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Tiny Houses: Kleine Heime groß im Kommen

Der Trend der vergangenen Jahre ist eindeutig: Wir leben in immer größeren Wohnungen. Doch es geht auch anders.

Fährt ein Haus an der Tankstelle vor. Die Firma Tiny House Diekmann macht es möglich.
Fährt ein Haus an der Tankstelle vor. Die Firma Tiny House Diekmann macht es möglich. © diekmann

Von Markus Wanzeck

Es geht hoch her in Hamm-Bockum-Hövel, tiefe westfälische Provinz. Eine Werkhalle, vollgestellt mit Minihäusern. Aus allen Ecken Maschinendröhnen. Hämmern, klopfen, sägen. Neun Tiny Houses werden parallel gebaut, mehr Platz gibt die Halle nicht her. Der Laden läuft bei „Tiny House Diekmann“.

Ein typisches Bild. Denn Tiny Houses erleben in Deutschland einen rasanten Aufschwung. Meist versteht man unter einem Tiny House ein voll ausgestattetes Haus mit einer Grundfläche von bis zu 30 Quadratmetern, das auf einen Anhänger gebaut ist. Damit soll es zwei Bedürfnisse zugleich befriedigen: das Zuhausesein und das Unterwegssein. Vor etwa fünf Jahren gab es Tiny Houses hierzulande im Grunde noch nicht, sieht man von Bauwagen-Siedlungen oder Zirkuswagen ab.

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2015 übernahm Stefan Diekmann, damals 29, den elterlichen Betrieb. Die Schreinerei Heinz Diekmann GmbH, 1949 gegründet, wurde zum Familienbetrieb in nun dritter Generation. Bis dahin zimmerten sie vor allem Fenster, Türen, Wintergärten. Im selben Jahr, die Idee hatte er von einem Kanada-Aufenthalt mitgebracht, zimmerte der neue Chef einen Tiny-House-Prototypen. Anfang 2016 verkaufte Diekmann sein erstes Minihaus. Damit war er einer der Pioniere in Deutschland. Heute baut er bis zu 60 Häuser pro Jahr.

Weniger Fläche, weniger Energie

„Wintergärten waren 30 Jahre lang unser Kerngeschäft“, sagt Stefan Diekmann. „Und das, was wir jetzt machen, sind im Prinzip Wintergärten auf Rädern.“ Er meint: beides Holzständerwerke. Sehr artverwandt. „Die Kompetenz dafür war da, die Maschinen, die Halle. Das hat einfach gepasst wie die Faust aufs Auge.“ Und so hat sich die Schreinerei Diekmann eine neue Geschäftsgrundlage gezimmert.

Die Vorsitzende des Tiny-House-Verbandes, Regina Schleyer, schätzt die Zahl der gewerblichen Minihausbauer auf inzwischen gut fünf Dutzend. Diekmann ist der Größte von ihnen. Auch in Sachsen gibt es ein paar Anbieter. Die Firma „Reset House“ aus dem Erzgebirge etwa, die räderlose Holzhäuschen für den Lkw-Anhänger anbietet. Oder die auf Zirkus- und Bauwagen-Holzheime spezialisierten Leipziger Anbieter „Bewegt leben“, „Die Wagenschneider“ und „Rolling Homes“.

Kompakt, gemütlich, preiswert. Tiny Häuser sind gefragt.
Kompakt, gemütlich, preiswert. Tiny Häuser sind gefragt. © reset house

Unter Umweltgesichtspunkten wäre es wünschenswert, wenn der Tiny-House-Trend ein Vorbote für Wohnraumverkleinerung wäre: Weniger Flächenfraß, geringerer Energieverbrauch. Es wäre ein Gegentrend zu den zurückliegenden Jahrzehnten. Denn wir beanspruchen immer mehr Wohnfläche pro Kopf. 1991 waren es noch etwa 35 Quadratmeter, heute sind es knapp 47 Quadratmeter – eine Zunahme um fast 35 Prozent.

