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Hilfskonvoi zurück in Bautzen und Wilthen

Zwei Busse aus dem Landkreis Bautzen bringen 85 Ukraine-Flüchtlinge nach Deutschland. Sächsische.de hat die Fahrt begleitet.

Von Levin Kubeth
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Im Rahmen der Aktion Busbrücke bringen Busunternehmen aus dem Landkreis Bautzen Flüchtlinge von der polnisch-ukrainischen Grenze nach Bautzen und Wilthen.
Im Rahmen der Aktion Busbrücke bringen Busunternehmen aus dem Landkreis Bautzen Flüchtlinge von der polnisch-ukrainischen Grenze nach Bautzen und Wilthen. © Matthias Wehnert

Bautzen. Sie wollen eine Brücke bauen, genauer gesagt eine "Bus-Brücke" von Deutschland in die Ukraine. Zwei Bus-Unternehmen aus dem Landkreis Bautzen waren seit Montagabend in Richtung polnisch-ukrainischer Grenze unterwegs. Auf der Hinfahrt hatten sie Hilfsgüter dabei, auf der Rücktour brachten sie Geflüchtete aus dem Kriegsgebiet mit nach Bautzen und Wilthen.

Organisiert haben die Fahrt der Reiseunternehmer Andreas Thomas aus Schirgiswalde und der Metallunternehmer Martin Düring zusammen mit Dürings Geschwistern Stefanie und Philipp. „Ein guter Freund, dessen Frau Ukrainerin ist, hat mich angesprochen und gefragt, ob wir einen Bus zur Verfügung stellen können“, berichtet Andreas Thomas über die Ursprünge der Hilfsaktion.

Er selbst stellte einen der beiden Busse. Der andere kam vom Omnibusbetreiber Siegfried Wilhelm aus Ebendörfel. Mehrere Unternehmen aus der Regionen unterstützen die Aktion. Sächsische.de war mit dem Hilfskonvoi unterwegs.

8. März. 17.30 Uhr: Die beiden Busse haben Bautzen erreicht. An Bord 85 Flüchtlinge, vor allem Kinder und Frauen. Einer der Busse fährt anschließend nach Wilthen weiter, wo die Stadt Wohnungen für die Flüchtlinge zur Verfügung stellt. Kurz gibt es nach der Ankunft in Bautzen noch Aufregung, denn offenbar wollen doch mehr Menschen hier aussteigen, als ursprünglich geplant war. Einige wollen von hier in andere Städte weiterreisen. Der ukrainische Pastor Sergej Kosiak von der Josua-Gemeinde moderiert.

Die Gemeinde hat sich auf die Ankunft der Flüchtlinge vorbereitet. Ein Willkommens-Paket mit Handtüchern, Zahnbürsten und Süßigkeiten wartet auf alle Mitreisenden. Einige Menschen aus Bautzen und der Umgebung sind da und bieten Wohnraum an. Darunter sind Carmen und Antje Groß, die eine kleine Einliegerwohnung für vier Geflüchtete zur Verfügung stellen. "Es ist einfach schlimm, was in der Ukraine passiert", sagt Carmen Groß.

8. März, 9 Uhr: Die „Bus-Brücke“ rollt zurück in Richtung Deutschland. Die Menschen im Bus sind erschöpft, trotz der holprigen Landstraßen schlafen viele. Eine Frau passt auf ihr kleines Kind auf – und auf das Meerschweinchen, das sie in einer Schale auf dem Schoß liegen hat.

8. März, 6.30 Uhr: Keine Stunde standen die Busse in Mircze. Jetzt geht es los Richtung Deutschland. Im Bus werden Gummibärchen, Getränke und Kekse verteilt. Die Kinder machen große Augen, wenn sie in den großen Gummibärchentopf langen dürfen.

© Levin Kubeth

8. März, 5.50 Uhr: Als Yana Lutsiv ankommt, gibt sie den Plan durch. Wer nach Bautzen will, solle den einen, wer nach Wilthen will, den anderen Bus nehmen. Viele Geflüchtete haben aber Fragen an Lutsiv. Die Busfahrer drängen bald loszufahren, weil ihre Lenkzeiten sonst nicht bis nach Sachsen reichen. Einige Geflüchtete erzählen Lutsiv, wohin sie eigentlich wollen. Sie und Andreas Thomas erklären ihnen dann, dass sie von Bautzen und Wilthen kostenlos mit dem Zug weiterfahren können.

8. März, 5.40 Uhr: Der Himmel färbt sich schon in ein kräftiges Gelb, da fährt der Konvoi an einer Aufnahmeeinrichtung in Mircze vorbei. Der Ort liegt 15 Kilometer vor der ukrainischen Grenze und 12 Kilometer vor dem Ort, den Thomas eigentlich als Ziel genannt hatte. Einige Geflüchtete sitzen schon draußen. Der Bus hält und die ersten beiden eilen zum Bus und steigen ein. Sie wollen nach Dresden, sagen sie.

