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Gas-Riese VNG erfindet sich ohne Russland neu

Durch den Krieg in der Ukraine fährt der Leipziger Konzern VNG Verbundnetz Gas hohe Verluste ein – und baut sein Geschäftsmodell um.

Von Sven Heitkamp
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Der Leipziger Versorger VNG hat das Geschäftsjahr 2022 mit einem Konzernergebnis von minus 337 Millionen Euro abgeschlossen.
Der Leipziger Versorger VNG hat das Geschäftsjahr 2022 mit einem Konzernergebnis von minus 337 Millionen Euro abgeschlossen. ©  dpa/Jan Woitas

Leipzig. 65 Jahre lang war russisches Gas das Erfolgsmodell von VNG Verbundnetz Gas in Leipzig. Ostdeutschlands umsatzstärkstes Unternehmen importierte und verteilte die preisgünstige Energie an rund 400 Stadtwerke und Firmenkunden, schrieb zuletzt zweistellige Milliarden-Umsätze und dreistellige Millionen-Gewinne. Doch seit vorigem Sommer ist alles anders.

Die beiden Lieferverträge mit Gazprom liefen in Folge des Kriegs in der Ukraine aus. Stattdessen mussten die Partner in Norwegen mehr liefern, auch auf den Energiemärkten wurde deutlich mehr Gas zugekauft. Parallel sank die Nachfrage – und die Preise explodierten. Mehr als 1,1 Milliarden Euro habe es sein Haus gekostet, Ersatz für ausgefallene russische Importe zu beschaffen, sagte am Dienstag Bodo Rodestock, Vorstandsmitglied für Finanzen der VNG AG.

Zeitweise habe man jeden Tag zweistellige Millionenverluste gemacht, um die Kunden weiter zu den vertraglich vereinbarten, deutlich niedrigeren Preisen zu beliefern. Das über viele Jahre aufgebaute Eigenkapital sei dabei nahezu aufgezehrt worden, so Rodestock.

Kurz vor der Verstaatlichung

Im vorigen Herbst musste das zuvor kerngesunde Unternehmen sogar Staatshilfen beim Bund beantragen und stand zeitweise knapp vor einer Verstaatlichung. Erst die Kapitalerhöhung um 850 Millionen Euro der Haupteigentümer EnBW Energie Baden-Württemberg und einiger ostdeutscher Kommunen bis Ende Mai dieses Jahres brachte den Leipziger Gas-Tanker wieder auf Kurs. In diesem Jahr hoffe der Konzern mit seinen zurzeit 1.600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aber wieder auf Gewinne zwischen 110 und 160 Millionen Euro.

Einen Überblick über das vergangene Jahr lieferten die VNG-Vorstände jetzt mit ihrem historisch wohl einmaligen Geschäftsbericht. Von einer Partnerschaft mit den Russen könne „nicht mehr die Rede sein“, sagte Vorstandschef Ulf Heitmüller. „Die allermeisten Brücken sind eingerissen.“ Der erste Liefervertrag sei im Mai ausgelaufen, der zweite Vertrag Mitte Juni. Ob es jemals eine Wiederaufnahme der Geschäftsbeziehungen mit Russland gebe, sei schon angesichts der „Schleifspuren im Vertrauen“ völlig offen. „Der russische Angriffskrieg war ein Wendepunkt für die Energiewirtschaft und auch für den VNG-Konzern“, so Heitmüller.

Ulf Heitmüller, Vorstandsvorsitzender der VNG AG
Ulf Heitmüller, Vorstandsvorsitzender der VNG AG © dpa/Jan Woitas

Zwar habe die VNG 2022 durch die extrem hohen Marktpreise für Erdgas ihren Umsatz auf 36 Milliarden Euro verdoppelt. Gleichzeitig sank jedoch der Gasabsatz um 23 Prozent auf rund 588 Milliarden Kilowattstunden – nach rund 762 Milliarden Kilowattstunden. Unter dem Strich schrieb die VNG voriges Jahr ein deutliches Minus von 337 Millionen Euro nach einem Plus von 141 Millionen Euro noch 2021.

Der Abschied vom russischen Gas beschleunigt dabei zugleich den Umbau der VNG, die bis 2045 CO2-neutral sein will. So betreibt die Tochter „Balance Erneuerbare Energien“ mittlerweile 40 Biogasanlagen in Ost- und Norddeutschland. Damit versorge das Unternehmen rund 51.000 Haushalte mit erneuerbarem Strom und mehr als 53.000 Haushalte mit grünem Gas. Der Geschäftsbereich habe ein Ergebnis im oberen einstelligen Millionenbereich beigesteuert.

Vor allem baut die VNG nun auch ihr Geschäft mit Wasserstoff aus, sagt das Vorstandsmitglied für Infrastruktur und Technik, Hans-Joachim Polk. Unter anderem bereitet sich die VNG-Tochter Ontras auf den Transport von Wasserstoff vor. Im Leuchtturmprojekt „Energiepark Bad Lauchstädt“ soll mit Windkraft grüner Wasserstoff hergestellt und die gesamte Wertschöpfungskette samt Speicherung, Transport, Vermarktung und Nutzung getestet werden.

Zudem plane die VNG mit einem weiteren Konsortium in Gordemitz in Nordsachsen die Produktion von Wasserstoff aus Rohbiogas. Das Pilotprojekt auf dem Gelände einer Biogasanlage wird vom Bundeswirtschaftsministerium gefördert.

Gleichzeitig wolle der Konzern die Infrastruktur wie LNG-Terminals, Fernleitungs- und Verteilnetze und die Speicherinfrastruktur für den Hochlauf grüner Gase nutzen. „Nur durch internationale Kooperationen und zusätzliche Importe von Wasserstoff können wir die Nachfrage für einen erfolgreichen Strukturwandel decken“, sagt Polk. So könne Rostock mit seinem Überseehafen und einem schon vorhandenen Ammoniak-Terminal als Drehscheibe für solche Importe fungieren.

Mit dem norwegischen Energieunternehmen Equinor plane VNG, Wasserstoff CO2-arm in Rostock herzustellen. Das Projekt könnte 2030 etwa 20 Prozent des prognostizierten Bedarfs im Osten decken, so Polk. Parallel arbeite die VNG mit dem französischen Unternehmen Total Eren am Aufbau einer grünen Wasserstoff-Lieferpartnerschaft mit Chile. Dabei könnte grünes Gas in Form von Ammoniak nach Rostock transportiert und dann verteilt werden. Auch eine Kooperation mit dem algerischen Energieunternehmen Sonatrach könnte auf längere Sicht die Lieferung von grünem Wasserstoff aus Algerien ermöglichen. „VNG“, sagt Polk, „versteht sich als aktiver Gestalter der Energiewende.“