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Was ist seit dem Pflegeheim-Eklat passiert?

Personalnot und Pflegemissstand: Das Seniorenheim in Niederoderwitz hatte bundesweit Negativ-Schlagzeilen geschrieben - und einiges bewegt.

Pflegedienstleiterin Carola Wilhelm mit einer Bewohnerin des Niederoderwitzer Seniorenheims.
Pflegedienstleiterin Carola Wilhelm mit einer Bewohnerin des Niederoderwitzer Seniorenheims. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Schwester Carola lacht mit den Augen. Ihren Mund können die Heimbewohner unter der FFP2-Maske ja nicht erkennen. Aber an den Augen sehen sie es: Schwester Carola ist fröhlich. Gerade kommt sie mit einer Bewohnerin den Gang entlang. Die Bewohnerin unter ihrer Maske lacht auch.

Carola Wilhelm ist die Pflegedienstleiterin im Seniorenheim in Niederoderwitz. Als sie 2019 hier anfing, hatte das Haus mit seinen über 200 Bewohnern bundesweit negative Schlagzeilen geschrieben und steckte in einer tiefen Krise: Jahrelang hatten große Personalnot, eklatanter Fachkräftemangel und daraus resultierende pflegerische Missstände geherrscht - von der damaligen Heimleitung und dem privaten Betreiber ignoriert und von den staatlichen Aufsichtsbehörden übersehen oder geduldet.

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Im Juni 2019 - nach zahlreichen Hinweisen und weil immer mehr Mitarbeiter kündigten - hatte die sächsische Heimaufsicht reagiert und einen sofortigen Aufnahmestopp für das Haus verfügt - eine landesweit sehr seltene und nur im äußersten Notfall durchgesetzte Maßnahme. Inzwischen - und das ist jetzt eine richtig gute Nachricht - darf das Pflegeheim wieder neue Bewohner aufnehmen.

Das freut auch den Bürgermeister: "Die Hausleitung und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben im vergangenen Jahr Großes geleistet", schreibt Cornelius Stempel (parteilos) in seinem Grußwort in der April-Ausgabe des Oderwitzer Mitteilungsblattes. Diese Einschätzung teilt man auch bei der Sächsischen Heimaufsicht: Alle Gründe, die im Juni 2019 zum Aufnahmestopp geführt hatten, sind durch die Einrichtung abgestellt worden, bestätigt eine Sprecherin. Der Einrichtung sei es gelungen, ihre Personalsituation wieder zu stabilisieren. "Die gesetzlichen Anforderungen können jetzt eingehalten werden. Innerhalb des letzten Jahres wurden keine erneuten Beschwerden bekannt", teilt die Sprecherin der Heimaufsicht mit.

Nur noch halb so viele Bewohner

"Wir sind sehr froh über dieses Vertrauen und wissen das auch sehr zu schätzen", sagt Petra Niebler. Die Pflegeexpertin aus Nürnberg hat vor einem reichlichen Jahr die Heimleitung übernommen und seitdem vieles umgekrempelt. Sie hat nach vorne gedacht, Arbeitsabläufe optimiert und die Mitarbeiter neu motiviert. "Es war eine Mammutaufgabe", sagt sie heute. "Aber wir haben es geschafft. Gemeinsam!" Auf das "Gemeinsam" legt sie großen Wert. "Wir arbeiten alle zusammen, wir sind wirklich ein Team geworden", sagt sie.

Pflegedienstleiterin Carola Wilhelm kann das nur bestätigen. "Wir konnten sogar wieder Mitarbeiter zurückholen, die hier gekündigt hatten", erzählt sie nicht ohne Stolz. Inzwischen arbeiten wieder genügend Fachkräfte im Heim. Zustände wie die, die im Sommer 2019 zum Aufnahmestopp geführt hatten, gehören der Vergangenheit an.