Immer mehr Menschen kommen an den Bus. Frauen, Kinder, alte Männer. Eine Frau, die offenbar die Koordination übernommen hat, gibt Anweisungen durch. Das Problem: Yana Lutsiv, die zum Übersetzen dabei ist, sitzt in einem anderen Auto, da sie noch ihre Eltern von einem nahegelegenen Ort abgeholt hat. Die Organisatoren aus Bautzen können nicht genau an die Geflüchteten durchgeben, welcher Bus wohin fährt und dass dort Unterkünfte vorbereitet sind.

Der Saal des örtlichen Kulturzentrums in Mircze, 15 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Hier warten Menschen aus der Ukraine auf einen Weitertransport nach Deutschland.
Der Saal des örtlichen Kulturzentrums in Mircze, 15 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Hier warten Menschen aus der Ukraine auf einen Weitertransport nach Deutschland. © Matthias Wehnert

8. März, 1.50 Uhr: Die beiden Busse kommen im Industriegebiet von Rzeszóv in Polen an. Hier sollen die Hilfsgüter abgeben werden – doch Andreas Thomas und die Busfahrer finden die Halle nicht. Als er einen Mann sieht, lässt er den Bus stoppen, steigt aus und macht eine der Staufächer auf. „Help for Ukraine“, sagt er zu dem Mann und zeigt auf die Kisten. Doch der weiß auch nicht weiter.

Einsteigen, weiterfahren. Nun stehen die Busse an jenem Ort, den Google Maps als korrekt ausgibt. Doch niemand heißt das Team willkommen, niemand geht ans Telefon. Als Thomas einen Mann fragt, zeigt er auf eine Lagerhalle. „Es ist geschlossen. Sie müssen warten!“, sagt er. „Nein, nein, wir können nicht warten“, sagt Thomas.

Er schaut auf sein Handy. „Omega Pilzno“ steht dort in einer Tabelle, genauso wie auf der Lagerhalle vor ihm. Er geht zur Bustür: „Die haben mir telefonisch versichert, dass rund um die Uhr gearbeitet wird.“ Er ist genervt. „Vielleicht haben sie einfach zugemacht, weil sie die Kraft nicht mehr haben“, sagt er mit dem letzten Rest Empathie, den er aufbringen kann. „Abpacken und fertig! Wir haben keine andere Wahl, wir müssen ja weiter.“

Bei leichtem Schneefall lädt die Truppe die Kartons vor das Tor der Lagerhalle. Da kommt eine Gruppe junger Männer in orangenen und blauen Westen. Sie wollen helfen. Einer von ihnen erzählt, dass die Jungs aus der Ukraine kommen und in Polen arbeiten. Als alles abgestellt ist, sagt Düring: „Es wäre schöner gewesen, wenn jemand da gewesen wäre, damit wir sehen, wie es angenommen wird.“ Denn ob der Ort tatsächlich der richtige ist, das erfährt das Team nicht. „Ein bisschen Abenteuer ist dabei“, sagt er. Bevor es weiter geht, posiert einer der Busfahrer mit einer schusssicheren Weste, die auch abgegeben werden soll. „Sollen wir die nicht vorsichtshalber doch mitnehmen?“

7. März, 21.30 Uhr: Yana Lutsiv ist eine der neun Mitfahrerinnen und Mitfahrer Richtung ukrainische Grenze – obwohl sie erst von dort kommt. Am 24. Februar sei sie in Kiew von den Bomben morgens geweckt worden, erzählt sie. „Ich habe gezittert und zehn Zigaretten geraucht.“ Immer wieder habe sie ihre ukrainische Nachrichten-App aktualisiert. Erst bei der sechsten Bombe habe sie dort gelesen, was los sei im Land.

Zwei Tage später habe sie Kiew verlassen, um nach Ternopil zu ihren Eltern zu fahren. Die Stadt im Westen der Ukraine liegt 115 Kilometer vor Lwiw. Ihre Eltern hätten aber nicht das Haus und die Katze verlassen wollen, deswegen sei sie alleine weitergefahren. Die Flucht sei problemlos gelaufen. „An dem Tag war es an der rumänischen Grenze noch nicht voll.“

Yana Lutsiv ist eine der neun Mitfahrerinnen und Mitfahrer in den zwei Bussen, die am Montagabend vom Landkreis Bautzen aus in Richtung Ukraine gestartet sind, um Hilfsgüter zu liefern und Flüchtlinge mitzunehmen.
Yana Lutsiv ist eine der neun Mitfahrerinnen und Mitfahrer in den zwei Bussen, die am Montagabend vom Landkreis Bautzen aus in Richtung Ukraine gestartet sind, um Hilfsgüter zu liefern und Flüchtlinge mitzunehmen. © Matthias Wehnert

Von dort ging es nach Leipzig, wo sie bis vor einem Jahr noch gelebt hat. Jetzt fährt sie mit an die polnisch-ukrainische Grenze. Ihre Eltern würden dort schon warten, erzählt sie. „Meine Eltern zu holen, ist für mich am wichtigsten“, sagt sie. Sie holt ihr Smartphone heraus und zeigt zwei Fotos einer Freundin. Auf dem ersten Foto trägt sie ein schwarzes Abendkleid, auf dem zweiten Camouflage-Montour und ein Gewehr. „Ich habe Respekt für sie“, sagt Yana Lutsiv. Selbst so was zu machen, könne sie sich aber nicht vorstellen. Sie wolle anders helfen. Auf der Fahrt ist sie auch dabei, um zu übersetzen, wenn die Geflüchteten in den Bus steigen und Fragen haben.

