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Corona-Inzidenzen unter 100: nur Trickserei?

Gesundheitsämter können die für Schul- und Ladenschließungen entscheidende Zahl beeinflussen. Das belegen Beispiele aus Bautzen, Pirna und Nordsachsen.

Der tägliche Blick auf die Corona-Statistik. Was die Belastbarkeit Zahlen angeht, setzt in Sachsen ein Umdenken ein.
Der tägliche Blick auf die Corona-Statistik. Was die Belastbarkeit Zahlen angeht, setzt in Sachsen ein Umdenken ein. © dpa

Bautzen/Pirna. Wer die Sieben-Tage-Inzidenz des Robert-Koch-Instituts (RKI) und der einzelnen Landkreise vergleicht, wird schnell feststellen: Da passt etwas nicht zusammen. Zum Beispiel meldet das Robert-Koch-Institut am Mittwoch für den Landkreis Bautzen einen Sieben-Tage-Wert von 83,3 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner, der Landkreis selbst aber seit dem 12. März durchgängig eine Inzidenz von über 100. Wie kann das sein?

In den sozialen Netzwerken sorgen diese Unterschiede für reichlich Gesprächsstoff. So schreibt Olit Ti auf Facebook: "Die Zahlen des Landkreises und des RKI passen nicht zusammen, mal unabhängig von den erklärten Differenzen verspäteter Meldungen." Heiko Wollf vermutet: "Bautzen misst anders." Und Kirstin Kroneberger fragt: "Wie können die Werte des RKI, die die Grundlage der Entscheidungen über Lockerungen darstellen, um einen Wert von 40 unterschiedlich zu denen des Kreises sein?"

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Inzidenz liegt laut Gesundheitsämtern über 100

Diese Frage können selbst Politiker nicht mehr beantworten. So verkündete der Pirnaer Landrat Michael Geisler (CDU) auf der jüngsten Sitzung im Kreisausschuss: "Wir werden ab sofort keine Inzidenz-Werte mehr für den Landkreis veröffentlichen." Monatelang habe man sich bemüht, jede einzelne Neuinfektion akribisch abzuarbeiten und weiterzumelden. Jede neue Anforderung an Details zu den Zahlen sei sofort umgesetzt worden.

"Dennoch unterscheidet sich die vom Robert-Koch-Institut errechnete Sieben-Tage-Inzidenz für den Landkreis extrem von unserer", stellte er enttäuscht fest. Dabei wird die Arbeit der Gesundheitsämter überall gelobt, sogar vom Robert-Koch-Institut selbst.

Landrat Michael Geisler (CDU) macht keinen Hehl aus seiner Enttäuschung über die Bewertung der aktuellen Corona-Zahlen.
Landrat Michael Geisler (CDU) macht keinen Hehl aus seiner Enttäuschung über die Bewertung der aktuellen Corona-Zahlen. © Daniel Förster

Aktuell liegen die RKI-Werte der Landkreise Sächsische Schweiz-Osterzgebirge und Bautzen unter dem politisch festgelegten 100er-Wert. Würden die Rechnungen der Gesundheitsämter zählen, läge man aber schon drüber. Lockerungen des Lockdowns müssten wieder rückgängig gemacht werden, wie etwa die Schulöffnungen.

Warum es Tage ohne eine einzige Infektion gibt

Doch was macht es so schwer, die Infektionszahlen zu einheitlichen Statistiken zu formen? Die Gründe sind nicht so leicht zu durchschauen. Etliche Statistik-Freaks hat das zur Verzweiflung getrieben. Einer, der es offenbar geschafft hat, das Rätsel zu knacken, ist Twitter-User "Kruegerol", der anonym bleiben möchte.

Seine Statistik macht deutlich: Je später ein Landkreis die Neuinfektionen meldet, desto später gehen sie in die Statistik des RKI ein - und sorgen darin für Verschiebungen. Da ist schon ein einziger Tag entscheidend. So sammeln zum Beispiel der Landkreis Bautzen und der Landkreis Mittelsachsen alle bestätigen Corona-Fälle eines Tages und melden diese dann erst geschlossen am nächsten Tag bis 12 Uhr bei der Landesuntersuchungsanstalt des Freistaates, die dann die Zahlen weiter ans RKI übermittelt.

So kommt es beispielsweise, dass im aktuellen Dashboard des RKI für Bautzen am Freitagmorgen kein einziger Fall vom Donnerstag, 18. März, auftaucht. In die Sieben-Tage-Inzidenz rechnet das RKI also eine Infektionszahl von null ein.

Ganz anders etwa im Landkreis Meißen. In dem selben Dashboard des RKI vom 19. März sind dort schon 70 Fälle für den 18. März aufgeführt. Die Sieben-Tage-Inzidenz des RKI für Meißen fällt entsprechend höher aus.

Das RKI ordnet die gemeldeten Fälle nicht an dem Tag ein, an dem sie beim RKI eingehen, sondern an dem Tag, von dem sie stammen. Effektiv ist es also für Bautzen nur eine Sechs-Tage-Inzidenz, weil der aktuelle Tag ja meist mit null eingeht.

Wer die Fälle sammelt und nicht sofort am selben Tag meldet, hat zwangsläufig eine niedrigere Inzidenz beim RKI als Kreise mit der gleichen Infektionslage aber anderem Meldeverhalten. Auf Dauer gleicht sich das wieder aus. Für die Wissenschaft ist das kein Problem. Jetzt legt die Politik aber die Lupe auf lediglich sieben Tage. Da macht das große Unterschiede.