Inzwischen hat das Haus aber auch nur noch halb so viele Bewohner. Von ursprünglich mehr als 200 Pflegebedürftigen leben im größten Seniorenheim der Region Löbau-Zittau inzwischen nur noch 97. Vor einem Jahr - und vor Beginn der Corona-Pandemie - waren es noch 141 Bewohner. Covid 19 hat auch in Niederoderwitz seine Todesopfer gefordert. Zwar wollen oder können weder die Heimleiterin noch der Landkreis sagen, wie viele Heimbewohner genau an und mit dem Virus gestorben sind, aber "es waren auch bei uns viele", sagt Petra Niebler. Man muss sich ja nur die Belegungs-Zahlen ansehen.

Corona verändert Heimalltag nachhaltig

Die Corona-Situation hat den Alltag und die Arbeit im Heim nachhaltig verändert. "Für viele Bewohner ist das wirklich nicht einfach", weiß Schwester Carola. "Wenn die Maske das halbe Gesicht bedeckt, ist die Verständigung erheblich erschwert - vor allem mit denjenigen, die nicht mehr gut hören oder an fortgeschrittener Demenz leiden", erklärt die Pflegedienstleiterin.

"Wir müssen immer gut abwägen zwischen dem Schutzbedürfnis der Bewohner und den Einschränkungen, die wir ihnen zumuten können", sagt sie. "Wir müssen einerseits die Vorschriften der Behörden umsetzen, dürfen die Bewohner in ihrer Lebensqualität aber auch nicht zu sehr einschränken. Da ist ein täglicher Spagat."

Zum Spagat gehört, dass das Heim Besuche von Angehörigen nach Voranmeldung jederzeit möglich macht. Eines der Dienstzimmer gleich neben dem Haupteingang ist zu einem Schnelltest-Zimmer umfunktioniert. Jeder Besucher wird dort vom Personal getestet, ehe er weiter ins Haus kommt. Auch zwei separate Besucherzimmer sind eingerichtet.

Weil den Bewohnern auch die Gemeinsamkeit fehlt, da nicht mehr gemeinsam im Speisesaal gegessen wird, keine Veranstaltungen stattfinden und die Cafeteria geschlossen ist, hat das Heim die Alltags-Betreuung verstärkt - auch an den Wochenenden. "Wir tun jetzt viel für eine vermehrte Einzelbetreuung", sagt die Pflegedienstleiterin, "und wir gehen mit den Bewohnern jetzt viel an die frische Luft - immer, wenn es das Wetter erlaubt." Dafür haben die Mitarbeiter jetzt auch den bisher ungenutzten Innenhof mit Sitzgruppen und Blumenbeeten schön gestaltet.

Die oberen beiden Etagen 5 und 6 sind leergezogen und befinden sich im Umbau. Die Bauarbeiten sind wegen der Corona-Situation ins Stocken geraten. "Wir hatten Quarantäne, zuletzt im Januar, und wollten die Bauarbeiter auch danach noch nicht ins Haus lassen", erklärt die Heimleiterin. Aus den alten Zweibettzimmern mit Waschbecken im Zimmer und nur einer Dusche und Toilette für alle Bewohner auf dem Gang sollen komfortable Einzelzimmer mit eigenen Nasszellen werden."

Rechnet sich das überhaupt?

148 Mitarbeiter hat das Pflegeheim jetzt. 60 Prozent sind ausgebildete Fachkräfte - eine Quote, die jetzt sogar über den gesetzlichen Anforderungen liegt. Damit kann das Heim theoretisch 155 Pflegebedürftige aufnehmen. Nach wie vor gehört die Einrichtung noch zu den preiswertesten im Landkreis Görlitz. 1.262 Euro zahlen Bewohner hier monatlich aus eigener Tasche zu. Rechnet sich das überhaupt für den privaten Heim-Betreiber Heinz Ewald Schumann, der kein Pflegefachmann ist, sondern Unternehmer?

Petra Niebler sagt eindeutig: Ja. Und sie sagt, dass sie sich darüber sehr freue. Mancher, fügt sie hinzu, würde sie auch heute noch auf die "schlechte Presse" ansprechen, die das Haus vor zwei Jahren sogar bundesweit geschrieben hat. Dann lächelt sie: "Es ist aber sehr schön, wenn schlechte Presse am Ende wirklich Gutes bewirkt."

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