Tatsächlich entscheiden sich viele Käufer aus Nachhaltigkeitsgründen für ein Tiny House. Ein zweiter Grund: Man kann damit, theoretisch, beispiellos bequem seinen Wohnort wechseln. Ein weiterer sei der Preis, erklärt Vera Lindenbauer von Tiny House Diekmann. „Ob ich für 500.000 Euro ein Einfamilienhaus kaufe, was selbst hier im Münsterland mittlerweile üblich ist, oder ein Tiny House für 60.000 Euro – das sind Welten.“

Deutsche Behörden oft ratlos

Die Vorsitzende des Tiny-House-Verbandes Regina Schleyer glaubt, dass das Kleinheim-Konzept auch für sich genommen verfängt, unabhängig von der damit einhergehenden Ersparnis: „Der Minimalismus ist eine gesellschaftliche Entwicklung, die immer mehr Menschen überzeugt.“ Tiny Houses könnten in einer Überflussgesellschaft geradezu als Erholungsbereiche dienen, so Schleyer: „Es ist einfach schön, auf so einem begrenzten Platz alles vorzufinden. Wenn Tiny Houses intelligent montiert sind, sind sie wahre Raumwunder.“

Wer allerdings davon träumt, in ein Tiny House zu ziehen und ein einfacheres Leben zu beginnen, wird bald feststellen, dass das in Deutschland gar nicht so einfach ist mit der Einfachheit. Anders als in den USA, dem Ursprungsland der Tiny Houses, sorgen die Minihäuser bei deutschen Behörden oft für Ratlosigkeit. „Gemeinden wissen meist nicht, wie sie die beurteilen sollen“, so Schleyer.

Klar ist: Als mobile Immobilien gilt für Kleinheime auf Rädern sowohl das Straßenverkehrs- als auch das Baurecht. Das macht es doppelt kompliziert. „Das Thema Tiny Houses ist generell mit viel Recherche verbunden“, sagt Michael Stachurski, der aus ebendiesem Grund zusammen mit seiner Partnerin auf der Webseite www.tiny-house-helden.de eine der übersichtlichsten Infosammlungen des deutschsprachigen Internets dazu zusammengetragen hat.

Dauerhaftes Wohnen ist problematisch

Was Minihäuser als Immobilien betrifft, ist entscheidend, ob man darin nur ab und an mal übernachten oder sie als dauerhaften Wohnsitz nutzen möchte. „Letzteres ist mit deutlich mehr Hürden verbunden“, so Stachurski. Dann braucht man in der Regel ein erschlossenes Baugrundstück, das ans Strom-, Wasser- und Abwassernetz angeschlossen ist. „Mit einem Tiny House verbindet man ja oft Naturnähe. Aber die Wiese eines Bauern reicht als Stellplatz nicht – selbst wenn er das erlaubt.“

Eine unkompliziertere Alternative zu Baugrundstücken sind Campingplätze. Allerdings gestatten nur wenige dauerhaftes Wohnen.

Neben der rechtlichen Unklarheit gibt es bei Tiny Houses einige weitere Haken. Dazu gehört die Lebensdauer der leichten, meist aus Holz gefertigten Häuschen. Wie sie wohl nach Jahrzehnten in Wind und Wetter aussehen? Zudem sind Minihäuser auf Rädern, um Gewicht zu sparen und Raum zu gewinnen, meist nicht sehr dick gedämmt. Das macht sie im Winter, wenn Heizen nottut, zu einer zwar räumlich radikal reduzierten, aber auf die verbleibenden paar Quadratmeter gerechnet nicht gerade energieeffizienten Wohnform.„Tiny Houses sollten schon der Wärmeschutzverordnung entsprechen“, so Regina Schleyer vom Tiny-House-Verband. Sie geht davon aus, dass Baumaterialen und Dämmstoffe in dieser Hinsicht weiter optimiert werden. Allerdings plädiert sie auch dafür, die Richtlinien so anzupassen, dass nicht allein der Energieverbrauch pro Quadratmeter, sondern der „gesamtökologische Aspekt eines Gebäudes“ bewertet wird.

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„Von den verschiedenen Formen der Tiny-Häuser, die es gibt, sind diejenigen auf Rädern die unökologischsten“, ist Daria Kistner, Vorstandsmitglied von Transition Town Hannover, überzeugt: Dünne Dämmung, kalte – im Sommer: heiße – Außenluft von allen Seiten. „Je kleiner das Verhältnis vom Volumen zur Oberfläche, desto mehr Heiz- oder Kühlenergie muss man aufwenden.“

In städtischen Wohngebieten hält Kistner Tiny Houses ohnehin für ungeeignet. Schließlich sei der Flächenverbrauch der Minihäuser immens – verglichen mit mehrstöckigen Gebäuden.

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