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Gibt Corona dem Einzelhandel den Rest?

Wenn der Innenstadthandel lahmt, setzen viele auf City Manager. Und genau diese Experten trafen sich in Löbau und Zittau. Es gab nicht nur gute Botschaften.

Susanne Ramm aus Prenzlau hob die Funktion des City Managers gerade in Corona-Zeiten hervor.
Susanne Ramm aus Prenzlau hob die Funktion des City Managers gerade in Corona-Zeiten hervor. © Matthias Weber

Leere Schaufenster, Ladenschließungen, Billig-Märkte in erster Reihe - ein leidiges und immer drängenderes Thema deutschlandweit. Wie drängend, das erlebt Michael Reink, Präsident des City-Management-Verbandes Ost, beinahe täglich: "Wir haben schon vor Corona sehr viel mehr Anfragen zum City Management erhalten", erklärt er im Löbauer Haus Schminke, wo ein Teil der Herbsttagung des Verbandes in diesem Jahr stattgefunden hat. Auch in der Stadt Löbau hatte man jüngst mit dem Thema noch einmal geliebäugelt. Zittau hat sich für ein City Management entschieden, dass die Innenstadt attraktiver machen und damit den Gastronomen und Händlern helfen soll.

Aber funktioniert das auch in Corona-Zeiten? Dieser Frage schob Reink einen Lagebericht voraus, der es in sich hat: Demnach hat Corona und vor allem der Lockdown den teilweise negativen Trend beschleunigt und verstärkt: "Wir haben ab 2020 ohnehin mit einem rapide zunehmenden Leerstand in den Innenstädten gerechnet - auch ohne Corona", skizziert Reink die Zahlen seines Verbandes. Doch der Lockdown und das damit verstärkte Abwandern der Kunden ins Internet haben diese Entwicklung enorm beschleunigt.

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Alfred Simm berichtete den City Managern über die Erfolgsgeschichte der Zittauer Schmalspurbahn und wie sie inzwischen fest mit tschechischen Kunden rechnen können. 
Alfred Simm berichtete den City Managern über die Erfolgsgeschichte der Zittauer Schmalspurbahn und wie sie inzwischen fest mit tschechischen Kunden rechnen können.  © Matthias Weber
Michael Reink, Präsident des City-Management-Verbandes Ost. Zweimal im Jahr  lädt er die ostdeutschen City Manager zu Tagungen in den neuen Bundesländern ein. Diesmal war Löbau und Zittau an der Reihe. 
Michael Reink, Präsident des City-Management-Verbandes Ost. Zweimal im Jahr  lädt er die ostdeutschen City Manager zu Tagungen in den neuen Bundesländern ein. Diesmal war Löbau und Zittau an der Reihe.  © Matthias Weber

Getroffen haben die Maßnahmen vor allem kleinere Geschäfte in der Bekleidungs-, Schuh- und Schmuckbranche, aber auch Geschäfte für Bürobedarf oder Foto- und Optikartikel. Profitieren konnten hingegen Branchen, die man seltener in Innenstädten trifft: Möbel- und Baumärkte sowie der Lebensmittelhandel. Warum? "Weil die Menschen in Krisenzeiten dazu neigen, etwas für Haus und Hof zu kaufen - ein Sofa eher als ein neues Hemd", erklärt Michael Reink. Profitiert hat auch - enorm sogar - der Onlinehandel. "Aber damit ist eben leider nicht die lokale Händlerplattform gemeint, es waren die großen wie Amazon", sagt Reink. "Wir rechnen mit einer Insolvenzwelle zu Beginn des neuen Jahres, weil aktuell die Meldepflicht für eine drohende Zahlungsunfähigkeit ausgesetzt ist", macht Reink deutlich.

So hat Neubrandenburg die Leute in die Stadt gelockt

Was aber kann ein City Manager da schon bewirken? Eines vor allem: Die Innenstädte möglichst anziehend zu machen, sie mit Leben füllen. So wie die Stadt Neubrandenburg, die nach dem Lockdown mit Straßenkunst im besten Sinne die leere Einkaufsstraße wiederbelebt hat, denn die Geschäfte öffneten, aber die Leute kamen noch nicht. "Wir haben dann Graffiti-Künstler, Maler und Fotografen gebeten, für uns riesige Plakatwände zu gestalten", erzählt City Manager Michael Köhler. 30 solcher Kunstwerke sind dabei entstanden und die wurden mitten in der Einkaufsstraße aufgestellt - als Open-Air-Galerie. Das war so erfolgreich, dass auch die Künstler was davon hatten: Etwa 80 Prozent der Bilder wurden verkauft.

Eine andere wichtige Funktion des City Managers gerade in Coronazeiten hob Susanne Ramm aus Prenzlau hervor: "Wir haben den Händlern und Gastronomen die neuesten Regelungen und Vorschriften über verschiedene Kanäle von E-Mail bis zu WhatsApp geliefert und erklärt", beschreibt sie. Auch das Drucken einheitlicher Schilder - sei es für die Schließung während des Lockdowns als auch für die Maskenpflicht - habe man übernommen. Als die Geschäfte wieder öffnen durften, war es auch in Prenzlau wichtig, mit kleinen Aktionen, Open-Air-Märkten und Gutscheinaktionen die Kunden wieder in die Innenstadt zu locken.