RKI-Zahlen erst nach drei Tagen stabil

An einer Stelle ist das für jedermann im RKI-Dashboard nachvollziehbar. Allerdings nicht so leicht zu finden. Als einer der Ersten hat das Dr. Daniel Gerber entdeckt. Der sächsische Grünen-Landtagsabgeordnete hat ein eigenes Corona-Dashboard entwickelt und zeigt dort nachgemeldete Fälle an. Also jene, die vom RKI nicht dem aktuellen Tag, sondern vorherigen Tagen zugeordnet wurden.

Twitter-User "Kruegerol" hat mal die Inzidenzen ermittelt, die jeder Landkreis gehabt hätte, wenn diese "Nachmeldungen" einbezogen werden. Für Bautzen zeigt sich, dass die Sieben-Tage-Inzidenz schon mehr als fünf Tage am Stück über 100 lag. Im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge wäre es an zwei Tagen der Fall gewesen, wenn schneller gemeldet worden wäre.

Am 19. März meldete das RKI für den Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge 78 neue Infektionsfälle. Die gelbe Markierung zeigt, welchen Tagen sie zugeordnet wurden. Für den 18. März waren es lediglich sieben. Das Landratsamt hätte alle 78 jenem Tag zu
Am 19. März meldete das RKI für den Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge 78 neue Infektionsfälle. Die gelbe Markierung zeigt, welchen Tagen sie zugeordnet wurden. Für den 18. März waren es lediglich sieben. Das Landratsamt hätte alle 78 jenem Tag zu © Screenshot RKI-Dashboard

Langfristig hat "Kruegerol" dargestellt, dass es etwa drei Tage dauert, dass sich die Zahlen im RKI-Dashboard stabilisieren und kaum noch von den Meldedaten der Gesundheitsämter abweichen. Mit Blick auf die Bewertung einer pandemischen Lage der vergangenen Monate ist diese Schwäche für die Wissenschaftler verschmerzbar. Hält man den Fokus aber auf sieben Tage, wie es jetzt in den Corona-Schutz-Verordnungen praktiziert wird, hat das Meldeverhalten erhebliche Auswirkungen.

RKI verweist auf Kompetenz vor Ort

Der Anspruch beim RKI ist, wissenschaftlich genau zu arbeiten und nicht tagesaktuell die genaueste Statistik des realen Infektionsgeschehens abzubilden. Darauf weist das RKI auch ausdrücklich gleich auf seiner Startseite zum Coronavirus hin. Dort heißt es: "Aus dem Verlauf der übermittelten Daten allein lässt sich daher kein Trend zu den aktuell erfolgten Neuinfektionen ablesen."

Trends sind selbstverständlich ableitbar. Auf Nachfrage erklärt das RKI: "Am aktuellsten - und ausschlaggebend etwa für Maßnahmen vor Ort - sind immer die Zahlen der lokalen Behörden. Sie können auch die Situation vor Ort einschätzen." Landrat Geisler hat daran den Glauben verloren.

In Sachsen setzt aktuell aber ein Umdenken ein. Zur Corona-Pressekonferenz am Donnerstag, 18. März, erklärten Sozialministerin Petra Köpping (SPD) und Kultusminister Christian Piwarz (CDU), dass man bisher an den RKI-Zahlen festgehalten habe, um mit einheitlichen Zahlen Rechtssicherheit zu gewährleisten. Schließlich gibt es zahlreiche Klagen an Gerichten dazu.

Was die neue Corona-Schutz-Verordnung angeht, diskutiere man jedoch in der Landesregierung intensiv, wie Besonderheiten zusätzlich zur RKI-Inzidenz berücksichtigt werden könnten. Da ging es etwa um regionale Hotspots, die nicht unbedingt Schließungen in der gesamten Region nach sich ziehen müssten. Die Schwäche der RKI-Zahlen für die jüngsten Tage wurde aber nicht genannt.

Langsame Datenübermittlung hilft bei Schulöffnungen

Können Landkreise mit ihrem Meldeverhalten nun bewusst die RKI-Inzidenz beeinflussen, um etwa Maßnahmen hinauszuzögern? Sozialministerin Köpping widerspricht jedenfalls dem Vorwurf der Trickserei: „Es kann schon einmal zu Verschiebungen kommen. Aber ich unterstelle keinem Landkreis oder keiner kreisfreien Stadt, dass sie das in einer bösen Absicht machen“, sagte sie in der Pressekonferenz. Man könne zwar einen Tag unter die 100er-Grenze kommen, aber es würde für die Kommunen wenig ergeben, kurzfristig die Inzidenz für einen Tag zu drücken.

Dass diese Praxis sehr wohl für Lockerungen nützlich sein kann, zeigt ein Beispiel aus Nordsachsen. Seit dem 22. Februar lag die vom RKI gemeldete Inzidenz deutlich über 100. Am 10. März ist sie dann kurzzeitig auf 87,5 gefallen. Der Landkreis meldete zuvor zweimal null Fälle beim RKI.

Erst später wurden die Corona-Fälle für diesen Tag ergänzt und die Inzidenz stieg nachträglich auf über 100 an. Wären die Fälle wie in den Tagen zuvor direkt gemeldet worden, wäre die Inzidenz am 10. März auch bei über 100 gewesen. Die ab dem 8. März geltenden Lockerungen hätten wieder zurückgenommen werden müssen.

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Ein anderes Beispiel ist der Landkreis Bautzen. Wenn man dort alle Nachmeldungen nachträglich bei der RKI-Inzidenz beachtet, lege sie seit dem 11. März durchgängig über 100. Schulöffnungen oder Shoppen per Termin hätten also schon längst wieder zurückgenommen werden müssen. Da passt etwas nicht zusammen.

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