So einen möchte ich auch haben.“ Dass der Hund allerdings todkrank ist, scheinen nur wenige zu erfassen. Er leidet nämlich wie viele Tiere unter den schrecklichen Folgen von Qualzucht. Davon spricht man, wenn bei der Züchtung bestimmte Merkmale geduldet oder gar gefördert werden, die Schmerzen, Leiden, Schäden oder Verhaltensstörungen hervorrufen.

Die Liste der betroffenen Rassen ist ähnlich lang wie die Liste der Qualzuchtmerkmale. Häufig verbreitet ist die Kurzköpfigkeit oder auch Brachyzephalie genannt. Sie ist die Folge einer Zucht, bei der Schädel mitsamt Unterkiefer und Nase immer weiter verkürzt werden, um die häufig als niedlich empfundene Stupsnase beizubehalten.

Kurzköpfige Hunde und Katzen sind jedoch prädisponiert für Probleme der oberen Atemwege und leiden unter dem Brachyzephalen Atemwegs-Syndrom (BAS). Die Tiere weisen verengte Nasenlöcher und Nasenhöhlen auf. Auch ein verlängertes und verdicktes Gaumensegel sowie Veränderungen am Kehlkopf sind typisch. Diese Beeinträchtigung kann zu hochgradiger Atemnot, Blaufärbung der Schleimhäute und sogar zum Kollaps führen. Warme Temperaturen verschlechtern diese Symptome und haben nicht selten sogar tödliche Erstickungsanfälle zur Folge.

Nackte Hunde, kurze Beine, keine Zähne

Betroffene Tiere und Rassen sind insbesondere der Chihuahua, die Französische und Englische Bulldogge, der Mops, der Pekinese, der Zwergpinscher, der Malteser, der Boston Terrier oder Belgische Zwergriffons. Bei Katzen sind es die Perserkatzen, Britisch Kurzhaar und exotischen Kurzhaarkatzen.

Ein weiteres und häufiges Qualzuchtmerkmal ist der Merle-Faktor. Er bedeutet eine Genmutation im Erbgut von Hunden und beeinflusst unter anderem Haut-, Fell- und Augenfarbe beziehungsweise verursacht Pigmentstörungen. Merle-Hunde haben daher oft aufgehellte Partien der Augen, Haut oder des Felles. Reinerbige Tiere weisen dazu oft körperliche Fehlbildungen auf. Dazu zählen Fehlbildungen des Innenohrs mit einseitiger bis beidseitiger Taubheit, aber auch des Herzens oder der Augen. Viele Welpen kommen daher bereits blind zur Welt. Betroffene Hunderassen sind Australian Shepherd, Deutsche Doggen und Dackel der Farbe „Tiger“, Collies und Shelties mit der Farbbezeichnung Blue Merle, Welsh Corgi Cardigans oder Louisiana Catahoula Leopard Dogs.

Kurzbeinige Hunderassen, wie Basset, Welsh Corgi Pembroke, Dackel, West Highland White Terrier und Scotch Terrier, leiden an Chondrodysplasie und -dystrophie – eine genetisch bedingte Missbildung von Knorpel und Knochen. Diese führt zu einer abnormalen Entwicklung des Bewegungsapparates, wie verkürzten Extremitäten oder Wirbelsäulenveränderungen. Aber auch Fehlbildungen des Hüftgelenks sind keine Seltenheit und kommen insbesondere bei Deutschen Schäferhunden vor. Hunde der Rasse Shar Pei leiden aufgrund der überschüssigen Hautfalten oftmals unter idiopathischer Muzinose. Eine Hauterkrankung die zu Rötungen, Juckreiz und Infektionen führt.

Nackthunde haben wegen des Gendefekts der Haarlosigkeit hingegen mit Problemen der Wärmeregulation zu kämpfen. Des Weiteren sind Nackthunde genetisch prädisponiert für Anomalien des Gebisses, was zu Zahnausfall führen kann. Rhodesian Ridgeback Hunde wiederum sind anfällig für die erblich bedingte Krankheit der Dermoidzysten, durch die sich gefährliche Entzündungen an der Wirbelsäule bilden können.

Tierschützer fordern Verbot

Tierarzt Ralf Michling hat in seiner Praxis immer häufiger mit leidenden Qualzucht-Tieren zu tun. „Aufgrund der massiven Werbung, insbesondere mit Französischen Bulldoggen und Möpsen, ist die Anzahl der Halter solcher Rassen in den letzten Jahren spürbar gestiegen. Auch einen Trend in der Haltung von kleinen Hunderassen, wie etwa den Chihuahua, nimmt der Veterinärmediziner wahr. Die Beschwerden seiner Hundepatienten sind typisch für Qualzucht und reichen von Atemnot bis hin zu gastrointestinalen Problemen, degenerativen Wirbelsäulenveränderungen, Allergien, Augenerkrankungen, neurologische Erkrankungen und weitere Erkrankungen des Bewegungsapparates. In einigen Fällen sei sogar eine Euthanasie nötig, sagt Michling.