Zittau hat einen City Manager

"Wir müssen den Einzelhandel stärken. Aber er muss auch wissen, dass er selber etwas dafür tun muss", sagt Zittaus IHK-Geschäftsstellenleiter Matthias Schwarzbach. Ein City Manager ist kein Allheilmittel. Aber er kann bei der Belebung der Innenstädte die zehn Prozent bringen, die der Handel nicht leisten kann, schildert er. Matthias Schwarzbach ist froh, dass es in mit Stefan Eichner einen City Manager gibt.

Er ist ein Bindeglied zwischen der Verwaltung und dem Einzelhandel. Er arbeitet dabei eng mit der IHK und Jiri Zahradnik zusammen. Der Tscheche ist bei der IHK in Zittau für das Kontaktzentrum für Sächsisch-Tschechische Kooperation zuständig. Jiri Zahradnik erklärte den etwa 30 ostdeutschen City Managern in Zittau, welche Chancen der deutsche Handel hat, tschechische Kunden zu gewinnen.

Nach einer Studie von 2019 fahren die Menschen aus 30 größeren böhmischen Orten bis fast nach Prag und Zittau zum Einkaufen. Die Studie hat das Kaufverhalten untersucht und warum das so ist. Und dafür gibt es vor allem zwei Gründe.

Studie bestätigt das Gerücht über die Qualität

Sie sparen beim Kauf von Markenware in Deutschland viel Geld. In einer deutschen dm-Drogerie kostete während des Zeitraumes der Studie die Zahncreme elmec  2,95 Euro, bei dm in Tschechien aber 4,20 Euro. Bei Schwimmwindeln betrug das Verhältnis 3,75 zu 4,75 Euro und bei einem Schnuller 3,25 zu 6,35 Euro - immer jeweils das gleiche Produkt.

Der zweite Grund ist der Qualitätsunterschied. "Was lange für ein Gerücht gehalten wurde, hat eine tschechische Studie bestätigt", schildert Jiri Zahradnik. 21 Produkte wurden dabei in Deutschland, Österreich und Tschechien gekauft und untersucht. Bei 17 stellte sich heraus, dass die Zusammensetzung in Deutschland und Österreich hochwertiger ist. Darunter waren Produkte wie Nesquik, Nutella, Persil, Coca Cola und Haribo.

Die Tschechen wissen, wie sie Kaufland und andere Märkte finden. Sie wissen aber nicht, was es in den deutschen Innenstädten alles zu kaufen gibt, erklärt er. Die Tourismusbranche hätte im Gegensatz zum Handel das Potenzial, was in tschechischen Kunden steckt, bereits erkannt.

Prag mal nicht mitgerechnet, leben in der böhmischen Region innerhalb einer Autostunde 490.000 Menschen. Der Durchschnitts-Brutto-Lohn liegt hier bei 1.000 Euro. Das sind Netto immerhin noch zwischen 700 und 800 Euro. In dieser Region leben auch 10.000 Menschen, die zur Arbeit nach Zittau und Umgebung pendeln. Hinzu kommt, das viele Tschechen, die in Prag oder bei Skoda in Mlada Boleslav gut verdienen, sich in Grenznähe ein Haus gekauft oder gebaut haben.

Diese Kaufkraft wird aber viel zu wenig oder falsch beworben, schildert der IHK-Mitarbeiter. Als Beispiel dafür zeigte er eine Werbeseite von Höffner. "Die ist 1:1 übersetzt und bringt gar nichts, weil niemand die deutschen Werbepersonen darauf kennt und Höffner auch nicht".

Die Tourismusbranche macht es dem Handel vor

Die Tschechen wollen wissen, was es wo gibt. Wo sie parken können und brauchen Informationen zu den Preisen, Öffnungszeiten und ob es tschechisch-sprachige Ansprechpartner gibt. Mit Letzterem hatte das Schmetterlingshaus in Jonsdorf im Nachbarland geworben. Schon im ersten Jahr kamen danach 40.000 Besucher und damit über 60 Prozent Tschechen. Zweimal sendete das tschechische Fernsehen aus dem Schmetterlingshaus. Auch die Zittauer Schmalspurbahn schätzt den Anteil der tschechischen Fahrgäste mittlerweile auf 40 Prozent.

Diese Kaufkraft könnte auch der Handel besser nutzen. Nach IHK-Recherchen in einigen Geschäften in der Zittauer Innenstadt schätzen diese den Anteil tschechischer Kunden auf acht bis 30 Prozent. Wie wichtig aber die Belebung der Innenstadt ist, zeigte sich bei einem Rundgang der City Manager durch das Stadtzentrum. Bei acht Prozent liegt derzeit die Leerstandsquote auf dem Markt, in der Innen Weberstraße gar bei 50 Prozent, berichtete Zittaus Wirtschaftsförderin Gloria Heymann.

"Wir werden nicht überall wieder Einzelhandel reinbringen können", sagt sie. Das habe viele Gründe. Vor der Wende lebten hier mal etwa 41.000 Menschen. Jetzt sind es 25.000. Ihre Kaufkraft liegt zudem unter dem deutschen und dem sächsischen Durchschnitt.

Aber wohin sie die ostdeutschen City Manager auch führte, ob zu "la fleur", der Buchkrone am Markt, JJ-Bikes oder zu Baldauf Schmuckdesign - alle sind gern Händler in der Innenstadt - trotz schwerer Corona-Zeiten.

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