7. März, 18.20: Überpünktlich setzen sich die beiden Busse in Bewegung. Doch davor gibt es noch ein Hindernis zu überwinden. Eine ukrainische Flagge soll in die Windschutzscheibe geklebt werden. Doch wie rum gehört sie? Gelb nach oben? Blau nach oben? Die Ukrainerin Yana Lutsiv kann helfen. „Andersrum“, sagt sie. Sie ist erst vor eine Woche aus Kiew geflohen. Jetzt fährt sie wieder mit an die Grenze, um zu übersetzen.

7. März, 17.30 Uhr: Zwei Dutzend Helferinnen und Helfer sind auf den Niedermarkt von Schirgiswalde gekommen, um die ganzen Spenden umzupacken. Palettenweise Gläser mit Würstchen, Fünf-Minuten-Terrinen, Shampoo und Windeln stapeln sich in Autos, Lieferwagen und im Eingangsbereich des Reisebüros A-Teams. Chef Andreas Thomas und der Unternehmer Martin Düring haben in der Verwandtschaft und in Sozialen Medien zu Spenden aufgerufen.

Reisebüro-Betreiber Andreas Thomas (links) hat gemeinsam mit Metallunternehmer Martin Düring zu der Hilfsaktion aufgerufen
Reisebüro-Betreiber Andreas Thomas (links) hat gemeinsam mit Metallunternehmer Martin Düring zu der Hilfsaktion aufgerufen © Steffen Unger

Gleich fünf Kartons hat Uwe Menschke dabei. Der 63-Jährige hat Essen und warme Kleidung mitgebracht. Auf den Kartons ist die Kleidergröße notiert. „Wir haben immer Klamotten aufgehoben und wollten sie eigentlich auf den Trödel geben“, sagt er und klappt die Kofferraumklappe zu. „In der Ukraine sind sie vielleicht besser aufgehoben.“

Auf den Transport mitgenommen werden Kleiderspenden erst einmal nicht. Es gibt vor Ort schon genug. Hosen, Jacken und Pullover bleiben deshalb in Deutschland als Erstausstattung, wenn die Flüchtlinge hier ankommen. Denn mehr als einen Koffer oder Rucksack haben die meisten von ihnen nicht dabei.

Neben Sachspenden sammelt Unternehmer Thomas auch Geld, um die "Bus-Brücke" zu finanzieren. 30.000 Euro sind schon zusammengekommen. „Wir fahren solange wir Geld haben“, sagt Mit-Organisator Martin Düring. Für den März sei das Ziel mit zwei Busen pro Woche an die ukrainische Grenze zu fahren. Mit dem übrigen Geld solle der Landkreis bei Hotelbetten und Unterkünften unterstützt werden. Dürings ganze Familie packt an. Der jüngste ist 11, der älteste 70.

7. März, 16.30 Uhr: Bereits seit dem Morgen können im Reisebüro am Niedermarkt in Schirgiswalde Hilfsgüter abgegeben werden. Die Resonanz auf den Aufruf ist groß. Zum Glück scheint die Sonne, so können die Helfer zum Verpacken nach draußen umziehen. Vor allem Lebensmittel und Hygieneartikel werden verpackt. Einige Ärzte wollen Medikamente vorbeibringen, berichtet Reiseunternehmer Andreas Thomas. Die gesammelten Hilfsgüter sollen an einem Ort in Polen abgegeben werden. Dann gehe es nach Dołhobyczów. Der Ort liegt vier Kilometer vor der ukrainischen Grenze, rund 80 Kilometer nördlich von Lwiw. Dort sollen 90 Geflüchtete abgeholt werden. Dann gehe es gleich nach Deutschland zurück, so Thomas. Ein Bus fahre zur Josua Gemeinde nach Bautzen, wo schon erste ukrainische Geflüchtete angekommen sind.

Das Ziel des zweiten Buses sei Wilthen. Das habe Thomas mit Bürgermeister Michael Herfort (CDU) abgesprochen. Für die Fahrt sei für Verpflegung gesorgt. Es gebe Kaffee und Tee, ein Jäger habe frische Würste gesponsert, Decken lägen bereit.

Sächsische.de-Reporter Levin Kubeth begleitet den Transport.
Sächsische.de-Reporter Levin Kubeth begleitet den Transport. © Steffen Unger