Die häufigste Maßnahme, die er etwa bei brachyzephalen Tieren durchführen muss, ist das Kürzen des Gaumensegels und die Vergrößerung der Nasenlöcher. Bei Shar Pei-Hunden beispielsweise ist es die Entfernung überschüssiger Haut im Kopfbereich sowie eine Korrektur der Augenlider. „Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass vielen Tieren damit deutlich mehr Lebensqualität verschafft werden kann“, sagt der Tiermediziner.

Operationen bei brachyzephalem Atemwegssyndrom dürfen in der Regel nur von spezialisierten Veterinärchirurgen in entsprechend ausgestatteten Praxen oder Kliniken durchgeführt werden, da sie meist aufwendig, risikobehaftet und insofern auch teuer sind. Die Eingriffe kosten häufig zwischen 900 und 3.000 Euro. Auch eine Versicherung bedeutet bei Tieren aus Qualzucht nicht zwangsläufig eine finanzielle Entlastung, denn viele Versicherer schließen rassetypische Erkrankungen aus. „Qualzuchten sollten generell verboten und auch durch die großen Verbände und Rasseausstellungen nicht mehr gefördert und zugelassen werden“, sagt Michling. Eine Haltung, die auch der Deutsche Tierschutzbund teilt.

Was tut die Politik?

Lisa Hoth-Zimak ist Tierärztin und Fachreferentin beim Deutschen Tierschutzbund, der die Vision einer Gesellschaft hat, die Tiere als Mitgeschöpfe achtet und ihnen Respekt und Mitgefühl entgegenbringt. Rund 740 Tierschutzvereine und 550 vereinseigene Tierheime beziehungsweise Auffangstationen sind ihm angeschlossen. Das Thema Qualzucht ist ihr und ihrem Verein ein Herzensthema. Denn obwohl im deutschen Tierschutzgesetz ein Qualzuchtverbot existiert, scheinen Angebot und Nachfrage regelrecht zu boomen.

Das Problem macht Hoth-Zimak an mehreren Komponenten fest, auch an der laschen Umsetzung des Verbotes. „Veterinärämter und Juristen haben sich des Themas kaum angenommen. Sie können sich zwar an dem Qualzucht-Gutachten orientieren, trotzdem müssen sie von Fall zu Fall Entscheidungen treffen. Auch die Rassestandards sind heute noch immer größtenteils so konzipiert, dass die Zuchtziele mit einer Qualzüchtung verbunden sind.“

Eine Lösung sieht Hoth-Zimak in der Gesetzgebung und somit im Handeln der Politik. „Um besser gegen Qualzuchten vorgehen zu können, ist eine Konkretisierung des Qualzuchtparagrafens notwendig. Es braucht dringend eine Erweiterung des Tierschutzgesetzes oder ein zusätzliches Gesetz beziehungsweise eine Verordnung, die klar definiert, was als Qualzucht gilt. Nicht nur die Zucht, sondern auch die Haltung, Werbung, Import und der Verkauf von Tieren aus Qualzucht sollten verboten werden.“

Im Kampf gegen das Tierleid versucht der Deutsche Tierschutzbund, mit verschiedenen Strategien vorzugehen. Aufklärungsarbeit leistet er auf sozialen Medien und Kongressen. Zudem hat er bei der Erstellung des Qualzucht-Gutachtens mitgewirkt. Darin werden Tierzuchtmerkmale aufgeführt, die beim Tier zu Schmerzen, Leiden oder Schäden führen und für bestimmte Merkmale Zuchtverbote empfohlen. „Im Dezember findet erstmals ein Seminar zum Thema für Amtstierärzte statt. Es soll ihnen bei der Umsetzung des Qualzuchtverbotes helfen“, so Lisa Hoth-Zimak. „Fachliche Zuarbeit leisten wir auch für das neue Quen-Projekt, eine Datenbank für Amtstierärzte zum Thema. Und auch ein enger Austausch mit anderen Ländern ist uns wichtig, denn in einigen, wie in den Niederlanden, gibt es bereits eine umfangreichere Gesetzgebung.“ Denn wie hat Weltveränderer Mahatma Gandhi einst gesagt: „Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie ihre Tiere behandeln.“